Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
Made in the world

Globalisierte Produktionsprozesse und Herrschaftsverhältnisse

Mit G8 „ist eine Art selbst ernannte Weltregierung entstanden, die aber doch gar nicht regieren kann. Und die für die Ohnmächtigen der Welt zur Verkörperung der Mächtigen geworden ist – obwohl sie viel weniger liefern kann, als man von ihr erwartet”. (Erhard Eppler, SPD)

G8 – Symbol der Globalisierung
Teile des Phänomens Globalisierung finden sich schon in der Kolonialzeit, durch den technologischen und organisatorischen Fortschritt auf dem Gebiet der Kommunikation und des weltweiten Transports von Waren und Dienstleistungen konnte dieses ausgeweitet werden. In erster Linie ist die Ausbildung eines Weltmarktes ohne Handelshemmnisse und einer grenzenlosen Mobilität von Kapital gemeint (Freihandel), wobei es darum geht, dass multinationale Konzerne (Multis oder Global Players) dem globalen Wettbewerb standhalten. Die kapitalistischen Unternehmen vergleichen Standorte weltweit und können ihre Produktion an den optimalen Ort auslagern. Zu den Standortfaktoren gehören u.a. die Höhe der Lohnkosten, der Steuern, auch die Ressourcenverfügbarkeit und die Infrastruktur. Eine Senkung der Arbeits- und Produktionskosten (v.a. Löhne und Gehälter) wird angestrebt. Eine weitgehende Aufhebung der Beschränkungen auf Finanzmärkten (Abbau der Im- und Exportschranken) und die Schaffung internationaler Kapitalmobilität haben zur Herausbildung von globalen Finanzmärkten geführt. Internationale Organisationen wie die World Trade Organisation (WTO) wachen darüber, dass keine Handelsschranken den internationalen Verkehr von Waren und Dienstleistungen behindern. Die Mobilität des Kapitals macht teilweise ganze Volkswirtschaften und Währungen anfällig für Spekulationen und Instabilität (Kasinokapitalismus). Innerhalb der multinationalen Unternehmen wird inzwischen mehr Handel betrieben, als zwischen zwei unterschiedlichen Unternehmen. Die Konzerne besitzen durch ihre Mobilität und Verflechtung mit der Politik einen beträchtlichen politischen Einfluss, was ihnen diverse Vorteile verschafft (z.B. Subventionen und Steuererleichterungen).

Kapitalistische Weltordnung
Globalisierung bedeutet auch die Trennung von Produktion und Vermarktung, wodurch neue Marketingstrategien möglich werden. Einige Unternehmen wie Coca Cola oder Nike werden zu einer globalen Übermarke, die durch aggressives Marketing ein bestimmtes Image aufbaut und dieses bis in die letzten Winkel der Welt trägt. Die Verbreitung von Lebensgefühlen in Verbindung mit Markenartikeln und die Schaffung eines Kults um diese ist eine neue Erscheinung. Westliche (westeuropäische / amerikanische) Lebensweisen, Konsumverhalten und Standards werden so in andere Kulturen verpflanzt und schmälern die kulturelle Vielfalt.

Wie auch beim Taylorismus werden die Produktionsprozesse zerlegt, um eine Effizienzsteigerung innerhalb der Produktionsabläufe zu ermöglichen. Die Welt wird in Rohstofflieferanten (Entwicklungsländer) und Konsumgüterproduzenten (Industrieländer) aufgeteilt. Mithilfe von Outsourcing (Auslagerung von Arbeitsplätzen) und Global Sourcing (weltweiter Bezug von Arbeit, Energie, Rohstoffen usw.) siedeln sich Zweig-/ Tochterunternehmen entweder in Regionen mit großen Potenzial ungelernter Arbeitskräfte, geringem Lohnniveau und anderen Kostenvorteilen an oder, zu Forschungszwecken und Vermarktung, in Regionen mit einem großem Potenzial an hoch qualifizierten Arbeitskräften, hochwertigen Lebensbedingungen und bedeutenden Forschungseinrichtungen. Berücksichtigt werden dabei auch die anfallenden Transportkosten, mögliche Subventionen, die Sicherheit des Landes usw. Demnach steht die Gewinnung und Sicherung von Wettbewerbsvorteilen durch eine gezielte Beschaffungspolitik im Vordergrund des Global Sourcings.

Grenzen des Wachstums
Einher geht die Globalisierung aller Bereiche menschlichen Handelns (Globalisierung der Märkte, der Produktion, des Handels, der Konsummuster), mit dem Abbau sozialer Rechte und Verhältnisse (z.B. durch die Privatisierung öffentlicher Unternehmen). Durch die starke Konkurrenz der Staaten untereinander kommt es zu Senkungen der sozialen Leistungen und Umweltstandards bzw. des Umweltschutzes, z.B. durch den steigenden Energiebedarf. Doch gibt es „Grenzen des Wachstums”, welche das Forscherteam um Donnella und Dennis Meadows in ihrer gleichnamigen Computeranalyse über die Zukunft der Weltwirtschaft belegt. „Die globale Herausforderung“, heißt es in der Studie, „kann man einfach zusammenfassen: Um eine Entwicklung tragfähig zu gestalten, muss die Menschheit das Konsumniveau der Armen dieser Welt anheben, gleichzeitig aber den ökologischen Fußabdruck der Menschheit insgesamt senken. Dazu braucht es technologischen Fortschritt, personelle Veränderungen und längere Planungshorizonte, […] eine andere Politik, eine andere Ethik, andere gesellschaftliche Werte, freiwillige Geburtenbeschränkung und Produktionsbegrenzung. Doch auch diese Szenarien führen noch nicht zum Gleichgewicht, sondern erst die Kombination aller vorherigen einzelnen Varianten: Technik, Dematerialisierung, freiwillige Begrenzung materiellen Wohlstandes.”

Architekten der Politik
Der Eigennutz der multinationalen Konzerne (Bsp. Adidas), der Industrieländer (G8 und andere) und der internationalen Institutionen (Weltbank, WTO, Internationaler Währungsfond) wird deutlich. Der Kampf der Global Player um Marktmacht, um unvorstellbare Gewinne zu erzielen, macht keinen Halt bei der Ausnutzung der ärmsten Regionen des Planeten und beschäftigt sich nicht etwa damit, Ungleichheiten zu beseitigen (Noami Klein „No Logo“). Unter Ausschluss der Öffentlichkeit und der Parlamente werden die Spielregeln festgelegt. KritikerInnen fordern daher mehr Demokratie und Mitsprache in der Gestaltung in den globalisierten Herrschaftsverhältnissen. Die Globalisierung, der marktradikale Kapitalismus, vergrößert die Gerechtigkeitslücke zwischen Arm und Reich weltweit. Laut Globalisierungskritiker Jean Ziegler sind die 225 größten Privatvermögen höher als das Jahreseinkommen von 2,7 Milliarden Menschen – „eine nie da gewesene Monopolisierung des Reichtums … Dadurch wird deutlich, dass das Finanzkapital den Nationalstaat völlig instrumentalisiert hat”. Dabei könnte „die Weltagrarproduktion ohne Probleme 12 Milliarden Menschen ernähren“.

Protest ist kein Widerstand
Wieder einmal sind schwammige Entschlüsse ohne konkrete (Zwischen-)Ziele als Ergebnis des G8-Gipfels Ende Mai im französischen Deauville zu verzeichnen.
So befürwortet die Mehrheit der traditionell atomfreundlichen G8-Staaten trotz Fukushima ein Festhalten an der Atomenergie, in der Abschlusserklärung soll allerdings der Hinweis verankert werden, dass die Bemühungen zum Ausstieg aus der Kernenergie anerkannt würden. (Schließlich will man sich ja in der ersten Liga der Industrienationen halten.) Nach den Umstürzen in Nordafrika/Arabien sind konkrete Hilfszusagen für die entstehenden Demokratien unwahrscheinlich.
Unter dem Stichwort „e-G8” geht es darum, das Internet zu zivilisieren – im Sinne von kontrollieren. Denn es sei ein neues Grenzgebiet, ein Territorium, das es zu erobern gelte. International gab es dezentrale Aktionen und Demos von GegnerInnen und KritikerInnen. Proteste gegen den G8-Gipfel verleihen der Globalisierungskritik Ausdruck, zeigt eine große Bewegung doch, dass die Politik der G8 nicht selbstverständlich hingenommen wird. Zumeist behindern sie allerdings nicht die politischen Entscheidungen und delegitimieren die G8 nicht bis in die Mitte der Gesellschaft. Die Herausforderung besteht darin, den Widerspruch, den Protest zum Widerstand zu machen.

Literatur:
Buchholz/ Karrass/ Nachtwey/ Schmidt (Hrsg.): „Unsere Welt ist keine Ware. Handbuch für Globalisierungskritik”
Noam Chomsky: „Neoliberalismus und Globale Weltordnung“

Dieser Artikel ist in der dritten Ausgabe (Juni/Juli 2011) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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