Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
Theorien der neuen Schule (Teil 3)

Zwischen Selbstbildung und Bildungsstreik

Zwei Pole und möglicherweise eine machtvolle Symbiose. Wie Bildungsstreikbewegung und selbstverwaltetes Lernen sich ergänzen könnten.

Im dritten Teil unserer Bildungsreihe, wagen wir den Schritt zurück in die Gegenwart. Von der Theorie sokratischer Pädagogik schreiten wir in die Praxis, die Bildungspolitik von heute. Um uns nicht theoretischen Utopismus vorwerfen lassen zu können, stellen wir in dieser Ausgabe einen Konzeptvorschlag vor, der sich ganz praktisch an die gegenwärtige Bildungsstreikbewegung richtet. Einer Bewegung in die gerade in den letzten Jahren viel Mühe und Motivation geflossen ist, hingegen aber kaum praktische Erfolge gefeiert werden konnten. Doch die Bildungsstreikbewegung hat Perspektive.

Unter all den Feldern jugendlichen Engagements, gibt es nämlich kaum einen Bereich in denen Jugendliche ein ähnlich großes Bedürfnis nach Veränderung entwickeln als in ihrem täglichen Umfeld, der Schule. Bildungspolitik, ist spätestens seit dem vergangenen Bildungsstreik jedem Schüler oder Studenten ein Begriff. Wenn auch kein positiv besetzter. Denn Lösungen scheinen in unereichbarer Ferne zu liegen und selbst die vergangenen Bildungsstreiks ließen praktische Ergebnisse vermissen, obwohl sie wohl das bekannteste Forum für aktive SchülerInnen waren.

Den Schul- oder Universitätsalltag zu überleben, diese Möglichkeit bieten Selbstlerngruppen. In diesen können sich SchülerInnen zusammensetzen und ohne Stress, Angst und auf gleicher Augenhöhe lernen. In ihnen wird gelernt, was die SchülerInnen wollen und das ohne Autorität. Doch solche Gruppen bestehen momentan nur mit dem Bildungssystem und nicht dagegen¹. Sie stellen derzeit kein Instrument eines praktischen Kampfes² dar. Fähig alternative Pädagogik für einzelne Personen umzusetzen, sind sie unfähig weitreichende Konflikte auszutragen.

Mit Selbstlerngruppen und Bildungsstreiks haben wir zwei positive bildungspolitische Ansätze die bisher leider nur mäßigen praktischen Erfolg verzeichnen konnten. Doch ermöglicht vielleicht gerade die Synthese dieser beiden Ansätze eine Bewegung, die SchülerInnen langfristig aktivieren kann, alternativer Pädagogik Bahnen bricht und gleichzeitig Entwicklungen auf höherer Ebene im Auge behält?

Wir streiken, rein in die Klassenzimmer!
Sparen wir uns an dieser Stelle die weitere Kritik an Bildungsstreiks und Selbstlerngruppen. Die Suche nach neuen Konzepten soll uns direkt zu gestalterischen Gedanken führen. Das Zusammenspiel von Streikbewegung und Selbstlerngruppen könnte also wie folgt aussehen: Die Arbeit der SchülerInnen würde im eigenen Klassenzimmer stattfinden. Ihr vorrangigstes Ziel muss die Vorbereitung der Klasse darauf sein, sich am Streiktag des Unterrichtes zu entziehen um dann in selbstorganisierten Gruppen die eigene Bildung zu besorgen. Maßstab für das Handeln der Lerngruppen wären die von den SchülerInnen selbstaufgestellten Forderungen, welche sie an den Unterricht haben³. Der Unterricht müsste zunächst komplett auf LehrerInnen verzichten können, was eine gute Vorbereitung seitens der SchülerInnen erfordert. Es ist unbedingt notwendig, dass sich die SchülerInnen bereits im Vorfeld darüber verständigen was in den selbstgestalteten Klassen gelernt werden soll, wie diese sich zusammensetzen und wo der Unterricht stattfindet damit das Projekt nicht in Ratlosigkeit untergeht. Welche zeitliche Dimension das ganze haben soll, hängt im wesentlichen davon ab, wie gut sich die SchülerInnen organisieren. Je besser der eigene Unterricht gestaltet wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit immer mehr MitschülerInnen einzubinden. Was die innere Stabilität angeht, kommt es also auf die sorgfältige Vorbereitung an.
Dass die Hauptarbeit vor Ort passiert heißt aber nicht, dass die Aktionen auch nur an einer Schule passieren sollen. Je mehr sich die SchülerInnen über die Grenzen ihrer eigenen Schule hinweg vernetzen, desto mehr Aufmerksamkeit werden sie gewinnen können und desto effektiver können Wissen und Erfahrungen weitergegeben werden.

Vom Streik lernen, heißt im Streik lernen
Auf den ersten Blick scheint nun die Kritik berechtigt, dass uns selbstorganisierter Unterricht auf dem Weg zu politischen Reformen keinen Schritt voranbringt. Dies ist aber auch nicht erstes Ziel der Idee. Es geht vielmehr darum Fortschritt und Alternativen erlebbar zu machen. Glückt das Projekt, sendet es gleich mehrere positive Signale. Die SchülerInnen vor Ort bekommen zunächst die Möglichkeit ihre Beziehungen untereinander neu zu bestimmen. Die Zusammenarbeit für gemeinsame Ziele fördert den Zusammenhalt, was sich wiederum vorteilhaft auf die selbstverwalteten Lerngruppen auswirkt. Auch die Öffentlichkeit würde andere Schlüsse aus der neuen Streikbewegung ziehen können. Die offensichtlich konstruktive Richtung der Lerngruppen, erschwert es GegnerInnen die Proteste schlecht zu reden. Den SchülerInnen zu unterstellen, sie würden die Proteste nur zum Schwänzen nutzen, wäre angesichts der Tatsache dass sie in ihren Klassen sitzen und sich selber unterrichten, absurd. Erst auf längere Sicht lässt sich dann das tatsächliche politische Potenzial dieser Form von Bildungsprotest auch erkennen. Haben die SchülerInnen sich erstmal ausprobiert und wissen wie ihre Ziele aussehen, sind auch die Augen geöffnet für alles was diesen Zielen widerspricht. Und in Folge dieses Bewusstseinsprozesses lassen sich die Brücken in andere Formen des Kampfes schlagen.

Raus aus der Abgeschiedenheit
Jugendliche sind in ihrer Rolle als SchülerInnen kaum in der Lage eine politische Forderung zu stellen.4 Deswegen ist es wichtig sich so viele verbündete Menschen mit ins Boot zu holen wie es nur möglich ist. LehrerInnen zum Beispiel wurden so gut wie gar nicht in die Bildungsstreikbewegung eingebunden, doch auch hier könnten die Selbstlerngruppen Abhilfe schaffen. Schließlich sind die meisten LehrerInnen auch mit anderen Erwartungen in diesen Beruf gekommen. Solange sie das Konzept der SchülerInnen respektieren, spricht nichts dagegen, sie teilhaben zu lassen. Tatsächlich könnte der freudschaftliche Schulterschluss mit den SchülerInnen bei vielen eine ganz neue Erfahrung darstellen, und zwar eine, die ihrem Berufsbild näher kommt als der Alltag. Und im Alltag könnte diese Erfahrung dann auch dabei helfen, den Unterricht für alle angenehmer zu gestalten. Sind sich Lehrende und Lernende erst gleichberechtigt gegenübergetreten, kann das zwischenmenschlich viel bewegen. Doch mit den LehrerInnen fängt es erst an. Jede Schule ist ein wirtschaftlicher Organismus, der entdeckt werden will. Da sind Angestellte in der Cafeteria, HausmeisterInnen und andere Putzkräfte, ReferndarInnen mit Kontakten zur Uni und auch die SchülerInnen selber, zum Beispiel als MinijobberInnen. Überall steckt das Potenzial gemeinsame Forderungen zu finden, sich kennen zu lernen, gemeinsam zu Kämpfen. Der Verlauf der Dinge ist letztlich nicht voraus zu sehen und mit neuen Konzepten werden auch viele Probleme auf die SchülerInnen zukommen. Das muss der Vollständigkeit halber erwähnt werden. Alle Konzepte mit all ihren möglichen Folgen bleiben aber fragwürdig solange sie nicht ausprobiert werden. Und deswegen sollte man nie Angst haben den ersten Schritt zu gehen. Praxis bleibt die beste Form der Selbstbildung.

 

¹ Es muss hier zwischen verschiedenen Selbstlerngruppen unterschieden werden. So bieten einige Schulen zwar von SchülerInnen organisierte Nachhilfe an, diese haben jedoch die Funktion Fehler des Schulsystems auszugleichen und somit stabilisierend zu wirken. Wir sprechen von Gruppen, die sich bewusst gegen die Schule abgrenzen.

² Solche Verknüpfungen wurden durchaus schon versucht. Dies jedoch meistens im Zuge von Studierendenprotesten. Für SchülerInnen ist das Gebiet noch relativ unerforscht.

³ Sowohl gängige Forderungen z.B nach kleineren Klassen, als auch Ideen aus der libertären Pädagogik, wie wir sie in Teil I formulierten, könnten hier umgesetzt werden. Als grundlegend wurden genannt: Selbstbestimmte Unterrichtsinhalte, Gleichheit zwischen Lehrenden und Lernenden, freie Zeiteinteilung, konkurrenzloses Lernen. (Siehe Schwarzes Kleeblatt Nr.5)

4 Grund dafür ist die Tatsache, dass ein SchülerInnenstreik das Funktionieren der Gesellschaft nicht beeinträchtigt. Der Soziologe E. O. Wright nennt dies strukturelle Macht, um zu erklären warum manche ArbeiterInnen erfolgreicher Streiken können als andere. Neben der strukturellen Macht nennt er noch die Organisationsmacht als Faktor.

Dieser Artikel ist in der achten Ausgabe (April/Mai 2012) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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