Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
Kein Platz für „Schmarotzer“

Über das Bild erwerbsloser Personen in der Gesellschaft

Dieter Eich

Am 24. Mai 2000 verübten vier Neonazis im Berliner Stadtteil Buch einen brutalen Mord. Erst schlugen sie Dieter Eich in seiner Wohnung zusammen, später erstachen sie ihn, um eine eventuelle Zeugenaussage zu verhindern. Dieter Eich, der damals Sozialhilfe empfing, fiel den Neonazis zum Opfer, weil er aus ihrer Sicht ein „Asozialer“ war. Die Voraussetzungen für solch einen Mord schaffen nicht in erster Linie gewaltbereite Neonazis, sondern auch eine tief in der Gesellschaft verwurzelte Wertvorstellung, die die Würde von Menschen anhand ihrer Verwertbarkeit für den Arbeitsmarkt misst.

Die Tat
Elf Jahre ist es nun her, dass der Erwerbslose Dieter Eich in seiner Wohnung in Berlin-Buch von Neonazis ermordet wurde. In der Nacht zum 24. Mai drangen die vier Täter, darunter Rene R., der im selben Haus wohnte, in die Wohnung des 60jährigen Sozialhilfeempfängers ein, verprügelten diesen und töteten ihn später mit einem Messerstich ins Herz, um ihn an einer belastenden Aussage zu hindern. Einen „Assi“ wollten sie „klatschen“, gaben sie später vor Gericht bereitwillig zu. Dieter Eich, in ihren Augen ein „Sozialschmarotzer“, der dem Staat nur auf der Tasche läge und den “Volkskörper” zersetze, wurde so zu ihrem Opfer. Eine zutiefst erschreckende und menschenverachtende Tat. Ein Großteil der Menschen würden zustimmen, dass so etwas nicht gebilligt werden kann, dennoch teilen viele Menschen die Wut auf Hartz-IV-BezieherInnen, welche auch die Mörder Eichs leitete.

Das Märchen vom faulen Schmarotzer
Der weit verbreitete Hass auf Erwerbslose ist nicht allzu verwunderlich, hört man doch aus der Presse und von PolitikerInnen immer den gleichen Brei: Arbeitslose seien allesamt faule Säcke, die nie wieder arbeiten gehen wollen, den ganzen Tag vor dem Fernseher liegen und Bier trinken.
In diesen erwerbslosen, und damit im wirtschaftlichen Alltag auch schwierigsten Lebenslagen werden dann noch „spätrömische Dekadenz“ und „leistungsloser Wohlstand“ hinein fantasiert. Leuten, die noch eine Arbeit haben, soll vermittelt werden, dass sich Erwerbslose auf ihre Kosten den „Wanst voll schlagen“, während sie – wie es von ihnen abverlangt wird – täglich brav für einen Geringteil (Lohn) dessen, was sie erwirtschaften, schuften gehen.
Auch heißt es oft, die Hartz-IV-Sätze seien zu hoch, der „geringe“ Unterschied zum Lohn mancher ArbeiterInnen sei schlecht für die Arbeitsmoral. Die Annäherung von Hartz-IV an Gehälter ist allerdings weniger den zu hohen Sätzen für Erwerbslose geschuldet, als einem immer stärkeren Sinken der Löhne. Wie das Leben als SolzialhilfeempfängerIn tatsächlich aussieht, kann sich kaum jemand vorstellen, die/der sich nicht selbst schon einmal in dieser Situation befunden hat. Die traurige Wahrheit ist nämlich, dass man mit dem bisschen Geld, was man bekommt, meist gerade so seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Die Teilhabe am sozialen Leben wird damit verweigert, da das Geld für z.B. Nachhilfe, Kino, Bücher, etc. oft nicht oder nur kaum reicht.

Arbeit – um jeden Preis?
Gerade in der Politik gilt die Devise: Arbeite und du bist was wert, tue es nicht und du bist wertlos.
Doch nicht einmal die politischen Eliten, die beständig Erwerbslosen vorhalten, sie sollten sich gefälligst um Arbeit bemühen, würden unter Konditionen, wie sie sie selbst vorschlagen ihre Arbeitskraft zu Markte tragen. So schlug z.B. die Grünenpolitikerin Claudia Hämmerling im April 2010 vor, Hartz-IV-BezieherInnen für das Auflesen von Hundehaufen einzusetzen.¹ Dies zeigt nur einmal mehr, wie Menschen ohne Arbeit in unserer Gesellschaft gesehen werden. Doch der ausbleibende Widerstand aus der Bevölkerung schafft die Basis für jene „Normalität“ solcher menschenverachtenden Aussagen.
Setzt man sich näher damit auseinander, was Arbeit überhaupt ist, ist es nur zu verständlich, dass manche Menschen sich davon fernhalten wollen. Denn unsere in (Lohn-)Arbeit verpulverte Kraft ist nichts weiter als eine Ware – eine Ware mit einem bestimmten Wert, austausch- und vergleichbar mit anderen Waren. Der Mensch ist demnach das wert, was er erwirtschaftet und wird dadurch selbst zur Ware. Die Interessen und Bedürfnisse der/des Einzelnen treten dabei in den Hintergrund und sind der Gewinnsteigerung und dem Profitinteresse der Bosse unterzuordnen.

Um auf den Mord und die erschreckenden Zustände in der Gesellschaft aufmerksam zu machen, wird es am 16.05. eine Podiumsdiskussion zum Thema “Die verschwiegenen Toten” und eine Kundgebung am 24.05. am S-Bhf Berlin-Buch geben.
Referent_innen für den 16.05.:
Heike Kleffner (freie journalistin/Aktion Sühnezeichen)
Ulla Jelpke (MdB Die.LINKE)
Sebastian Schmidt (ehem. “Schon vergessen”-Kampagne)
Martin Sonnenburg (Bündnis “Niemand ist vergessen!”)
Juliane Nagel (Initiativkreis Antirassismus / Die.LINKE Leipzig)

Mehr Infos zum Thema: niemand-ist-vergessen.de

¹Tagesspiegel vom 07.04.2010

Dieser Artikel ist in der zweiten Ausgabe (April/Mai 2011) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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