Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
„Klassenkampf kennt keine Ferien!“

Ein Interview mit der schwedischen anarchosyndikalistischen Jugendorganisation SUF

Am 1. Mai 2005 hat die Anarchosyndikalistische Jugend Schwedens (Syndikalistiska Ungdomsförbundet, SUF) als bundesweite Föderation eine Kampagne zur Situation der Sommerjobs ins Leben gerufen. Denn die Situation der Sommerjobs in Schweden ähnelt in vielen Punkten der der Minijobs in Deutschland: Unerfahrenheit wird schamlos ausgenutzt und auch noch als Chance für die Jugend verkauft, einen Einblick in die Arbeitswelt zu bekommen.

Deshalb hatte die Ortsgruppe der SUF aus Malmö vor sechs Jahren die Idee, eine Kampagne zu der Problematik zu starten und hat sie dann auch sogleich auf dem jährlichen Bundestreffen der Föderation vorgestellt. Danach ging es in den jeweiligen Ortsgruppen an die Arbeit.
Wir haben uns mit einem Genossen der SUF Stockholm unterhalten, der damals schon bei der Kampagne dabei war und uns viel Interessantes schildern konnte. Die Erfahrungen, die die SUF mit ihrer Kampagne gemacht hat, haben uns sehr beim Aufbau unserer eigenen Kampagne geholfen, immer wieder konnten wir uns coole Ideen von unseren GenossInnen abgucken. Aber macht euch doch selbst ein Bild vom Klassenkampf, der keine Ferien kennt!

Also, wie seid ihr denn damals auf die Idee gekommen, diese Kampagne zu starten? Wie genau sieht die Situation der Sommerjobs in Schweden aus?
Naja, viele Mitglieder der SUF haben mehr Erfahrungen mit Sommerjobs, als mit „richtigen“ Jobs und wollten sich natürlich mit vielen Sachverhalten nicht abfinden. Deswegen wurde es ein immer aktuelleres Thema für uns und wir wollten dazu eine Kampagne starten. Generell bringen Sommerjobs die gleichen Probleme mit sich wie jeder andere Job, nur dass die Arbeitsbedingungen eben noch schlechter sind: Keinen sicheren Arbeitsplatz, niedrige Löhne (manchmal sogar gar keinen Lohn!) und allzu oft viel zu lange Arbeitszeiten und unbezahlte Überstunden. Ganz zu schweigen von sexuellen Übergriffen seitens der Chefs! Natürlich kommen all diese Probleme nicht immer an einem Arbeitsplatz vor und auch selten zur gleichen Zeit. Aber oft genug gehen sie mit den Sommerjobs Hand in Hand. Die Situation wird dadurch noch verschlimmert, dass die Gemeinden (Kommuner) verzweifelt versuchen, so viele Sommerjobs wie möglich anzubieten. Denn viele Menschen in Schweden profilieren sich durch ihren Job. Arbeitslos zu sein ist schon seit langem ein gesellschaftliches No-Go. Die Sozialdemokraten haben ihren Fokus immer auf mehr Vollzeitanstellungen gelegt (oder davon geträumt). Auch wenn sich das durch unsere jetzige rechtskonservative Regierung geändert hat, die wichtigste Devise ist immer noch: „ Bringt die Leute zum Arbeiten!“ All das hat zur Folge, dass die Gemeinden schlecht bezahlte Jobs anbieten und wegsehen, wenn es um die Arbeitsbedingen für Jugendliche bei privaten Unternehmen geht.

Was war das Ziel der Kampagne?
Das Ziel war es, SommerjobberInnen über ihre Rechte zu informieren und verschiedene Wege aufzuzeigen, wie man gegen seine Chefs ankommt. Außerdem wollten wir eine Debatte darüber ins Rollen bringen, wie SommerjobberInnen behandelt werden.

Wann war der Startschuss für die Kampagne?
Wir hatten uns auf den 1. Mai 2005 festgelegt. Eine Sonderausgabe unserer Zeitung „Direkt Aktion“ mit dem Thema Sommerjobs wurde herausgegeben und im ganzen Land haben SUF-Mitglieder Reden gehalten, Flyer verteilt und sind mit Transparenten aufgetreten. Ich hab mit einem Genossen zusammen eine Rede auf einem bekannten Festival am 1. Mai in Stockholm gehalten bei dem bis zu 10 000 Leute waren. Zwischen Bandauftritten wurden politische Reden gehalten und wenn ich mal ein wenig angeben darf, bei unserer Rede „Dein Boss bestiehlt dich – stehle zurück!“ gabs den meisten Applaus 🙂 Das war ein ziemlich cooles Gefühl für unsere Föderation, wir hatten echt das Gefühl, was Großes zu starten.

Wie habt ihr die Jobbenden erreicht?
Das war echt schwer. Leider gehen SommerjobberInnen ja nicht gemeinsam morgens in die Firmen und Fabriken und kommen abends wieder raus. Meistens sind sie verteilt und so versteckt, dass wir nie wussten, wo wir Plakate aufhängen und Flyer verteilen sollten. Wir haben uns dann auf große Festivals, Schulen und Betriebe, wo wir wussten, dass sie Sommerjobs anbieten, konzentriert und einfach jeder jungen Person einen Flyer in die Hand gedrückt.

Was habt ihr sonst noch so für Aktionen gemacht?
Eine der größten Aktionen sollte die lautstarke Besetzung eines Arbeitsamtes werden. Die Polizei war, sobald sie von dem Plan mitgekriegt hatte, sofort alarmiert und hat die Umgebungen von Arbeitsämtern stark überwacht. Irgendwann haben wir dann eins gefunden, in das wir reinkamen. Der Direktor wurde richtig wütend und wollte uns die Musik, mit der wir vor Ort waren, abdrehen. Aus Versehen hat er sie dann jedoch noch lauter gedreht: niemand hat sich mehr eingekriegt. Besonders die Arbeitslosen fanden die Unterbrechung der bürokratischen Routine sehr angenehm. Wir haben uns dann noch mit den Leuten unterhalten und Flyer verteilt, das wurde echt gut aufgenommen.

Was war die Reaktion auf eure Kampagne?
Von jungen Leuten gab es 100% positives Feedback. Von größeren Gewerkschaften, Betrieben und Gemeinden kam gar keine Reaktion. Das änderte sich schlagartig, als ein Lehrer unsere Zeitung in die Finger bekam. Er war schockiert über unseren Vorschlag, bei Minijobs das Gehalt durch Diebstahl aufzubessern. Danach war die Hölle los! Aus allen politischen Lagern beschuldigte man uns, schlechte Moral zu predigen. Uns wurde vorgehalten, dass wir uns als Gewerkschaftsorganisation (die SUF arbeitet eng mit der schwedischen anarchosyndikalistischen Gewerkschaft SAC zusammen) auf „legale Methoden“ konzentrieren sollten. Auch unsere Aussage, man solle ein bisschen zurückschrauben im Sommerjob („Dein Sommerjob ist im August vorbei, die Folgen von Arbeitsunfällen können ein ganzes Leben bleiben“), war ebenfalls ein großes Thema in den Medien. Sowohl lokale, als auch bekannte Zeitungen, ließen sich über unsere Aussagen aus und viel mehr Aufmerksamkeit als erwartet richtete sich plötzlich auf uns. Wir wurden sogar zu einer großen TV-Show namens „Morning Sofa“ eingeladen und eins unserer Mitglieder wurde von den ModeratorInnen in die Mangel genommen. Mit ihr in der Show saß der Vorsitzende einer Jugendorganisation von irgendeiner linken Partei, der die Rolle des kritischen, dennoch sensiblen und gesetzestreuen Vertreters gespielt hat. Aber unsere Vertreterin für die SUF hats ziemlich gut gemeistert, fanden wir.

Was ist dein Fazit von der Kampagne?
Es war eine gute Kampagne, auch wenn wir nicht immer wussten, wie wir mit der Aufmerksamkeit der Medien umgehen sollten. Zwar liefen nicht alle Aktionen nach Plan und wir hätten nie gedacht, dass wir in irgendeiner Fernsehshow landen würden, aber es hat sich viel spontan entwickelt und wir haben es gut meistern können. Womit wir Probleme hatten, war den Jobbenden mehr Hilfestellungen zu geben, als nur zu sagen: Chillt mal, bessert euren Lohn auf, organisiert euch.
Uns ist es schwer gefallen nach dem ersten Sommer am Ball zu bleiben, eben weil die SommerjobberInnen so verteilt und versteckt sind und es viel Geduld fordert, die Menschen aufzutreiben. Aber wie gesagt, die Jugendlichen, die von unserer Kampagne erfahren haben, fandens richtig und wichtig. Und das zeigt doch, dass auf diesem Gebiet Kampagnen wie unsere gefordert sind!

Dieser Artikel ist in der sechsten Ausgabe (Dezember/Januar 2011/2012) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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