Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
Das verflixte 12. Jahr

Für viele klingt es verlockend, doch was verbirgt sich hinter dem Abi nach 12 Jahren

Im Frühjahr 2013 machen die ersten SchülerInnen nach 12 Jahren regulärer Unterrichtszeit ihr Abitur in Berlin. Grund dafür ist das sogenannte G8 Modell. G8 steht in diesem Fall für „achtjähriges Gymnasium“ und ist eine Reform, die die SchülerInnen ein Jahr schneller aus der Schule rausbringen soll. Doch obwohl es sich für alle erst mal super anhört, so schnell wie möglich aus dem Laden rauszukommen ergeben sich eine ganze Stange von Problemen.

Das Grauen kommt aus dem Süden
Das erste Mal ausprobiert wurde dieses Modell zwischen 1992 und 2002 in Baden-Württemberg. Anfangs noch als ein Versuch speziell für „hochbegabte“ SchülerInnen gedacht, wurde das System ohne Weiteres auf die gesamte SchülerInnenschaft übertragen und nimmt seitdem seinen unheilvollen Lauf durch die Oberschulen. Bis 2012 sollen in Berlin alle Oberschulen nur noch bis zum 12. Schuljahr unterrichten. Die Tatsache, dass die Schule sich schon vorher nicht daran orientiert hat, wer wie lange braucht um sich ein bestimmtes Wissen anzueignen, wird durch das wegfallende Jahr nur noch verschärft. Einfach durchkommen können nur die, die aus bildungstechnisch günstigen Verhältnissen kommen, also SchülerInnen die schon früh gefördert wurden und sich nicht bemühen müssen finanzielle Lücken in der Familie durch das Erledigen eines Minijobs auszugleichen. Und selbst bei denen, die diese Voraussetzungen erfüllen, wird es langsam eng.

Mach hinne, die Chefs warten auf dich
Um zu verstehen, warum dieser Schritt gemacht wurde, müssen wir uns angucken, warum Schule überhaupt so ist, wie sie ist. Wir müssen feststellen, dass Sinn und Zweck des Unterrichts letztlich immer ist, uns für den Arbeitsmarkt verwertbar zu machen. Ein gebildeter Angestellter nützt dem Chef nun einmal mehr, vor allem heutzutage. Schon in Texten über die aller ersten staatlichen Schulen findet sich genau dieser Gedankengang wieder. Damals wie heute soll es nicht um das Wohlbefinden der Lernenden und die Umsetzung ihrer Interessen und Bedürfnisse gehen. Das G8 Modell macht da keine Ausnahme, vielmehr ist diese Reform nur eine Zuspitzung dieses Gedankens. Da die ArbeitgeberInnen immer mehr auf AbiturientInnen angewiesen sind, musste ein System gefunden werden, um die SchülerInnen zumindest theoretisch schneller verfügbar zu machen. Dass das in der Praxis jedoch nicht so einfach funktioniert, wurde schon in diversen Studien belegt.
Abgesehen davon, dass SchülerInnen die 13 Jahre Schule hatten, in Tests allgemein besser als SchülerInnen des G8 Systems abschneiden und ein größeres Wissen vorweisen können, schaffen es bei Weitem nicht alle die Schule schneller zu beenden. Da weniger Zeit ist, müssen die Unterrichtsinhalte auch schneller vermittelt und aufgenommen werden. Wer da nicht mitkommt, bleibt kurzer Hand sitzen und muss dann eben doch 13 oder auch mehr Jahre in der Schule bleiben.

Jobben bis zum Umfallen
Ein weiteres Argument für die G8 Schule soll sein, dass die Bevölkerung in Deutschland durchschnittlich älter wird und somit immer weniger ArbeiterInnen zur Verfügung stehen. Dieses Argument wurde bereits aufgegriffen, um das Renteneintrittsalter zu erhöhen. Die verkürzte Schulzeit soll praktisch ergänzend dazu dafür sorgen, dass die Menschen länger arbeiten. Abgesehen davon, dass der Zwang zu arbeiten eine zweifelhafte Ehre ist, „vergisst“ dieses Argument, dass Menschen, die sich schon in der Schulzeit kaputt arbeiten, früher oder später zugrunde gehen müssen. Schon jetzt sind Krankheiten wie das Burn-Out-Syndrom oder stressbedingte Depressionen in Deutschland übermäßig weit verbreitet. Ein Zustand, der sich wohl nicht bessern wird, wenn auf die Aufnahmefähigkeit der einzelnen SchülerInnen noch weniger Rücksicht genommen wird. Auch für die LehrerInnen werden die Zeiten schwerer. Sie sind dem neuen Stress genau so unterworfen. Schließlich bleibt ihnen weniger Zeit Wissen zu vermitteln und sich auf Unterrichtsstunden vorzubereiten. Dass Menschen auf diese Weise mehr Arbeitsstunden leisten, kann man sich in die Haare schmieren. Die Arbeitszeit, die gewonnen werden soll, geht bei vielen Menschen für Krankheitstage wieder verloren.

SchülerIn der Umstände sein: verbissen, abgewrackt und allein
Letztlich zeigt dies alles jedoch nur, wie sich die wirtschaftlichen Argumente selbst entkräften. Doch das soll nicht heißen, dass die Kritik am achtjährigen Gymnasium nur darauf basiert, dass G8 Schulen nicht effizient genug sind und keine wirtschaftlichen Erfolge bringt. Viel wichtiger ist, was das sogenannte „Turbo Abi“ dem einzelnen Menschen und seiner Entwicklung antut. Schließlich ist die Schule ja nicht der Ort, an dem wir unsere individuellen Interessen umsetzten und ausleben. Dies passiert alles außerhalb des Unterrichts, in unserem alltäglichen Leben. Hier finden wir die Zeit unser Wissen zu vertiefen, selbstständig Dinge zu bewältigen und hier finden wir zueinander. Das Wissen, was uns in der Schule eingehämmert werden soll, spielt für Freundschaften, Beziehungen und unsere Persönlichkeit so gut wie keine Rolle. Dadurch, dass die Schule nun immer weiter in diesen Alltag eingreift, verlieren wir auch die Zeit, uns Wissen freiwillig in unserer Freizeit anzueignen. Lernen wird immer mehr zur alleinigen Sache des anstrengenden Unterrichts. Es bleibt auch keine Zeit sich das Leben neben der Schule einzurichten, was dazu führt, dass es immer schwerer wird, wirkliche Unabhängigkeit von unseren Eltern zu erlangen. Und zu guter Letzt unterbindet die ständige Beschäftigung mit der Schule den sozialen Kontakt mit Anderen. Noch mehr als vorher verlassen wir die Schule nicht als sozial kompetente Menschen, sondern als EgoistInnen, die sich immer mehr voneinander isolieren.

Hach ja, damals als ich noch in der Schule war…
Sicherlich gibt es auch in diesem Fall Ausnahmen, Menschen die es schaffen sich trotz alledem im Leben durchzusetzen. Doch letztlich ist der Großteil der SchülerInnen am Gymnasium von der Umstrukturierung schwer betroffen und leidet unter ihr. Fakt ist, dass die G8-Schule ein weiterer Angriff auf das viel gelobte Leben als SchülerIn ist. Schließlich heißt es immer, dass man nie wieder ein leichteres Leben führen wird und so viel Zeit hat sich zu einer Persönlichkeit zu entwickeln. Dass dies jedoch nicht immer so stimmt und vor allem immer weniger richtig sein wird, muss ebenfalls gesehen werden. Und selbst wenn das Leben nach der Schule immer weniger schöne Seiten zu bieten hat, sollte das nicht als Argument aufgefasst werden, sich nicht zu wehren. G8 ist eine weitere Herausforderung, die den SchülerInnen von oben vorgesetzt wurde und es wird Zeit dem entgegen zu treten. Und wer in der Schule lernt, sich gegen Ungerechtigkeit und schlechte Behandlung zu wehren, der hat dann vielleicht doch etwas Wichtiges fürs spätere Leben mitgenommen, egal ob im Job, Uni oder arbeitslos. Schließlich lernen wir nach einem alten Spruch ja nicht für die Schule, sondern fürs Leben.

Dieser Artikel ist in der fünften Ausgabe (Oktober/November 2011) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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