Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
Theorien der neuen Schule (Teil 2)

Das vermeintliche Paradox: Kein Lehrer, aber doch ein Pädagoge

Im zweiten Teil unserer Bildungsreihe, gehen wir mal soweit in die Geschichte zurück, dass selbst eure Großeltern nicht sagen könnten, sie wären dabei gewesen. Denn wir wollen rund 2500 Jahre zurück in das klassische Griechenland, genauer gesagt nach Athen, dem griechischen Bildungszentrum seiner Zeit. Einem Stadtstaat reich an Dichtern, Philosophen und Historikern, die in der ersten uns bekannten Demokratie Teil an einer neuen Bildungskultur hatten, welche sich rühmte, die Vernunft zum Ideal erklärt zu haben. Aber auch einem Stadtstaat , der einen Philosophen beherbergte, welcher sich der Pädagogik dieser Bildungskultur radikal verwehrte, sie als anmaßend empfand und ihr eine ganz neue pädagogische Methode entgegenstellte, die sogenannte Hebammenkunst (Mäeutik). Sie brach nicht nur das Verhältnis von Lehrer und Schüler fundamental auf, sondern sorgte auch für eine Entdogmatisierung gesellschaftlicher Wertvorstellungen. In diesem Artikel wollen wir uns nun mit der Pädagogik dieses Philosophen auseinandersetzen. Nicht um sie uns als Ideal voranzustellen, sondern um sie kritisch zu diskutieren und aus ihr womöglich wertvolle Voraussetzungen einer libertären Pädagogik abzuleiten.

Von der Kunst einer Hebamme
Von einer sokratischen Pädagogik zu sprechen scheint eigenartig. Das zeigt das Paradox. Und auch der Name Hebammenkunst stiftet erst mal nur Verwirrung. Doch auf den zweiten Blick, klärt sich das Paradox ganz einfach sinnbildlich auf. Hebammen betreuen das Geburtsgeschehen während der Schwangerschaft und der Geburt. Hebammenkunst ist daher eine Metapher für die pädagogische Methode, bei der, der Pädagoge den Schüler bei seiner eigenständigen Erzeugung von Wissen betreut. Der Pädagoge hat also keine wissensvermittelnde (lehrende) sondern eine wissensermöglichende (pädagogische) Funktion inne. Ihm obliegt es nicht den Schüler zu unterrichten. Seine Aufgabe ist es die Vorraussetzungen für den Prozess der selbstständigen Erkenntnis zu schaffen und diesen zu leiten.

Vom Gespräch als pädagogisches Format
Sokrates war ein attischer Bürger, der sich 400 Jahre vor unserer Zeitrechnung auf Märkten und öffentlichen Plätzen rumtrieb. Was er da tat? Nun jedenfalls nichts von dem, was wir heute mit Begriffen wie Unterricht oder Lehre in Verbindung bringen würden.
Sokrates unterhielt sich dort mit Menschen. Er führte Gespräche. Dies mag nicht aufregend klingen, doch die Verwendung des Gesprächs als pädagogisches Format stellt eine Neuheit in der Geschichte. Nun, was ist anders am Gespräch, was ist dem Gespräch eigentümlich? Das Gespräch ist in erster Linie ein hierarchiefreies Format. Es kann, sofern gewollt, die Grundlage einer horizontalen Pädagogik sein. Das Gespräch bietet, im Unterschied zum uns bekannten Frontalunterricht, die Möglichkeiten der Äußerung des Zweifels und des Widerspruchs. Und gerade diese Möglichkeiten sind es, die das Ziel einer Pädagogik bestimmen: Geht es um Zucht oder um Erkenntnis? Bei letzterem jedenfalls, sollte das Argument statt der Autorität den Ton angeben. Das Gespräch kann hierzu den passenden Rahmen bieten: Es wird auf Augenhöhe um Wissen verhandelt. Das sokratische Gespräch lässt das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler aufbrechen. Nicht nur, dass sich die Ebene des Lernens, d.h. das Format, verändert hat, nun steht der Lehrer selbst in Frage. Er ist Teil des Gesprächs und ist gezwungen sich zu rechtfertigen. Der Lehrer wird zum Pädagogen. Was bleibt ist nur seine Methode den Prozess der Erkenntnis zu leiten.

Hier haben wir eine Voraussetzung, den notwendigen Rahmen sokratischer Pädagogik entdeckt: Das Gespräch. Es ermöglicht Sokrates den Prozess der eigenständigen Erkenntnis einzuleiten und seine „Hebammenkunst“ anzuwenden. Nun, da wir den Rahmen ausgelotet haben, können wir uns dem Prozess selbst widmen.

Auf den Stufen der Erkenntnis
Mithilfe der „Hebammenkunst“ leitet Sokrates einen pädagogischen Prozess, bei dem der Schüler zwei Schritte vollziehen muss, um selbstständig wirkliche Erkenntnisse zu erlangen. Den ersten Schritt macht der Schüler an der Hand des Pädagogen. Der Schüler wird von ihm auf die Probe gestellt. Er muss sein vermeintliches Wissen vor dem Pädagogen argumentativ rechtfertigen. Der Pädagoge nimmt dabei eine prüfende Rolle ein. Die Frage und das Beispiel stellen seine zentralen Instrumente dar. Das bisherige Wissen des Schülers wird in Frage gestellt und muss einer Überprüfung am Beispiel standhalten können. Nicht haltbares, selbstwidersprüchliches Wissen wird als bloßes Fürwahrhalten entlarvt. Nachdem der Schüler so zahlreiche Begründungs- und Rechtfertigungsversuche durchläuft, kommt er in der eigenen Ratlosigkeit an. Er befindet sich in einer ausweglosen Situation: Alle Verfahren mit denen er üblicherweise sein Wissen zu begründen versuchen würde, sind gescheitert. Und nicht nur das, der Schüler an sich ist gescheitert. Ihm wird in der Erfahrung des Negativen, des Scheiterns, sein unreflektiertes Fürwahrhalten bewusst. Dem Schüler wurde seine Naivität in aller Deutlichkeit vorgeführt. Bildlich gesehen, lässt der erste Schritt den Schüler also eine Stufe hinab steigen, auf einen fruchtbaren Boden, den er als Ausgangspunkt für seinen nächsten Schritt nehmen kann. Dem Schüler ist seine eigene Unwissenheit bewusst geworden.

Den zweiten Schritt auf eine höhere Stufe, soll der Schüler nun möglichst alleine nehmen. Auf Grundlage einer kritischen Distanz zu den eigenen Argumenten, gilt es sich nun selbst die richtigen Fragen zu stellen. Der Schüler entwickelt ein pädagogisches Verhältnis zu sich selbst. Er ist aufgefordert ein konsistentes erfahrungsbezogenes Verfahren zu entwickeln, welches das durch die Frage aufgeworfene Problem einer Erklärungslücke tatsächlich füllt.

Wichtig für das Verständnis der sokratischen Pädagogik ist ihre Einschränkung. Die sokratische Pädagogik ist kein Ersatz für eine empirische Wissenschaft. Sokrates ging es bei seinen Gesprächen um eine philosophische Aushandlung von Begriffen und ihren Definitionen. Ziel eines sokratischen Dialogs, der sokratischen Pädagogik überhaupt, war die Verhandlung von gesellschaftlichen Werten und Tugenden. Es ging um Themen der Ethik, Gerechtigkeit, Wahrheit oder Ästhetik und um die Anwendung dieser Themenfelder auf menschliche Praxis.

Die entblößende Frage
Die sokratische Pädagogik trägt eine gesellschaftliche Forderung in sich: Wissen ist argumentativ zu rechtfertigen. Es ist eine Forderung gegen die unreflektierte Dummheit jeder Gesellschaft, die sich weigert eigene Werte kritisch zu überprüfen und notfalls fallen zu lassen. Die vormals absolute Gültigkeit von traditionellen Definitionen und Wertvorstellungen wurde von Sokrates konsequent aufgebrochen. Die sokratische Methode forderte mittels der Frage Rechtfertigung von der Gesellschaft und entblößte somit gesellschaftliche Dogmen.

Sokratische Pädagogik als Mittel zum Zweck
Nach dem langen Mittelalter findet sich eine neue Ausformung sokratischer Pädagogik im 18ten Jahrhundert wieder auf. Die sogenannte Erotematik, fand ihre Anwendung bei theologischen Pädagogen. Diese verbanden die sokratische Pädagogik mit der theoretischen und praktischen Einführung in den christlichen Glauben. Ziel war es, die Fragen an die Schüler so zu stellen, dass man mit ihnen die dem jeweiligen Zweck entsprechenden Antworten erzeugte. Das Verhältnis von Lehrer und Schüler bleibt bei diesem Ansatz also unangetastet: Der unmündige Schüler steht dem mündigen Lehrer gegenüber. Zwar soll der Schüler die Erkenntnis aus sich selbst hervorbringen, doch, das was die wahre Erkenntnis ist, wird vom Lehrer beurteilt. Diese Ausformung sokratischer Pädagogik gipfelt in der absoluten Unfehlbarkeit des Lehrers. Für den Schüler hingegen bieten sich nur zwei Perspektiven: Entweder wird ihm in aller Deutlichkeit sein eigenes Unvermögen aufgezeigt, oder er wird auf die vorgegebene Meinung konditioniert indem er nur Zuspruch bei Übereinstimmung erlangt. Die sokratische Pädagogik wird hier zu einem Instrument der Indoktrinierung von Schülern.

Das Neosokratische Gespräch und die tatsächliche Auflösung des Paradox
Einen ganz anderen Ansatz bietet der Philosoph Leonard Nelson (1882-1927). Er erkannte, dass selbst in der original sokratischen Pädagogik ein asymmetrisches Verhältnis zwischen Pädagogen und Schüler bestehen blieb. Sokrates, der die Rolle des Pädagogen verkörpert, bleibt in einem Sinne doch ein Lehrer. Seine Fragen bleiben nicht intentionsfrei, sie enthalten immer schon einen inhaltlichen Aspekt. Sie gliedern sich in Entscheidungsfragen (Ja/Nein) und Ergänzungsfragen auf. Nur bei den Ergänzungsfragen ist der Befragte aufgefordert, seine Gedanken selbst zu formulieren. Nelson lehnt die sokratische Praxis des inhaltlichen Einmischens des Pädagogen ab. Sie stehe im Widerspruch zur Mäeutik (Hebammenkunst), deren Ziel das autonome Denken und Urteilen des Schülers ist. Im Gegensatz zur Mäeutik tendiere die sokratische Methode immer noch in die Einsicht des Schülers in das scheinbar bessere Argument des Pädagogen. Ziel der Mäeutik sollte aber ausschließlich das Erlernen der eigenständigen Reflektion sein. Im sokratischen Dialog bleibt der Schüler aber oft auch nach der eigenen Ratlosigkeit, bei der eigentlich selbstständigen Reflektion, inhaltlich von Sokrates geleitet.

Nelsons Konzept sieht daher die konsequente Verwandlung des Lehrers zum Pädagogen vor: Der Pädagoge ist ausschließlich Moderator. Im neosokratischen Gespräch sollen sich die Teilnehmer nun wirklich als gleichberechtigte Akteure gegenüberstehen. Im Fokus des neosokratischen Gesprächs stehen dann besonders Bereiche der Ethik. Diese werden in einer ersten Phase anhand praktischer Erfahrungen, also am Beispiel, diskutiert. In einer zweiten soll dann von der Analyse dieser praktischen Erfahrung ausgehend, auf Normen ethischen Handelns abstrahiert werden. Wichtig ist dabei, dass es sich bei dem neosokratischen Gespräch um einen Dialog, nicht um eine Diskussion handeln soll. Die Gesprächsteilnehmer sollen möglichst eine kritische Distanz zu ihren eigenen Argumenten entwickeln. Es soll nicht darum gehen, Recht zu behalten, sondern darum, die einzelnen Argumente objektiv zu betrachten und sich nicht mit ihnen zu identifizieren. Im Idealfall soll so gemeinsam ein Konsens erarbeitet werden. Aufgabe des Moderators ist es auf die Bewahrung einer zielorientierten Gesprächsatmosphäre zu achten. Argumente sollen von allen für alle verständlich formuliert werden.

Sokratische Pädagogik ins Klassenzimmer holen?
Sokrates vom Marktplatz ins Klassenzimmer holen? Unseren Lehrer durch Sokrates zu ersetzten scheint keinen wirklichen Fortschritt zu bringen, denn auch er untergräbt (einem Lehrer ähnlich) den Prozess der selbstständigen Erkenntnis des Schülers. Klarer gesprochen: Sokrates legt uns die Antwort der gestellten Frage oft schon selber in den Mund. Diese Ausprägung zeigt sich umso deutlicher, wenn wir nach dem Motiv für Sokrates’ Pädagogik fragen. Sokrates Ziel scheint nämlich immer auch die Einsicht seiner Gesprächspartner, in die für ihn einzig würdige Form menschlicher Lebensführung zu sein. Und solch eine Pädagogik, die, die Einsicht statt der Erkenntnis zur pädagogischen Praxis werden lässt, steht jedwedem Auftrag einer freien Pädagogik entgegen.

Das gleiche zeigt die Erotematik. Sie zeigt viel deutlicher als Sokrates selbst, zu was eine pädagogische Methode werden kann, wenn sie als Mittel zum Zweck verwendet wird. Zwar erkannten die erotematischen Pädagogen richtig, dass die wörtliche Widergabe von Wissen für den Schüler nicht zum Verständnis der Sache führen kann. Dieses Verständnis wird nur erreicht, wenn der Schüler Rechenschaft über seine Denk und Urteilsprozesse abgeben kann. Doch nutzte sie diese Erkenntnis, um Pädagogik zu einem konditionierenden Instrument zu machen. Einem Instrument, welches zum Ziel hatte, Schüler zu überzeugten Vertretern des Unterrichtsstoffes zu machen. Die erotematischen Pädagogen bedienten sich der Frage, um den Unterricht frei und ergebnisoffen darzustellen. Schülern sollte es so vorkommen, selbständig und unbeeinflusst Antworten gefunden zu haben. In Wirklichkeit beantworteten sie aber die intendierten Fragen des Lehrers, die den Zweck hatten den Schüler schnurstracks zu einer vorgefassten Meinung zu leiten. Das ehrliche Erkenntnisinteresse des Schülers wurde so einem Netz von Fangfragen ausgeliefert. Lehrer nutzten diese Methode, um ihren Schülern den Lerninhalt als einzig mögliche logische Schlussfolgerung, als absolute Wahrheit zu offenbaren. Die Erotematik zeigt uns, wie eine Pädagogik, die eigentlich die Erkenntnis zum Ziel haben sollte, zu einem Instrument der Täuschung, zu einer Methode wird, Menschen hinters Licht zu führen.

Was bietet uns nun das neosokratische Gespräch? Es scheint einen guten Rahmen für die Verhandlung und Bewältigung von praktischen Erfahrungen oder ethischen, politischen, wie philosophischen Themen darzustellen. Doch einen Ansatz, den wir universal auf alle Bereiche des Klassenzimmers ausdehnen können, bietet es nicht. Dafür sind seine Anwendungsfelder zu begrenzt. Das neosokratische Gespräch ist lediglich dort anzuwenden, wo die Voraussetzungen eines Problems, bzw. einer Frage, durch gemeinsames Nachdenken zu klären sind.

Wenn Nichts bleibt, bleibt noch die Forderung
Wir konnten zwar im Laufe unseres Artikels keine Lösung auf die Frage finden wie eine ideale Bildungsform aussehen sollte, es lässt sich aber dennoch Gewinn aus der sokratischen Methode ziehen. Sie zeigt uns Vorraussetzungen einer libertären Pädagogik auf, die zu Forderungen werden können. Forderungen denen unser ideales Bildungssystem genügen sollte. Wie können solche Forderungen konkret aussehen?

Das Gespräch als pädagogisches Format zeigt uns, Pädagogik sollte ein möglichst hierarchiefreies Verhältnis zwischen Pädagogen und Schülern zum Ziel haben. Ein solches Verhältnis stellt erst die notwendige Neutralität für eine objektive Verhandlung um wirkliches Wissen her. Es zeigt uns weiter, Pädagogen sollten die erste Regel des Gesprächs nicht missachten: Die Gesprächsteilnehmer sind gegenseitig zur Rechtfertigung ihres Wissens verpflichtet. Eine erkenntnisorientierte Pädagogik sollte daher transparent sein. Dies wird nur erreicht, wenn auch der Pädagoge gegenüber seinen Schülern Rechenschaft abliefert: Es darf kein letztes Wort, keine Unfehlbarkeit des Pädagogen geben.

Wie und ob solche Forderungen umsetzbar sind; welche andere Forderungen aufzustellen sind; ob Forderungen zu revidieren sind, werden wir in den folgenden Artikeln, anhand unterschiedlichster pädagogischer Ansätze diskutieren.

Dieser Artikel ist in der siebten Ausgabe (Februar/März 2012) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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