Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
Leben oder Arbeit?

2. Mai: Kampf- und Feiertag der Arbeitslosen

2. Mai. Der Tag der Arbeit ist vorbei und immer noch alles wie’s vorher war. Wie jedes Jahr schimpfen die Zeitungen auf die „Chaoten“. Hier und da noch eine gesprungene Schaufensterscheibe, doch dank der BSR blitzen die Straßen schon wieder – und ein heftiger Kater scheint den Weg zur Arbeit oder zur Schule unnütz zu verlängern. Ein Tag lang Revolution gespielt und schon wieder Alltag.

„Kein Schweiß für Geld!“ ist die Parole, derer, die am 2. Mai nochmals auf die Straße gehen. Auf ihren Schildern sieht man ihren Freund, den Roboter, der alles für sie erledigt. Und so ziehen sie durch die Straßen und skandieren „Wir haben Zeit“. Ist denen denn langweilig!? Ich hätte auch gern Zeit um einfach mal so auf die Straße zu gehen, einen Nachmittag im Schwimmbad oder im Park zu verbringen, ein Eis zu genießen oder meinE FreundIn zu verwöhnen, aber ich muss ja malochen, Geld verdienen. Und dann kommen die daher und erzählen mir auch noch, dass Arbeit unglücklich macht. Vielen Dank, aber das merk ich schon selbst. Sie haben frei, arbeiten nicht und sind da offensichtlich auch noch stolz drauf. Was würde denn passieren, wenn das alle machen würden? Natürlich würde die Welt untergehen, so siehts nämlich aus!

Doch Wut und Weltuntergang mal beiseite gelassen. Wann immer wir Hausaufgaben abschreiben, weil wir Besseres zu tun haben; wann immer wir den Unterricht schwänzen, weil das Wetter zu schön ist; wann immer wir die Vernunft zurück lassen, weil uns die Lust überkommt, geben wir ein ganzes Stück von uns Preis. Nämlich den Teil von uns, der unzufrieden ist mit dem Zwang zur Arbeit, unabhängig davon wie diese aussieht. Und genau deswegen kann sich die 2004 von einer Künstlergruppe gestartete Demo zum „Kampfttag der Arbeitslosen“ rühmen, den ureigensten Bedürfnissen der Menscheit ein Forum zu bieten. Jahr für Jahr wird gefeiert, was sich sonst in der Öffentlichkeit nur vorsichtig formulieren lässt: Die Lust an der Freizeit, die Vorzüge des Nichtstuns und die klare Absage an Konkurrenzdenken und Leistungsgesellschaft. Die Idee ist simpel. Arbeitslose jeglicher Couleur, in den Medien und in Debatten stigmatisiert oder scheinheillig bemitleidet, nutzen die Demo um auszuleben, was ihnen niemals zugestanden wird. Die bewusste Freude darüber, dass man seine Lebenszeit nicht in miefigen Betrieben verschwenden muss. Anders als die Bezeichnung „Kampftag“ vermuten lässt, zeichnet sie sich gerade dadurch aus, dass die Beteiligten die Demo wie einen gepflegten Sonntagsspaziergang begehen. Für viele Außenstehende ist genau das der Grund, sich aufzuregen. Denn sieht man nicht genauer hin, entgeht es einem schnell, dass bei aller Unbeschwertheit auch ernste Themen und konkrete Lösungsansätze vermittelt werden. Neben der relativ gängigen Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen, geben auch Schilder wie „Mein Freund der Roboter“ zu denken. Warum muss sich technischer Fortschritt, dessen Folge verminderte Nachfrage nach menschlicher Arbeitskraft ist, immer negativ auf die potenziellen ArbeiterInnen auswirken? Ob man nun versucht, seine Situation als arbeitsloser Mensch zu verändern, oder ob man sich damit zufrieden gibt, was man hat. Der 2. Mai ist immer wieder ein guter Anlass, KarrieristInnen einen Spiegel vorzuhalten und die Frage aufzuwerfen: In was für einer Gesellschaft leben wir, dass wir offene Hetze gegen Menschen zulassen, die nicht haben, was wir alle eigentlich nicht haben wollen: Lohnarbeit??

Dieser Artikel ist in der achten Ausgabe (April/Mai 2012) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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