Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
Rette sich wer kann

Von Paketen zu Raketen: Was blüht der Welt von morgen?

Die Zeichen stehen wahrlich schlecht. Die Krise wütet überall – auch in Europa. Staaten verschulden sich mit schwindelerregend hohen Summen – Heute noch als Zahlen in den Nachrichten genannt, kriegen wir sie alle schon morgen zu spüren. Es sind Zustände unter denen Revolutionen schon mal an die Hintertür ein oder anderer Staaten klopfen. Doch sind es Veränderungen zum positiven?

Medial kursierende Umstürze, wie im nahen Osten und Nordafrika sind für ihren Teil umgeschlagen in Bürgerkriege oder bürgerkriegsähnliche Zustände. Nebenan schaut die Welt auf einen Iran, in dem es knapp drei Jahre zuvor noch selbst gebrodelt hatte: Die Führer des Landes jedenfalls sind in höchster Alarmbereitschaft. Sie versuchen die eigenen Machtstrukturen zu sichern und basteln so manchem Bericht nach an „der Bombe“ – dabei warten andere Staatsmächte derweil selbst nur darauf, ihre eigenen Waffenarsenale zu öffnen. Provokationen auf beiden Seiten, ohne Ende. Nur mit der Absicht im Zweifelsfall unter den Profitierenden zu sein. Dazu gehört es auch, die eigene Bevölkerung durch diverse Maßnahmen zu einer gehorchenden und kriegsbereiten Einheit zusammenzuschweißen – Pokern auf nuklearem Niveau.

Das alte Märchen von gut und böse
Die überwiegende Berichterstattung in den hiesigen Medien fokussiert die Diplomatie: Dialoge, Verhandlungen, notfalls auch Sanktionen als saubere Mittel des staatspolitischen Handelns. Im Kern allerdings, wird die Debatte nicht „objektiv“, sondern auf Basis einer staatstragenden und systembejahenden Haltung bewertet. Diese schürt zwangsläufig die Meinung, es gäbe gute und böse Staaten. Ein ideologisches, zu weilen auch völkisches Konkurrenzdenken wird – mal mehr, mal weniger subtil – gnadenlos in die Köpfe der Menschen eingeimpft. Das Potential ist fatal! Es lauern Gefahren von ungeahntem Ausmaß… Was tun, damit wir einer drohenden Kriegsmühle entkommen?

Punkt 1: Schärfe deine Wahrnehmung, Kollege. Der eigene Stall ist doch schmutzig!
Um es nochmal aufzugreifen: Gute und böse Staaten. Nicht wenige glauben, die parlamentarische Demokratie und der freier Markt seien die einzigen erstrebenswerten Gesellschaftsformen. In ihren Augen sind sie die einzigen Freiheitsgaranten, während Staaten anderer Ordnungen Menschenwohl wenig bis gar nicht achten. Ein Schwarz-Weiß-Denken. Grundsätzlich muss gesagt werden, auch um allseitig kriegstreibende Positionen zu entkräften: Das Problem ist nicht willkürlich zwischen Staaten zu suchen, sondern innerhalb eines jeden Staates selbst. In unserem eigenen Alltag fängt es an.

Punkt 2: Von Kriegen kriegen sie nie genug: Alle Ställe sind schmutzig!
Wie auch manches hiesige Staatsoberhaupt schon zugab: Legitimiert durch Demokratieexport, werden Kriege wirtschaftlich motiviert geführt. Neben dem krampfhaften und zu Teilen scheinheiligen Versuchen, Menschenrechte zu verankern, wird vor allem eins verankert: ein freier Markt. Der freie Markt, der im Sinne der industrialisierten Volkswirtschaften Ressourcen privatisiert und die eroberten Güter- und Arbeitsmärkte lukrativ vereinnahmt. Das Wachstumspotential dieses neu erschlossenen Marktes wird zudem durch den Krieg selbst begünstigt, da die zerstörten und verbrauchten Güter erneut produziert und konsumiert werden müssen. Jedes zerstörte Haus, jede geschossene Kugel findet sich auf den Auftragslisten der Firmen wieder, die sie herstellen.
Diese Vorgänge ändern nichts an der katastrophalen Bilanz für die, im Kriegsgebiet ansässige, Bevölkerung. Sie wird nach wie vor von zu wenig Lohn, zu teure Produkte kaufen und dabei so manches menschliches Opfer hervorbringen müssen. All dies weil sie – genau wie vor dem Krieg- ihren eigens geschaffenen Reichtum nicht selbst verwaltet, sondern wiederholt einer Elite dienen muss, die sie ökonomisch und politisch unterdrückt. So ist der Krieg selbst zwar nie im wirtschaftlichen Interesse der breiten werktätigen Bevölkerungsschicht, doch schaffen es die Eliten immer wieder, die breite Masse mit ihren Manipulationen, falschen Versprechen und Repressionen auf Linie zu halten und zu mobilisieren. Jedes Mittel ist ihnen da recht. Kriege werden also nicht von willkürlichen Personenkreisen angezettelt, sie werden von Mächtigen um Macht geführt und Mächtige gibt es innerhalb eines jeden Staates – so ist jeder Stall schmutzig, ausnahmslos.

Punkt 3: Vieh ist Vieh und Besitzer, Besitzer – von Kabul nach Kaiserslautern
Zu unserem Alltag vor Ort: Deutschland befindet sich, neben einigen anderen Staaten, in diversen Kriegen. Mögen diese auch gelegentlich durch Rechtsbegriffe und beschönigende Umschreibungen nicht mehr als solche benannt werden, so ist ihr wirtschaftliches Motiv nicht zu verschleiern: Kriege bringen Profit. Doch Profit für wen? Zwar können Kriege volkswirtschaftliches Wachstum bedeuten, doch de facto spiegelt sich solches Wachstum ausschließlich im Profit einiger herrschender und besitzender Eliten wieder und nicht in einem etwaigen allgemeinen Anstieg des sozialen Standards. Denn was passiert hier vor Ort, trotz aller militärischen Beuteraubzüge, die wir alle aus Steuergeldern und somit aus eigener Arbeitskraft finanzieren? Die soziale Lage wird immer beschissener: Reallöhne sinken, Leiharbeit und Kurzarbeit treten auf, ArbeitnehmerInnen werden entlassen, eine Jugend gerät überhaupt immer seltener in akzeptable Arbeitsverhältnisse, Renteneinstiege werden hinausgezögert, und allem voran steigen nicht nur die Preise der Mieten, sondern die fast aller Produkte. Von einer positiven Tendenz kann keine Rede sein. Da täuschen auch scheinbare Erfolgsmeldungen der Tagesschau, von geschönten Beschäftigungsstatistiken und kurzlebigen DAX-Aufschwüngen, nicht. Die meisten unter uns wissen, durch sich oder ihrem Umfeld, wie es tatsächlich ist. Und bei all diesen Abwärtstrends steht eine Hyperinflation nach Rekordverschuldungen durch die Weltwirtschaftskrise unweigerlich auf der Matte. Das Elend wird zum greifbaren Szenario. Im schlimmsten, aber nicht unwahrscheinlichen Falle werden wir zum Kanonenfutter und den Vergewaltigten eines unheimlichen Krieges. Schließlich hat sich die Welt in den vergangenen Jahrzehnten, allem technologischen Fortschritt zum Trotze, keinen Millimeter verändert in ihrer sozialen Zusammensetzung. Unten blieb unten – Vieh blieb Vieh, egal wo. Ein Umstand, den jeder noch so abwegige Volksmythos nie verhinderte, sondern heute wie damals nur verschleiert.

Punkt 4: Ein anderer Anstrich – und doch: Ställe bleiben Ställe!
Ein Kriegsszenario im Weltformat mag für Viele wahnwitzig klingen, denn sie wollen es nicht wahr haben. Sie flüchten sich in Ausreden, wie: Es gäbe keine politischen Blöcke mehr auf der Welt. Alles sei ganz anders als Jahrzehnte zuvor im Kalten Krieg oder in den Weltkriegen. Nicht nur, dass sie an den Erfolg einer Demokratieverbreitung glauben, sie sind auch der Ansicht, die Globalisierung führe dazu, dass staatliche Akteure in der Zukunftsgeschichte weniger ein gegeneinander, als eine bemühte Kooperation suchen, da schließlich die Volkswirtschaften aller Länder heute mehr denn je miteinander verwoben sind. Doch ist das ein Friedensgarant? Oder verschärft dieser Umstand nicht eher die gegenseitigen Schuldzuweisungen und Anfeindungen? Die Herrschenden aller Länder werden versuchen, ihre eigenen Köpfe zu retten. Diese allgemeine Engstirnigkeit wird unweigerlich dazu führen, dass noch so mancher Kopf zu Gunsten anderer rollen muss.

Punkt 5: Die BesitzerInnen versuchen sich zu retten, aber wer rettet das Vieh?
Das Vieh ist ohne Beistand. Es berührt die Herrschenden keinen Deut, wenn beträchtliche Teile der werktätigen Massen über die Klinge springen. Markabererweise begünstigt dies sogar bis zu einem gewissen Grad ihre Vorhaben – Tote sind billiger als Invaliden oder Arbeitslose. Sich also bereitwillig in den militärischen Dienst der Staaten zu stellen gleicht einem Russisch-Roulette. Um nicht weiterhin Spielball übergeordneter, fremder Interessen zu sein, müssen wir uns losreißen von Institutionen und Mechanismen, die den Herrschenden dienen und die, bestehende Zustände aufrecht erhalten oder gar verschlimmern. Es muss uns allen bewusst werden, dass Parlamente, Gerichte jeglicher Couleur, und auch Staatsgewerkschaften nie die Instrumente unserer Einflussnahme waren, es heute nicht sind und auch in Zukunft nicht sein werden. Das Militär, mit der ursprünglichsten Aufgabe des Machterhaltes beauftragt, fällt natürlich ebenfalls in jene Kategorie repressiver Organe. Gerade auf diesem Gebiet wird, in den letzten Jahren verstärkt auf allen Kanälen versucht, den historisch bedingten und doch nicht sehr tief sitzenden Reflexpazifismus der deutschen Bevölkerung immer weiter aufzuweichen. Im Fernsehen, auf Youtube, in Zeitschriften und im Nahverkehrszügen wird vermehrt auf demagogischste Art versucht, frisches Menschenfutter für die Kriegsmaschinerie anzuwerben. Mittellose sollen mit einer gut bezahlten und doch mörderischen Karriere gelockt werden.
Da es immer ein Krieg zu Gunsten der Mächtigen sein wird, wird es auch immer einer zum Leid von uns Schwächeren sein. Egal also, ob wir unter Flagge vermeintlicher Kriegsgewinner oder -verlierer kämpfen: Wir verlieren in jedem Fall. Unsere Perspektive kann es daher alleinig sein, uns selbst aktiv zu wehren und nicht, eine verelendete Nebenrolle in einem tragischen Theaterstück einzunehmen. Wir kreieren unser eigenes Stück! Denn uns gebührt die Hauptrolle!

Punkt 6: Symbolik ist nichts – Ökonomie alles
Es geht also um aktive Gegenwehr. Da hilft es nichts, den zehnten Sonntag in Folge auf einer Friedensdemonstration herumzugeistern, um bei einem Strom mitzuschwimmen, der so schwammig ist, dass eigentlich niemand mehr weiß, wohin er genau führen soll. Natürlich wäre es überspitzt, der Symbolik jede Bedeutung abzusprechen, doch sollte sie Mittel zum Zweck und nicht Selbstzweck sein. Unsere Macht liegt nicht in Menschen- und Lichterketten, sondern in unserer Rolle als ErzeugerInnen gesellschaftlicher Werte. Diese unsere Rolle, die eben noch von den Herrschenden missbraucht wird, könnte im nächsten Moment schon zur stiftenden Kraft eines systematischen Wandels werden. Doch kommt diese nicht durch ein paar geopferte Nachmittage und ein paar Trillerpfeifen. Dazu müssen wir uns organisieren, koordiniert und beständig. Wir als Werktätige, auch als angehende, ehemalige oder jene ohne Arbeitsplatz, müssen selbstbestimmte Strukturen schaffen, die selbstbewusst und verantwortlich, durch Erlangung praktischer Routine einen effektiven Gegenpol zu Kapital und Staatsapparatur bilden können. Wenn wir wirklich wollen, sitzen wir am längeren Hebel.

Punkt 7: Weg mit den Ställen!
So sehr ökonomischer Kampf auch die Beschränktheit der Symbolik übertrifft, bleibt dieser Tiger zahnlos, solange die Kämpfenden keine konkreten Forderungen haben, kein alternatives Folgeprogramm bieten und versuchen, es auch umzusetzen. Andernfalls wäre es bei der hohen Zahl an Massenstreiks in Südeuropa – ja überall – längst zu einem ernsthaften gesellschaftlichen Wandel gekommen. Ein Streik ist kein Automatismus für eine soziale Besserung. Ja, im unglücklichsten Fall schafft ein Streik, eigentlich als Aktion von unten gedacht, nur ein Machtvakuum zu Gunsten jener Leute, die kalkuliert versuchen an die Spitze zu drängen. Gerade um dies zu vermeiden, ist eine akribische, föderalistische Organisation von unten unerlässlich. Um wirklich nachhaltig zu interagieren, sollte uns nicht nur klar sein, wogegen wir sind, sondern vor allem wofür!
Weg von einer Wirtschaft der Konkurrenz, Lohnarbeit und Fremdbestimmung – hin zu einer solidarischen Bedürfnisökonomie, in der Überproduktion, Unterversorgung und ungleiche Verteilung von Reichtum nur noch in Geschichtsbüchern zu finden sind. Eine kollektive Form des Wirtschaftens, ermöglicht uns tatsächlich, international nicht nur in einem sicheren Frieden, sondern sogar in gegenseitiger Hilfe zu koexistieren.

Dieser Artikel ist in der siebten Ausgabe (Februar/März 2012) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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