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Wo ist mein Kiez?!

Gentrifizierung – Was’n das überhaupt?

Gentrifizierung (zu deutsch: „Veredelung“), häufig auch als „Yuppieisierung“ bezeichnet, ist ein alltägliches Phänomen in der sich stetig ändernden Städtestruktur, das nicht nur in Berlin, sondern auch in etlichen anderen Metropolen auftritt. Gemeint ist eine umwälzende Veränderung des Stadtbildes, doch nicht nur rein äußerlich, sondern vor Allem mit weitgreifenden sozialen und wirtschaftlichen Folgen für die BewohnerInnen. Die ursprüngliche, zumeist sozial schwache Bevölkerung wird durch Anstieg von Mietpreisen und durch die Ansiedlung teurerer Läden an die Stadtränder verdrängt. Somit entsteht auch eine räumliche Ausgrenzung der Betroffenen. Vorreiter in Berlin waren die Bezirke Schöneberg und Kreuzberg. Nach dem Fall der Mauer zogen Mitte, Prenzlauerberg, später auch Friedrichshain nach. Als nächstes ist Neukölln dran und dabei wird es mit Sicherheit nicht bleiben.

Wie entstehen diese Zustände der Gentrifizierung? Wie und warum kann man sie im globalen Zusammenhang betrachten? Und natürlich: Wie haben wir als Betroffene Aussichten diesen Entwicklungen entgegen zu wirken?

Aufgrund der geringen Mieten und der attraktiven Lage ziehen KüstlerInnen, alternative Menschen und Jugendliche, die gerade von zuhause ausgezogen sind in die Bezirke. Diese verändern durch ihren Lebensstil (Streetart, alternative Läden, halblegale Clubs etc.) das Erscheinungsbild ihres Stadtteils. Es entstehen die sogenannten Szenebezirke. Sie werden nach außen hin so populär, dass die Nachfrage nach Wohnraum binnen weniger Jahre enorm steigt. Dies ermöglicht den HauseigentümerInnen die Mieten drastisch zu erhöhen. Die sozial schwachen BewohnerInnen, auch die KünstlerInnen und Alternativen, werden schließlich verdrängt. Einzug in die Viertel erhalten nun diejenigen, die bereit und in der Lage sind die hohen Mieten zu zahlen. Die Kaufkraft der Bevölkerung nimmt dadurch zu und anstelle des 1-Euro-Ladens, des Gemüsehandels, des Discounters und der alteingesessenen Eckkneipe eröffnen teure Modeboutiquen, Biosupermärkte und Designerbars. Natürlich nicht von heute auf morgen, aber binnen einiger Jahre wird die Bevölkerung dieser Orte fast komplett ausgetauscht.

In der globalisierten Marktwirtschaft, aus der sich weltweite Konkurrenz ergibt, entsteht auch eine Konkurrenz der Gentrifizierung. Berlin ist gezwungen mit Städten wie London oder Paris, in denen die Gentrifizierung schon viel weiter vorangeschritten ist, mitzuhalten. Denn siedeln sich einmal gewinnträchtige Firmen in diesen Städten an, so werden Unternehmen aus der ganzen Welt angezogen. Hinter der beschönigenden Umschreibung aus Berlin eine Weltstadt machen zu wollen, verbirgt sich meist nicht mehr, als der Wirtschaft freie Bahn zu lassen ohne Rücksicht auf soziale Verluste. Gentrifizierung ist also nur ein weiteres Erscheinungsbild des allseits vorherrschenden Kapitalismus.

Sicher sind es die sogenannten „Yuppies“, die das Stadtbild gentrifizierter Bezirke ausmachen. Und natürlich tragen sie durch ihren Lebensstil eine Verantwortung für diesen Prozess. Doch schuld sind im Wesentlichen diejenigen, die solche Prozesse von oben herab steuern. Das sind Stadtverwaltungen, Hausverwaltungen und Handelsketten, die durch gemeinsame Interessen und durch ihr wirtschaftliches und politisches Machtmonopol quasi narrenfrei agieren können. Das Einzige was da noch bleibt, ist das gemeinsame Vorgehen der Betroffenen. Das heißt, es müssen MieterInnenkollektive gebildet werden, die mehr und mehr Verantwortung für den Wohnungsbestand ihrer Nachbarschaft übernehmen. Als Kampfmittel können kollektive Mietverweigerung dienen, Sabotagen jeglicher Art und andere direkte Aktionen, welche finanziellen Druck auf die lokale Wirtschaft und Politik ausüben. Hausbesetzungen sind in Berlin auf Grund der Rechtslage und Repressionen nahezu unmöglich. Doch andernorts können sie als Mittel dienen zusätzlich günstigen Wohnraum zu schaffen. Wünschenswert wäre es, wenn sich solche Initiativen vernetzen und über den Tellerrand hinausschauend ein Selbstverständnis an den Tag legen, welches den Kapitalismus als Wurzel des Problems klar ablehnt. Denn Gentrifizierung ist streben nach Profit. Streben nach Profit ist Kapitalismus.

Dieser Artikel ist in der ersten Ausgabe (Februar/März 2011) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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