Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
Ich hätte so gern eine wilde Jugend!

Bildungsstreik – Was steckt dahinter?

Wir sind unzufrieden mit unserem Lernalltag. Prüfungsstress, Berge von Hausaufgaben, Unterrichtsstoff der nicht interessiert, nicht genehmigte Ausflüge und Fahrten, Schikanen von LehrerInnen und Mobbing unter MitschülerInnen. Das ist ein kleiner Auszug aus dem, was tagtäglich an unseren Schulen Realität ist.

Nach absolviertem Schulabschluss müssen viele einen Beruf ergreifen, den ihnen ihre Noten diktieren oder der ihnen das nötige Einkommen beschert, fernab von eigentlichen Talenten. Ein Studium kostet in vielen Bundesländern mittlerweile Gebühren. Allerspätestens hier wird klar, dass Bildung hauptsächlich eine Sache der wohlsituierten BürgerInnen ist und nicht die gesamte Gesellschaft den gleichen unbeschwerten Zugang zu ihr hat. Doch seit ca. 5 Jahren regt sich Protest gegen die hiesigen Missstände, nicht von Oppositionsparteien, sondern außerparlamentarisch, „von unten“.
Das sogenannte „Bildungsstreik“bündnis fällt hin und wieder mit Protest- und Aktionswochen auf. Dabei entstanden schon viele schöne Bilder mit einer hohen Symbolkraft nach außen und viele Jugendliche haben erstmals das Bewusstsein erlangt, ihre Bedürfnisse öffentlich zu proklamieren. Mit Sicherheit ist das ein Fortschritt. Nur, wie eigenständig sind die einzelnen SchülerInnen in ihrem Protest, ihrem Denken, ihrem Handeln? Wie sehr wird der/die einzelne SchülerIn von den Sichtweisen des „Bildugnsstreik“bündnisses beeinflusst? Wie aussichtsreich sind diese Sichtweisen? Mit welcher Praxis werden sie versucht umzusetzen? Und vor allem auch: Wie kann man sich erklären, dass die Bildugnsstreikbewegung nach anfänglich enormen Aufschwüngen, mit dem Höhepunkt in 2009, politisch nicht wirklich etwas bewirkt hat?

Zuerst muss man feststellen, dass der Name des Bündisses irreführend ist. Der Streik ist eine wirksame Waffe der Wert schaffenden, werktätigen Bevölkerung. SchülerInnen üben durch Abwesenheit vom Unterricht – und sei sie noch so massenhaft – keinen ökonomischen Druck auf irgendeine politische oder wirtschaftliche Führungsriege aus. Der Name an sich verspricht also mehr als er tatsächlich halten kann. Bei dieser unglücklichen Namenswahl kann man nur hoffen, dass sich bei den SchülerInnen im späteren Arbeitsalltag keine falsche Assoziation mit dem Streikbegriff einstellt, denn die faktischen Veränderungen, die durch „Bildungsstreiks“ erzielt wurden, sind recht mickrig. Zwar gab es kleine Veränderungen, wie etwa die Erhöhung des Bafögs oder teilweise achtsemestrige Bachelor-Studiengänge etc., doch die ursprünglichen Forderungen des Bildungsstreikbündnisses wurden größtenteils nicht umgesetzt. Dabei stellten die ursprünglichen Forderungen nur Mindestanforderungen für ein halbwegs erträgliches Lernen dar und keineswegs eine tiefgreifende oder gar revolutionäre Veränderung der Bildungsverhältnisse. Doch wenn wir Bildung nach unseren Vorstellung erhalten wollen, muss mehr geschehen als reformistische Forderungen nach Abschaffung des Bachelorsystems, Turboabiturs, weniger Prüfungsdruck usw. an den Tag zu legen, zumal sich Reformen eh viel zu leicht revidieren lassen.

Es ist klar, dass die Bildung im Kapitalismus immer den „Werten“ der Leistung und der Konkurrenz untersteht und durch sie bestimmt wird. So dient die Schule neben der Vermittlung von Wissen vor Allem dazu, aus SchülerInnen karrierebewusste, leistungsbereite und gehorsame Angestellte zu machen. Doch soll die Bildung frei und selbstbestimmt sein, so muss es auch die Wirtschaftsform an sich sein. Anstelle einer konkurrenz- und leistungsorientierten Marktwirtschaft muss daher eine solidarische freie Ökonomie in unseren Alltag Einzug erhalten. Erst diese ermöglicht die freie Entfaltung aller in ihr lebenden Individuen im höchstmöglichen Maße und zwar in allen Lebensbereichen. Das heißt im Klartext: Erst wenn wir selbstbestimmt arbeiten und wirtschaften können, werden wir auch in der Lage sein uns selbstbestimmt zu bilden. Hierzu bedarf es einer Revolution die kämpferisch verfolgt werden muss. Das Bildungsstreikbündnis erfüllt beides nicht. Es ist nicht revolutionär, es ist nicht kämpferisch.

Viel mehr versucht es Entscheidungen zu erbetteln. Zwar soll der Sinn symbolischer Aktionen, wie Flashmobs und Demos nicht abgesprochen werden, doch muss auch klargestellt werden, dass die mediale Wirksamkeit nicht automatisch ein politische mit sich zieht. Protest ist noch kein Widerstand. Doch eben jener (ökonomische) Widerstand wäre nötig, um tatsächlichen Druck auf die Politik auszuüben. Auch Verhandlungen verkörpern keinen Erfolg oder einen entscheidenden Schritt in Richtung Veränderung. Verhandlungen sind politische Taktiererei. Die Herrschenden nutzen sie um sich in der Öffentlichkeit als offen und volksnah zu profilieren, sodass in den Hintergrund gerät, dass weiterhin kaum Veränderungen erreicht werden. Die SchülerInnen haben (derzeit) keine Möglichkeit auf fehlgeschlagene Verhandlungen zu reagieren und genau das weiß die Politik. Denn es haben sich zwar durchaus einige SchülerInnen in dem Bildungsstreikbündnis zusammengefunden, doch reicht die Basis lokal meist gar nicht aus, um flächendeckenden Druck erzeugen zu können, trotz diverser Schul- und Unibesetzungen. Das Bündnis setzt leider zu sehr auf bundesweites Agieren, obwohl direkt vor Ort bei den einzelnen SchülerInnen selbst, in den einzelnen Lehrbetrieben, erschreckend wenig an Atkionen passiert.

Schließlich müssen Aktionen geschehen, die fern der Symbolik, wirtschaftlichen Schaden anrichten und den alltäglichen Lehrbetrieb sabotieren. Dabei darf man nicht davor zurückschrecken den Rahmen der Legalität zu verlassen. Ist die SchülerInnenschaft akribisch und solidarisch organisiert, kann sie dieses Risiko nämlich durchaus tragen. Erst wenn die lokale Basis in ihrem Alltag gut agieren und so erste Missstände beheben kann, macht es Sinn, sich in größeren Verbänden zu vernetzen. Dann aber ist es auch wirklich möglich, flächendeckende Aktionen mit gesamtgesellschaftlichen Druckpotenzial zu vollziehen und diese mit radikalen Forderungen zu verknüpfen. Im Bildungsstreikbündnis jedoch sitzen viele Partei- und Gewerkschaftsjugenden. Diese werden kaum ihre Existenz dadurch gefährden wollen, dass sie zu Straftaten aufrufen. Sowieso ist es bei näherer Betrachtung ein Unding, seine Forderungen in die Hände dieser Partei- und Gewerkschaftsjugenden zu legen, sind ihre großen „Schwestern“ doch Teil des ganzen Politapparates, der die Verantwortlichkeit für unsere jetzigen miserablen Bildungs- und Arbeitsumstände trägt.

Das Bildungsstreikbündnis hat de facto das Protestmonopol und so sehen viele unzufriedene SchülerInnen es als einziges Betätigungsfeld im Kampf nach bildungspolitischer Besserstellung. Die durchaus sehr positiv und „realistisch“ klingenden Forderungen des Bündnisses verleiten viele SchülerInnen dazu, diese kritiklos zu übernehmen und die Fragen nach der Notwendigkeit grundlegender Veränderungengar nicht erst zu stellen. Es ist bequem sich ins gemachte Nest zu setzen, sich einfach ein paar Sticker und Plakate zukommen zu lassen und zur nächsten Demonstration zu mobilisieren. Aber der echte Kampf nach Veränderung birgt viel mehr, bedeutet auch wesentlich mehr Eigeninitiative. Solange ein System des Spar- und Profitzwangs die Arbeit unserer Eltern beherrscht, solange wird auch die Bildung ihrer „Kinder“, also die unsrige, in ihrer Entfaltung enorm eingedämmt bleiben. Dass wir eine andere Wirtschaftsform brauchen sagen mittlerweile große Teile der Bevölkerung. Nur fehlt den meisten leider der direkte Bezug dieses eher allgemeinen Ideals zur eigenen, konkreten Praxis in der Gegenwart. Veränderungen werden nicht durch symbolische Proteste oder durch Diskussionen einiger weniger in schwindelerregend hohen Verhandlungsgremien erzielt (Vergleich: die Laufzeitverlängerungen der AKWs oder Stuttgart 21), sondern von der aktiven Initiative jedes einzelnen Mitgliedes der Gesellschaft. Der Protest der Jugend, den das Bildungsstreikbündnis zweifelsfrei salonfähig gemacht hat, muss sich zu einem Widerstand der Jugend formen. Und dieser Widerstand muss auf andere Bevölkerungsgruppen übergreifen. Widerstand geht weiter als das, was uns in den vergangen Jahren gezeigt wurde, viel weiter. Wir müssen ihn selbst organisieren. Der ökonomische Kampf allein kann die Antwort auf unsere ökonomische Unterdrückung sein.

Dieser Artikel ist in der ersten Ausgabe (Februar/März 2011) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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