Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
Für die paar Kröten?!

50€ mehr beim Minijob – na und?

Es ist beschlossene Sache. Für MinijobberInnen wird es voraussichtlich ab 1. Juli 2012 eine höhere Verdienstgrenze gelten. 450 statt 400 Euro sind es dann, die – ohne Abgabe von Sozialbeiträgen – verdient werden dürfen. Sogenannte MidijobberInnen, die reduzierte Beiträge einzahlen, dürfen ebenfalls 50 Euro mehr verdienen. Ihre Grenze steigt somit auf 850 Euro an. Doch heißt mehr Geld in diesem Fall auch tatsächlich mehr Lebensqualität?

Die Anhebung des möglichen Hinzuverdienstes ist nämlich nicht die einzige Gesetzesänderung, die die schwarz-gelbe Koalition im Niedriglohnsektor auf den Weg gebracht hat. Mini- und MidijobberInnen werden nun auch bald Teil des Rentensystems. Für 4,6 Prozent (in Privathaushalten 14,6) Prozent des Lohns, ist es ArbeitnehmerInnen dann möglich, vollwertige Rentenversicherungsbeiträge zu leisten. Ein Schritt, den sich einige jedoch vielleicht zwei mal überlegen werden, da Minijobbende oft jeden monatlichen Euro benötigen. Die Möglichkeit des Verzichts auf die Beitragszahlung besteht nach schriftlicher Erklärung gegenüber der ArbetgeberInnen.

Was auf der einen Seite als politischer Erfolg verkauft wird, lässt sich in der langfristigen Analyse eher als Trauerspiel bezeichnen. Die geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse, als Erbe der Ära Schröder und der Hartz-Gesetzgebung, boomen seit ihrer Schaffung nahezu unaufhaltsam. Immer mehr Leute wollen oder müssen einen Minijob annehmen. Darunter fallen neben „Arbeitslosen“ immer häufiger SchülerInnen, StudentInnen, Azubis, RentnerInnen, aber auch regulär Beschäftigte, denen ein Job nicht mehr zum Leben reicht. Die Politik handelt seit dem weniger mit Ursachen-, sondern eher mit Symptombekämpfung. ArbeitgeberInnen wird es immer schmackhafter gemacht, jene Beschäftigungsverhältnisse im eigenen Betrieb zu schaffen, anstatt den Ausbau regulärer Arbeitsverhältnisse zu fördern…

So sehr man also im ersten Moment die Minijobreform mit einem lachenden Auge betrachten mag, weint das andere daraufhin umso mehr. Vor allem uns Betroffenen ist klar, dass mit diesem Schritt unsere Perspektivlosigkeit ein Stückchen tiefer verankert wurde. Niedriglöhne werden nach und nach zum Standard. Eine ganze Bevölkerung verarmt – jedeR ist gefährdet.

Wie weiter? Auf die Politik können wir uns nicht verlassen. Unser Ziel kann es nicht sein, Teil von ominösen Treffen in Hinterzimmern oder parlamentarischen Entscheidungsprozessen zu werden, sind doch alle Parteien Schuld an der herrschenden Misere. Nein, wenn wählen etwas verändern würde, wäre es nicht so leicht oder gar verboten. Veränderung ist eine Sache der Zeit und der Geduld, vor allem jene auf großer Ebene. Doch setzt Geduld eines voraus: dass wir aktiv werden und bleiben, nicht blindlings auf ein Wunder hoffen. Wir müssen dort anfangen, wo schon heute unser Wirkungsbereich liegt. Was halten beispielsweise eure KollegInnen oder minijobbenden FreundInnen von der Reform? Sehen sie sie ähnlich problematisch? Was könnt ihr dagegen tun? Gibt es andere Sachen, die euch direkt auf eurem Arbeitsplatz stören und die ihr vielleicht durch Absprache und koordiniertes Vorgehen realistisch verändern könnt?

Es lohnt sich, dies zumindest zu probieren, denn in Zeiten, in denen es immer dusterer wird, sind wir diejenigen, die Selbstverantwortlichen, die für unser eigenes und gemeinschaftliches und soziales Glück kämpfen müssen. So sollte jedeR bei sich selbst anfangen und handeln!

Mehr Infos zu Minijobs und Vernetzungsmöglichkeiten: minijob.cc

Dieser Artikel ist in der achten Ausgabe (April/Mai 2012) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

Creative Commons Lizenzvertrag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Über uns
Das Schwarze Kleeblatt ist ein anarchosyndikalistisches Magazin, das Themen und Meinungen von einem sozialrevolutionären Standpunkt aus betrachtet. Es erscheint alle zwei Monate und ist kostenlos als Onlineausgabe und im berliner Raum als Printversion verfügbar. Wir möchten hier nicht nur unsere jeweils aktuelle Ausgabe bzw. deren Artikel online veröffentlichen, sondern auch zur Diskussion stellen. Wenn du Interesse hast, als AutorIn für's Schwarze Kleeblatt aktiv zu werden, Anregungen bzw. Kritik hast oder unsere Zeitung zum Auslegen zugeschickt bekommen willst, dann schreib uns.