Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
Warum Minijobs nicht nur subjektiv Scheiße sind

Warum es sie überhaupt gibt, wer davon profitiert und was das für Folgen hat

Offiziell wurde das Beschäftigungsverhältnis Minijob eingeführt, um mehr Verdienstmöglichkeiten für Jugendliche und SozialleistungsempfängerInnen zu schaffen. Und für Viele mag es auch verlockend klingen sich mittels eines Minijobs etwas dazuzuverdienen, denn die Vorteile scheinen auf der Hand zu liegen. Minijobbende müssen vom einmal verdienten Gehalt keine Abgaben mehr leisten und können so am Monatsende den gesamten Bruttolohn einstreichen. Doch in der Realität kehren sich diese scheinbaren Vorteile von Minijobs um. Wie wir sehen werden, trägt die Zunahme von Minijobs auf dem Arbeitsmarkt entscheidend zur Prekarisierung von Beschäftigten bei. In diesem Artikel soll es also darum gehen, den Minijob als ein modernes Beschäftigungsverhältnis zu problematisieren und mögliche öffentliche Schönmalerei aufzudecken. Fragen wir also zunächst: Warum nehmen Minijobs überhaupt zu? Oder anders gefragt:

Welche Vorteile bieten Minijobs für UnternehmerInnen, dass sie diese in zunehmenden Maße anbieten?
Aufgrund wirtschaftlicher Konkurrenz und Profitstreben, suchen Unternehmen immer nach Möglichkeiten ihre Kosten zu verringern, um ihren Gewinn zu maximieren. Oftmals greifen sie dabei in erster Linie auf die Löhne der Beschäftigten zurück. Um die Löhne niedrig zu halten, zerteilen Unternehmen gerne reguläre Stellen in viele Kleinere auf. Aus einer Vollzeitstelle werden so mehrere Minijobs. Dies ist eine gängige Methode, um die Lohnkosten eines Unternehmens zu senken, denn Minijobbende bekommen im Durchschnitt einen sehr viel niedrigeren Stundenlohn als Vollzeitkräfte. Dieser niedrigere Lohn wird seitens der Unternehmen meist durch die kürzere Arbeitszeit zu rechtfertigen versucht. Minijobbende seien in erster Linie Aushilfskräfte und könnten auch nur als solche entlohnt werden. In der Realität aber übernimmt einE MinijobberIn oft nur unter neuer Bezeichnung die gleiche Arbeit zu niedrigerem Stundenlohn. De facto ist der Minijob also für Unternehmen ein idealer Deckmantel, um die eigenen Lohnkosten zu senken.

Minijobs bergen aber noch weitere Vorteile für Unternehmen. Mit dem Ziel Anreize für die Einrichtung neuer Minijobs zu schaffen, senkte man gesetzlich die vorgeschriebenen Lohnnebenkosten für Unternehmen. Wie in dem Artikel „Was macht einen Minijob denn mini?“ beschrieben, müssen Unternehmen weitaus weniger Sozialversicherungsabgaben für ihre Angestellten zahlen, als bei regulären Beschäftigungsverhältnissen. Der größte Kosteneinsparungseffekt kommt jedoch daher, dass gesetzlich vorgeschriebene Sozialleistungen wie Urlaubsgeld, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall usw. von ArbeitgeberInnen oft nicht ausgezahlt werden. Dies liegt einerseits daran, dass Minijobbende nicht über ihre Rechte Bescheid wissen, aber andererseits auch daran, dass Minijobbende, deren Vollzeitstelle bereits gestrichen wurde, nicht den Mut finden ihre Rechte einzuklagen. Sie haben oft das Gefühl froh sein zu müssen überhaupt noch eine Stelle zu haben.

Nicht zuletzt ergibt sich die Nützlichkeit von MinijobberInnen für Unternehmen aufgrund ihrer flexiblen Einsetzbarkeit. Minijobverträge sind zwar schnell abgeschlossen, sie sind aber genauso schnell auch wieder gekündigt. Dies führt zu viel Bewegung auf dem Arbeitsmarkt. Minijobbende müssen ihre Arbeitsstelle sehr häufig wechseln, daher gibt es auch immer eine große Menge an Minijob-Suchenden. So kommt es, dass etwa die Hälfte aller gegenwärtigen Minijobverträge seit höchstens einem Jahr bestehen. Allgemein gilt bei ArbeitgeberInnen die Devise: Einstellen nach Bedarf, Kündigen nach Überschuss. Rechte von Minijobbenden sind ArbeitgeberInnen dabei ein Dorn im Auge, da diese den Rationalisierungsprozess verlangsamen, oder gar nicht möglich machen. Nichtsdestotrotz nimmt diese Art der Betriebsführung immer mehr zu, denn sie ermöglicht ArbeitgeberInnen ein noch leichteres Wirtschaften. Risiken können leichter eingegangen werden, wenn man ihre negativen Folgen ausbügeln kann, indem man mittels kurzfristigen Kündigungen die Lohnkosten reduziert. Aus der sogenannten Verantwortung eines Unternehmers für seinen Betrieb werden die darin Beschäftigten ganz klar ausgeklammert: Sie werden zum Spielball einer immer riskanteren Unternehmenspolitik. Für Minijobbende bedeutet dies ein Leben voller Unsicherheit und ohne Selbstbestimmung führen zu müssen. Sie werden auf dem Arbeitsmarkt Hin und Her geschoben, ohne nennenswerte Chance diesem Teufelskreis zu entkommen.
Wie wir gesehen haben, bringen Minijobs eine Vielzahl von Vorteile für Unternehmen. Wechseln wir nun die Seite und fragen wir uns:

Welche Vorteile haben Minijobs eigentlich für Beschäftigte?
Bereits in der Einleitung sind wir auf die Vorteile von Minijobs eingegangen. So bieten Minijobs die Möglichkeit, das eigene Lebenseinkommen abgabenfrei aufzustocken, sich etwas dazuzuverdienen. Doch sagten wir auch diese Vorteile seien nur scheinbar positiv, vielmehr würden sie sich für die Beschäftigten zum negativen umkehren. Die Problematik, die sich für MinijobberInnen ergibt, liegt auf der Hand. Der scheinbare Segen der Abgabenfreiheit wird auf dem zweiten Blick zum Fluch, denn sie entpuppt sich als mangelnde Einzahlung in die Rentenversicherung. Klar ist es im ersten Augenblick schön, nichts vom Gehalt abgezogen zu bekommen. Viele Menschen arbeiten jedoch oft mehrere Jahre nur geringfügig beschäftigt und zahlen somit sehr wenig in die Rentenkasse ein. Dies führt für langjährige Minijobbende zu einer miserablen Rente, also im Endeffekt zu Altersarmut. Um die mickrige Rente dann aufzubessern muss dann selbst im Alter noch ein Minijob angenommen werden. Es verwundert daher nicht, dass von den sieben Millionen Minijobbenden in Deutschland knapp eine Million 65 Jahre und älter sind.

Fazit
Das Modell Minijob zeigt, wie hier der Hase läuft: Es werden Vorteile für Unternehmen geschaffen, die gleichzeitig immense Probleme für ArbeitnehmerInnen darstellen. Die Idee vom Minijob als „Dazuverdienst“ geht nicht auf. Sie dient viel eher dazu die offensichtlich negativen Folgen für die MinijobberInnen unter ihrem Deckmantel zu verbergen. Minijobs greifen die Rechte von ArbeitnehmerInnen durch die Hintertür an. Sie führen zu einem Abbau von Vollzeitstellen, zu niedrigerer Vergütung, zu Einbußen beim Arbeitsrecht und zu einer mangelnden Rentenvorsorge. Auch wird an Minijobs deutlich, wer im Arbeitsleben immer den kürzeren zieht, nicht umsonst sind zwei Drittel der Minijobbenden weiblich. Minijobs und deren Ausweitung sind ein Motor für die immer voranschreitende Prekarisierung in Deutschland. Seit 2006 steigt die Zahl der Minijobs stetig. Heute sind knapp sieben Millionen Menschen in Deutschland in einem Minijob beschäftigt, dass sind 20% aller ArbeitnehmerInnen! Für viele von ihnen ist ihr Minijob notwendig für ihre Existenzsicherung. Als MinijobberIn ist es daher um so wichtiger seine Rechte zu kennen und diese immer wieder einzufordern!

Dieser Artikel ist in der sechsten Ausgabe (Dezember/Januar 2011/2012) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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