Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
So soll meine wilde Jugend sein!

oder: Wie aus Protest Widerstand erwächst – Syndikalismus an die Schulen!

In der ersten Ausgabe des Schwarzen Kleeblatts veröffentlichten wir einen kritischen Artikel zu den recht häufig stattfindenden „Bildungsstreiks“. In ihm wird bemängelt, dass diese trotz aller Öffentlichkeitswirksamkeit kein geeignetes Medium zur Veränderung unser Lernverhältnisse darstellen. Ihnen fehlt es an tatsächlichen Druckmitteln in den einzelnen Schulen selbst. Es wird neben der Protestsymbolik fast ausschließlich auf parlamentsähnliche Verhandlungen einiger „VertreterInnen“ gesetzt, die alles andere als kämpferisch und effektiv sind. Daher wollen wir nun Perspektiven aufzeigen, wie die Unzufriedenheit der SchülerInnen und ihre teilweise sehr konkreten Wünsche nach Verbesserung selbstorganisiert in die Tat umgesetzt werden können.

In dem vorangegangen Artikel wird ebenfalls festgestellt, dass sich die grundsätzliche Fremdbestimmung unserer Bildungsverhältnisse aus der grundsätzlichen Fremdbestimmung der wirtschaftlichen Verhältnisse unserer bestehenden Gesellschaftsordnung ergibt. Selbstbestimmt können wir erst dann lernen, wenn auch „unsere Eltern“ selbstbestimmt arbeiten. Mit möglichst wenig Kostenaufwand soll uns in der Schule neben Wissen vor allem auch vermittelt werden, wie wir uns vorgesetzten Personen gegenüber, wie etwa LehrerInnen, zu verhalten haben und dass wir uns im ständigen Wettbewerb zu anderen SchülerInnen befänden. Dieses Prozedere soll uns zu einem loyalen und egoistischen Angestelltendasein erziehen. Nur die Leistung, „der Kampf“ eines/r jeden Einzelnen für sich, kann aus Sicht der Herrschenden ein Schlüssel zu (persönlicher) sozialer Besserstellung sein. Der kollektive Interessenkampf der Beherrschten und Betroffenen für kollektive Besserstellung hingegen wird – als Gefahr für die bestehenden politisch-wirtschaftlichen Verhältnisse – von staatlich-schulischen Wegen natürlich nie angesprochen. Dabei birgt nur er die Möglichkeit, grundlegende und andauernde Verbesserungen für alle zu erzielen. Doch wie kann ein kollektiver Kampf aussehen? Seine drei Grundpfeiler: „Selbstorganisation, direkte Aktion und Solidarität“ möchten wir in diesem Artikel unter Bezugnahme auf den Schulalltag etwas genauer beleuchten…

Bevor irgendwelche Aktionen durchgeführt werden, solltet ihr euch – so gut es geht – mit euren MitschülerInnen nicht nur einmal zusammensetzen, um eure Anliegen bzw. Vorgehensweisen zu besprechen. Denn einer Aktion geht immer ein weiterer Aspekt voraus, der entscheidend ist für den kollektiven Kampf: die Selbstorganisation.
Kommt ins Gespräch miteinander und findet gegenseitig heraus, wo eure Unzufriedenheiten liegen. Macht dann regelmäßige Treffen aus, um so gemeinsam Lösungsansätze auszuarbeiten. Jede/r SchülerIn hat dabei das gleiche Rede- und Mitbestimmungsrecht. Ihr braucht keine Vorsitzenden oder Ähnliches, da ihr euch als Betroffene um eure Angelegenheit selbst besser kümmern könnt, als irgendjemand sonst. Müssen doch einmal wichtige Aufgaben übernommen werden – ob regelmäßig oder einmalig – bei denen es praktischer ist, wenn sie einzelne Personen durchführen, so müssen diese immer nach dem Willen aller Betroffenen, also nach dem Willen der Basis handeln und regelmäßig Rückmeldung über ihren Arbeitsstand abgeben. Passiert das nicht, so können beauftragte Personen von der Basis abgewählt und neu besetzt werden. Die Selbstorganisation ist sozusagen der Rahmen für eurer direkt aktionistisches Vorgehen, sie ist die Struktur, die die Beständigkeit des Kampfes, die Bündelung und Vernetzung aller kämpfenden Kräfte gewährleisten soll. Sie bietet mehr Freiheit und Selbstbestimmung, als es eine Demokratie je tun könnte. Entscheidend ist dabei vor allem, dass wir selbst direkt zur Tat schreiten, und die Erfüllung unserer Bedürfnisse nicht mehr Verhandlungen durch X-beliebigen VertreterInnen in die Hände legen.

Da wir SchülerInnen uns endlich(!) zum Großteil als angehende LohnsklavInnen begreifen müssen, ist es sinnvoll, einen Blick in die Arbeitswelt der „Erwachsenen“ zu werfen und aus ihren Kämpfen für Verbesserungen mögliche übertragbare Kampfmethoden für die Schulwelt zu suchen. Das zweite Schlagwort heißt: direkte Aktion.

Denn ArbeitnehmerInnen kämpfen bereits seit langer Zeit immer wieder für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne in sogenannten Arbeitskämpfen. Dabei setzen sie leider häufig einerseits auf Verhandlungen durch StellvertreterInnen in Zentralgewerkschaften, doch nutzen sie andererseits beispielsweise auch den Streik als gängige und wirksame Wehrmethode, als direkte Aktion. Die direkte Aktion ist in der Arbeitswelt eine Maßnahme, die durch ökonomischen Schaden (also Einnahme- oder Sachschäden) Druck auf jeweilige UnternehmerInnen ausübt. Bei einem Streik können UnternehmerInnen bspw. keine Produkte mehr verkaufen oder weiterhin Dienstleistungen anbieten, da ihre Angestellten nicht mehr arbeiten. Der Betriebsalltag wird lahmgelegt. Dadurch verlieren die UnternehmerInnen ihre Einnahmen und somit kommt es oft dazu, dass sie dann einlenken und sich auf die Forderungen ihrer ArbeitnehmerInnen einlassen (müssen).

Sicher, SchülerInnen können nicht streiken – so auch im vorangegangenen Artikel aufgezeigt – da sie nichts produzieren und keine Dienstleistungen vollbringen. In einem Schulbetrieb wird generell kein Profit erzeugt, abgesehen vom Kaffeeautomaten oder der Mensa. Wirtschaftliche Druckmittel werden hier also schwierig. Aber es gibt noch eine ganze Reihe anderer direkter Aktionen, die leider von den großen Zentralgewerkschaften nie angewandt werden, aber dennoch gerade interessant für uns SchülerInnen sein können. Direkte Aktionen müssen nämlich nicht immer in erster Linie wirtschaftlichen Druck erzeugen. Ihre Hauptsache liegt lediglich darin, die Bedürfnisse der Betroffenen – in dem Fall von uns SchülerInnen – unmittelbar zu befriedigen, ohne Umwege wie Verhandlungen oder Abstimmungen in schulpolitischen, bürokratischen und fremdbestimmten Institutionen wie der SchülerInnenvertretung (SV). So bleiben den SchülerInnen vor allem die (direkten) Aktionsfelder des Boykotts und der Sabotage.

Diese tauchen bisher nur vereinzelt innerhalb von Schulen auf und wenn, dann meistens unorganisiert und isoliert, also so, dass sie kaum Verbreitung in andere Klassen oder gar Schulen finden. Wir können daher leider nur wenig Erfahrungsberichte vorweisen, möchten hier aber dennoch zwei Beispiele von Sabotage und Boykott zur Verbildlichung nennen:

1. Boykott: Kommen in einer Klassenarbeit Themen ran, die nicht abgesprochen waren, oder treten andere Unstimmigkeiten auf, so kann man nach vorheriger Verständigung mit seinen MitschülerInnen die Teilnahme an der Arbeit kollektiv verweigern (boykottieren). Der Notendurchschnitt sinkt so stark, dass die Arbeit nachgeschrieben werden muss, dann hoffentlich mit den gewohnten Themen.

2. Sabotage: Kleben SchülerInnen die Schlösser der Klassenzimmer zu, so können diese nicht betreten werden und der Unterricht kann nicht stattfinden. Der schulbetriebliche Alltag wird unterbrochen. Dieser Zustand kann für die Umsetzung diverser Forderungen genutzt werden.
Betont sei an dieser Stelle nochmal ausdrücklichst, dass diese zwei Beispiele aus einer nahezu unendlich großen Bandbreite an möglichen Aktionen stammen. Klammert euch nicht an sie und entwickelt selbst kreativ der Durchsetzung eurer Bedürfnisse angemessene Vorgehensweisen.

Wichtig bei direkten Aktionen ist immer, dass diejenigen die sie ausführen sich darüber im Klaren sind, was sie mit ihnen bezwecken möchten. Dies ist nicht nur für sie selbst wichtig, sondern vor allem für die Leute, gegen die sich die direkte Aktion wendet. Gerade ihnen gegenüber, also LehrerInnen, Schulleitung etc., müssen die eigenen Anliegen gut formuliert sein, sodass sie auch die Möglichkeit haben, auf eure Forderungen einzugehen. Und gerade das ist ja in eurem Interesse. Allerdings, um Forderungen überhaupt glaubwürdig nach außen tragen und direkte Aktionen zuverlässig durchführen zu können, ist der Rückhalt einer möglichst großen Gruppe von Vorteil, EinzelkämpferInnen haben es meist nur schwer. Solidarität ist die halbe Miete.

Solidarität ist zudem eine relativ normale, verständliche Sache. Sie bedeutet gegenseitige Hilfe. Alle SchülerInnen sollten ihre Bedürfnisse gegenseitig ernst nehmen und versuchen sich nach Notwendigkeit und Möglichkeit gegenseitig zu unterstützen. Andernfalls macht der selbstorganisierte Zusammenschluss wenig Sinn und wir werden weiter in Konkurrenz und Leistungsdruck lernen müssen. Nicht nur bei Aktionen selbst, sondern gerade auch bei möglichen Repressionen (Strafmaßnahmen) durch LehrerInnen usw., ist ein fester Zusammenhalt unerlässlich. Solidarität sollte jedoch kaum ein Hürde für uns darstellen, ist sie doch so natürlich. So unterschiedlich ausgeprägt unsere Wünsche nach Verbesserung auch teilweise sein mögen, wir kämpfen doch alle gegen die gleichen GegnerInnen: LehrerInnen, Schulleitung, letztendlich auch gegen die Schulpolitik, ja die Politik allgemein und das Kapital, welches die Triebfeder fast jedes (partei-)politischen Handelns bleibt und immer bleiben wird, wenn wir nichts dagegen tun. Wir kämpfen gemeinsam gegen die Fremdbestimmung!

Um also alltägliche Verbesserungen erzielen zu können, ist es zu aller erst wichtig, sich mit seinen MitschülerInnen auseinanderzusetzen und zu diskutieren. Im Laufe dessen muss man sich selbst organisieren, Aktionen entwickeln und durchführen, die eure Probleme direkt angehen. Viel mehr lässt sich theoretisch nicht vorwegnehmen, da dieser kollektive, bzw. syndikalistische Kampf von der Praxis lebt und die Praxis gerade an Schulen kaum erprobt, geschweige denn dokumentiert ist. Dieser Artikel ist daher ein Appell an alle unzufriedenen SchülerInnen:

Macht eure Jugend wieder wild! Schließt euch solidarisch zusammen, sabotiert und boykottiert das jetzige Bildungssystem in die Knie! Nehmt eure Sache wieder in die eigenen Hände! Knüpft Kontakt zu den Menschen aus eurem Umfeld, zu syndikalistisch kämpfenden Angestellten und Organisationen und zeigt, dass nur wir mit unseren Prinzipien der Freiheit, Gleichheit und Solidarität im Kampf gegen die Prinzipien der bestehenden Ordnung, nämlich Leistung, Konkurrenz und Fremdbestimmung eine Chance haben! Seid mutig, aktiv und kreativ, denn: Wer nicht kämpft, hat schon verloren!

Dieser Artikel ist in der vierten Ausgabe (August/September 2011) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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