Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
Oslo 7/22

Der folgende Artikel stammt von einem Genossen der libertär-sozialistischen Organisation Motmakt aus Oslo.

Am Nachmittag des 22. Juli kam die erste Nachricht über den Bombenanschlag im Regierungsviertel Oslos. Einige Stunden später dann über das Massaker im jährlichen Ferienlager der Parteijugend der SozialdemokratInnen, wobei 69 Jugendliche getötet wurden. Sowohl norwegische, als auch internationale Medien gingen von Beginn an davon aus, dass die Anschläge von einer islamistischen Gruppierung durchgeführt worden waren. Noch am Abend erlebten mehrere ImmigrantInnen verbale und körperliche Attacken durch PassantInnen in Oslo.

Diese Reaktion aber verdeutlicht viel mehr die von Vorurteilen und Fremdenfeindlichkeit geprägte gesellschaftliche Situation, die diesen Angriff überhaupt erst ermöglicht hat, als dass sie rational zu erklären versucht, wer für diesen Anschlag verantwortlich sein könnte. Denn alle bisherigen Terroranschläge in Norwegen wurden von Rechtsradikalen durchgeführt, nicht aber von IslamistInnen. Seit den siebziger Jahren gab es immer wieder rechtsradikale Bombenanschläge und Schießereien, wobei unter anderem ein linker Buchladen, das autonome Jugendhaus “Blitz” und eine Moschee, sowie 1. Mai Demonstrationen und AsylantInnenheime betroffen waren. Dazu kommen mehrere Morde. Der Anschlag von Anders Behring Breivik kann demnach als in dieser Tradition stehend gesehen werden. Jedoch sind zwei Punkte an dieser Untat einzigartig: Erstens, das Ausmaß und die Grausamkeit des Angriffes und zweitens, das Weltbild des Täters, welches durchaus nicht als rechtsradikal bezeichnet werden kann, da es viele Gemeinsamkeiten mit den rassistischen Anschauungen hat, die sich tief im medialen Leitbild Europas verankert haben. So ist der Täter bis 2006 Mitglied der rechtspopulistischen “Fremskrittspartiet” (Die Fortschrittspartei) und von 2002 bis 2007 in deren Jugendorganisation aktiv gewesen. Von Einzelpersonen rechtspopulistischer Parteien Europas wurde er für seine Tat gelobt.

Hinter dieser Tat steht ein 1500 Seiten umfassendes Manifest, das er eine Stunde vor dem Angriff veröffentlichte. Zusammengefasst wird dieses in einem Video auf der Internetplattform Youtube mit dem Titel “The Knight Templar 2083”. A. B. Breivik versteht sich als Kreuzritter, der in einer Welt, die von einem seit tausend Jahren fortgesetzten Bürgerkrieg zwischen Moslems und ChristInnen geprägt ist, für das christliche Europa kämpft. Er glaubt, Europa sei von einer “Islamisierung” bedroht, die von “islamistischen Gruppierungen” und “KulturmarxistInnen” durch Massenimmigration bewusst herbeigeführt wird. Der Angriff an sich ist allerdings nicht als Schlacht im Bürgerkrieg der Religionen zu verstehen: Im Vordergrund stand die Bekanntmachung seines Manifests.

In vielen Ländern ist der Angriff als Anschlag auf Norwegen interpretiert worden, so auch in Norwegen selber. Nationalfahnen waren dort als Symbol für den Widerstand gegen den Täter und im Trauerprozess allgemein verwendet worden. Gleichzeitig wurden die Trauerfeiern von sozialdemokratischen und antifaschistischen Elementen begleitet. Doch auch in dieser Verwirrung sollte jede/r klar bedenken, dass diese Untat kein Angriff auf Norwegen war, sondern ein rechtsradikaler Angriff auf die gesamte ArbeiterInnenbewegung, die linken Flügel, ebenso auf alle antirassistischen, antifaschistischen und allgemein emanzipatorischen Kräfte, die für ein multikulturelles und offenes Europa kämpfen. Weder die norwegische Gesellschaft, noch der Hintergrund des Täters, bestimmten Norwegen zwangsläufig als Tatort.

Dass der Täter sich auf eine Rhetorik und Denkweise bezieht, die in unserer Gesellschaft weit verbreitet ist, macht es umso wichtiger, diese Denkweise, egal wo sie in Erscheinung tritt, zu bekämpfen. Die Anschläge in Oslo vom 22. Juli zeigen, wozu der Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit, die sich als Antwort auf die Krisen und Probleme in Europa verbreiten, führen können. Dadurch stellt sich uns ganz klar die Frage: Wie soll die Gesellschaft aussehen, in der wir leben? Eine Gesellschaft in der wir in Angst voreinander leben und zulassen, dass PolitikerInnen und Medien Bevölkerungsgruppen brandmarken und zu Sündenböcken machen, oder eine Gesellschaft in der wir unsere Erfahrungen austauschen, über unsere Probleme gemeinsam sprechen und sie lösen und unser Leben in die eigene Hand nehmen?

Dieser Artikel ist in der vierten Ausgabe (August/September 2011) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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