Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
„Und was machst du nach der Schule? “

Über den beschwerlichen Weg auf der Suche nach dem Sinn des Lebens

Eine Frage, die wohl jedeR schon oft genug gehört hat und doch eine Frage, bei der die meisten Antworten irgendwo zwischen „Kein Plan“ und „Mal sehn…“ liegen. „Was mach ich nach der Ausbildung?“ – Eine Frage, die wir uns oft genug selber stellen müssen und eine Frage, bei der wir leider viel zu schnell aus dem träumerischen „Was will ich machen?“ auf das reale „Was kann ich überhaupt machen?“ prallen. „Was mach ich nach meiner Jugend?“ – Eine Frage, die wir uns selbst zwar eigentlich beantworten wollen, aber die wir uns nicht einmal zu fragen trauen, weil wir wissen, dass eh alles anders kommen wird.

Aber sollten wir deshalb aufhören zu träumen? Nein. Vielmehr sollten wir unsere Träume reifen lassen und uns an sie erinnern, um zu versuchen, uns ihnen zu nähern. Dabei stellen sich wieder verschiedenste Fragen… Machen wir, was wir möchten oder das, was irgendwer von uns erwartet? Stehen wir weiter murrend um 6 Uhr (oder sogar noch früher) auf, weil wir danach was Interessantes machen? Lassen wir uns weiter von jemandem Aufgaben diktieren, weil wir dabei angeblich etwas lernen? Arbeiten wir weiter sechs bis acht Stunden am Tag, weil irgendetwas gemacht werden muss oder weil es uns Spaß macht? Tun wir weiter Dinge, auf die wir keinen Bock haben oder in denen wir keinen Sinn sehen, nur weil es ein paar Groschen dafür gibt? Streben wir noch nach unserem Traum oder versuchen wir, nur noch unsere individuelle Position auf einem ewigen Umweg zu verbessern? Oder haben wir unse Zukunftsvorstellungen längst aufgeben müssen, weil wir uns die notwendige Ausbildung nicht leisten können oder einfach Kohle brauchen? Sollten wir vielleicht anfangen, eher im Moment zu leben als jede Minute unsere Zukunft zu planen?

Trotz allem ist es nicht nur notwendig, die eigenen Vorlieben und Abneigungen zu kennen und zu erkennen, wo „ich“ diese am besten einsetzen kann, sondern leider auch zu wissen, wie und zu welchen Bedingungen ich mich “verkaufe”. Die meisten von uns wissen zwar nach der Schule ziemlich genau, was sie alles nicht machen möchten, aber damit wissen wir auch noch nicht, wo wir uns bewerben. Nach der Schule wissen wir auch, wie die Gesellschaft erwartet, dass wir uns verkaufen, aber das Wissen um faire Arbeitsbedingungen oder den “Wert der Arbeit” fehlt den meisten. Wir haben gelernt, uns zu Markte zu tragen und laufen dann mit der Hoffnung auf ein besseres Leben, dem Fremden (Unternehmen) hinterher, das den größten und buntesten Lolli hat. Dass dieser Zustand nicht wirklich viel mit dem erstrebenswerten Ideal der Selbstbestimmung zu tun hat, ist genau so offensichtlich wie die Ungerechtigkeit des Notensystems. Beides, die Qualifizierung der SchülerInnen für den Arbeitsmarkt, ohne sie zur Wahrnehmung ihrer Rechte zu befähigen und die einfache Inwertsetzung von Leistungen durch Noten sowie das “Antrainieren” von Gehorsam gegenüber feststehenden Hierarchien (LeherInnen als Autoritätspersonen), sind Anzeichen für die Rolle der Schule im Kapitalismus. Und wir wissen, dass die gesellschaftlichen Zwänge mit Ende der Jugend immer mehr zunehmen.

Die Frage, ob wir uns leisten können, bei unseren Eltern auszuziehen, steht dabei eben so repräsentativ für Zwang, wie die Fragen, ob wir uns fürs Studium verschulden, uns in einer Ausbildung mit 200€-Monatsgehalt abfinden oder ob wir uns erstmal ein, zwei Jahre Pause gönnen (können), um uns klar zu werden, was wir denn überhaupt wollen. Wie so oft haben wir eine Vielzahl von Möglichkeiten, die (fast) alle nach faulen Kompromissen stinken und müssen uns doch irgendwann für eine von ihnen entscheiden. Schließlich sitzen uns Eltern, Verwandte, FreundInnen und Ämter im Nacken, die uns am liebsten schon gestern auf einem der vorgegebenen Wege sehen wollen.

Denn nach der Schule kommt scheinbar selbstverständlich die Ausbildung oder ein Studium und danach arbeitet man bis zur Rente, die wir vielleicht nie zu sehen bekommen. Und irgendwann, da stirbt man dann. Das war so und das ist und bleibt angeblich auch so, zumindest laut unserer Großeltern. Dass dieser bürgerliche Standardweg aber längst überholt ist, zeigt z.B. die zunehmende Zahl von LeiharbeiterInnen und Angestellten mit befristeten Arbeitsverträgen. Mag es für uns Jugendliche teilweise sogar attraktiv sein, einer befristeten Arbeit z.B. über die Sommerferien nachzugehen, wird dieses unternehmerische Mittel für viele Menschen zum dauerhaften Provisorium, dass ihren Traumjob, der ja eigentlich schon in einem halben Jahr hätte verfügbar sein sollen, Monat für Monat in immer weitere Ferne rücken lässt. Nichts Halbes und nichts Ganzes. Nicht das, was man tun will, aber scheinbar das einzige, wozu man zu gebrauchen ist. Ähnlich wie bei Studiengängen, die sich nicht als das herausstellen, was man von ihnen erwartet hat, ist die Kündigung bzw. der Abbruch der einzige, wenn auch gesellschaftlich nur schlecht akzeptierte, Ausweg aus dieser unbefriedigenden und zermürbenden Beziehung, die einen ansonsten womöglich das ganze Leben lang verfolgt.

Einen wirksamen Schutz vor Leiharbeit und befristeter Arbeit gibt es selbst für AkademikerInnen nicht mehr, weshalb die Frage, ob wir nach unserer Ausbildung/Studium überhaupt einen entsprechenden Arbeitsplatz bekommen für viele von uns immer wichtiger wird. Und damit stellt sich wieder einmal die Frage: Was will ich machen? Bewerbe ich mich auf einen Studienplatz, der mir Spaß macht, mit dem Risiko, danach arbeitslos zu sein, oder auf einen der „zukunftssicher“ ist?
Aber jetzt ist auch mal Schluss mit den ganzen Spekulationen über unsere Zukunft. Irgendwann wird sich jede/r entschieden haben – und was kommt dann?
Die einen werden in überfüllten Hörsälen schmoren, für andere platzt in der unbezahlten schulischen Ausbildung die schöne Illusion des „Nie wieder Schule“ und einige werden sich in ihren Ausbildungsbetrieben, ihrer BuFDi-Stelle oder sogar bei der Bundeswehr rumschubsen lassen (müssen). Alle werden feststellen, dass der Tag weiter nur 24 Stunden hat und dass für die gründliche Pflege von Freundschaften und anderen sozialen Kontakten usw. viel zu wenig Zeit bleibt. Jeder wird sich hier und da mit Problemen konfrontiert sehen und versuchen, ihnen entweder auszuweichen oder sie zu lösen. Jede/r wird auf die eine oder andere Art und Weise das Glück suchen und ab und zu wehmütig auf die eigenen Träume blicken. Das Leben wird weiter gehen und irgendwann werden wir uns fragen: Was habe ich erreicht? Wem nutzt meine Arbeit? Was hätte ich früher zu dem gesagt, was ich jetzt mache?

Dieser Artikel ist in der neunten Ausgabe (Juni/Juli/August 2012) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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