Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
Jung, billig und verbraucht

Aber auch verzweifelt? Minijobbende und ihr möglicher Mut zum Widerstand!

War das ein anstrengender Tag! Nach acht Stunden in der Schule, der Uni oder Ausbildung wollen viele von uns nur noch eins: Freizeit! Doch müssen da erst noch Hausarbeiten erledigt oder sich für die nächste Prüfung vorbereitet werden. Aber dann heißt es doch endlich… ? Arbeiten?! Na, toll.
Nicht wenige junge Leute müssen sich zum Taschengeld oder anderen monatlichen Bezügen etwas dazu verdienen. Das Leben kostet schließlich, insbesondere auch für diejenigen, die nicht mehr bei den Eltern leben. Für einen Stundenlohn, der selten die 7,50 Euro übersteigt, heißt es dann, telefonieren, abwaschen, kellnern, kassieren, Regale einräumen, Waren schleppen und so weiter.

Solche, die auf Grund persönlicher Beziehungen möglicherweise eine etwas besser bezahlte Aushilfstätigkeit, wie etwa Babysitten oder Nachhilfe ergattern konnten, haben zwar in der Regel relatives Glück, jedoch ändert das nichts an diesem einen grundsätzlichen Umstand: Wir sind gezwungen, nach der „Arbeit“ zu arbeiten. Um uns einen gewissen Lebensstandard sichern zu können, müssen wir eine bis zu 70 Stunden-Woche in Kaufnehmen. Ausgehen mit FreundInnen bleibt häufig auf der Strecke, alte und neue Hobbys sowieso. Die Freizeit, die bleibt, kann häufig nur noch mit Erholung und nicht mehr mit Unternehmungen gefüllt werden. Unser Leben dreht sich um alles andere, nicht aber um uns selbst. Es ist kein Einzelfall und schon gar nicht Zufall, dass viele sogenannten Minijobs nachgehen müssen. Für Betriebe sind wir günstige und unkomplizierte Arbeitskräfte. Wir ersetzen immer häufiger einst regulär und höher bezahlte Vollzeitstellen. Günstiger sind wir für den Betrieb vor allem aufzwei Wegen: Für 400 Euro Jobs müssen weitaus weniger Abgaben von der ArbeitgeberInnenseite gezahlt werden, zusätzlich sind vor allem die Löhne für ebenjene Beschäftigungsverhältnisse im Vergleich meist recht gering. Begründet wird jener geringe Stundenlohn oft mit fehlenden Qualifikationsanforderungen – ein nicht haltbares, dreistes Argument, steht es doch unserem Bedürfnis nach weniger Arbeitszeit und besserer Entlohnung direkt entgegen. Abgesehen davon arbeiten viele überqualifizierte „Erwerbslose“ unter diesen prekären Umständen. Diese sind meist gelernte oder studierte Fachkräfte, die sich weit unter Wert verkaufen müssen, bloß für einen kleinen, aber dringlichen Hinzuverdienst zum Hartz-Satz.

Dass wir kostengünstig arbeiten ist bei Weitem, wie gesagt, nicht der einzige Anreiz für UnternehmerInnen, vermehrt geringfügige Beschäftigungsstellen einzurichten. Da es sich vielfach um junge (und unerfahrene) Menschen handelt, können Chefs ungestört schalten und walten. Die jungen Angestellten sind selten kämpferisch, nicht zuletzt auch deswegen, weil es Minijobs wie Sand am Meer gibt und der Verlust eines Beschäftigungsverhältnisses nicht Weiterbeschäftigung an einem anderen Ort ausschließt. Eigentlich eine seltsame Schlussfolgerung…

Welchen Umstand jedoch junge und alte, erfahrene MinijobberInnen oft gemeinsam teilen, sind spärlich ausgeschmückte Arbeitsverträge. Häufig fehlen genau geklärte Zuständigkeitsbereiche, Regelung von Urlaubstagen, bezahlte Krankheitstage… die Palette reißt nicht ab.

Was sind das für Zustände!? Haben damals ArbeitnehmerInnen in blutigen Kämpfen den 8-Stunden-Tag er rungen, hat er sich nach und nach, klammheimlich wieder aus unserem Leben geschlichen. Wir opfern unsere geistigen und körperlichen Kapazitäten für ein Leben voller Leistungsdruck aufder einen und Ungewissheit aufder anderen Seite. Und damit nicht genug. Auch innerhalb dieses Rahmens versuchen nicht wenige zu schweigen und alles einfach auszuhalten, hinzunehmen, auszusitzen. Wir funktionieren, scheuen Konflikte, die uns angeblich nur aufhalten könnten. Doch warum diese Scheu!? Gerade die Tatsache, dass wir schnell an neue Minijobs gelangen können, sollte uns zu kampflustigen Angestellten machen, die wieder selbstbewusst ihre eigenen Bedürfnisse in die Hand nehmen. Was haben wir also zu verlieren, wenn wir Arbeitskampfmaßnahmen ergreifen?

Der erste Schritt des Kampfes muss ein Austausch sein. Reden wir wieder mit unseren Mitmenschen über die Dinge, die uns etwas angehen. Zu Hause, in der Freizeit und auch vor allem aufder Arbeit; persönlich, aber auch in größeren Versammlungen. Schnell werden wir merken: Wir sind nicht die Einzigen, die Missstände beklagen. Eine gemeinsame Kommunikation ist die Basis für ein Handeln zur Verbesserung unserer Arbeitsumstände. Manchmal reicht es auch vorerst, sich und seine KollegInnen über ein paar arbeitsrechtliche Standards aufzuklären. Es kommt nämlich oft genug vor, dass auch selbst solche in Betrieben nicht eingehalten werden. Gegen sie vorzugehen ist mehr als ein Leichtes. Für alles andere ist kreatives und direktes Eingreifen in den Berufsalltag gefragt, beispielsweise durch Boykottaktionen, Sabotagen oder auch Streiks. Wichtig ist, dass wir nach Möglichkeiten uns mit so vielen KollegInnen wie möglich austauschen und verbünden.

Die Bedingungen für die Schaffung von Minijobs wurden gesetzlich und finanziell immer mehr erleichtert. So wurde die steuerfreie Verdienstgrenze immer weiter angehoben und die zu leistenden Sozialabgaben immer weiter herunter geschraubt. Heute Laufen ganze Supermärkte, Callcenter und Nachhilfeschulen aufder Basis von MinijobberInnen. Reguläre Beschäftigungen und somit auch zukunftsweisende Existenzen werden der Reihe nach vernichtet. Diese Zustände lassen sich nicht durch die Politik verändern, vielmehr werden sie von ihr gefördert. Auch die großen Gewerkschaften bieten keine ernste Hilfestellung in Sachen Minijob (sofern sie diese überhaupt „normalen“ Angestellten bieten.) Die einzige Chance, die uns bleibt, ist, als Betroffene direkt gegen unsere Chefs vorzugehen, ohne scheinbar notwendige Hilfspersonen von außen. Dafür wollen wir wieder in Kontakt zueinander treten und als Betroffene vernetzen. Fangt an, direkt bei euch, in eurem Betrieb!

Dieser Artikel ist in der vierten Ausgabe (August/September 2011) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

Mehr Infos gegen Ausbeutung im Minijob gibt’s unter: minijob.cc

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