Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
Arbeit, Zensuren, Unterricht

Erfahrungsbericht: Ausbildung zur Bürokauffrau

„Was mach’ ich nach der Schule?“, war für mich eine Frage, die ich erst einmal mit einer Ausbil­dung beantwortet habe. Ich entschied mich für eine Ausbildung als Bürokauffrau. Mittlerweile habe ich zwar für mich festgestellt, dass ich in meinem erlernten Beruf nicht weiterarbeiten möchte, trotzdem würde ich sagen, dass ich viele Erfahrungen gemacht habe, die ich so sonst nicht gemacht hätte.

Meine Ausbildung war im öffentlichen Dienst. Dort hat man das Glück, etwas öfter krank sein zu können und nicht gleich unter Druck zu geraten. Man muss im Krankheitsfall auch nicht gleich am ersten Tag zum Arzt gehen, sondern kann sich die ersten drei Tage selbst krankschreiben. Das ist zum Krankfeiern ganz gut, allerdings sollte dabei beachtet werden, das nicht einen Tag vor oder nach dem Urlaub zu tun. Das hat die Folgen, das man dazu verdonnert wird, immer eine Krankschreibung vorzu­legen. Ausge­nommen sind natürlich auch die Tage, an denen man Klausuren schreiben muss.

Acht Stunden Arbeit am Tag sind schon ziemlich viel. Ich musste zusätzlich auch meine Pause her­ausarbeiten, was dann neun Stunden und zwei Stunden Fahrtzeit ergab. Meistens arbeitete ich aber nicht die volle Zeit an Arbeit ab – vollkommen verständlich bei dem geringen Armuts-Azubilohn. Teilweise ließen mich meine AusbilderInnen früher gehen. Manchmal kam ich später als meine KollegInnen und durfte mit ihnen gehen, obwohl meine Arbeitszeit noch nicht um war, da ich Azubi war. Gut zu wissen übrigens: Azubis dürfen nicht allein im Betrieb sein, es muss immer ein/e AusbilderIn anwesend sein.
Neben der Arbeit hat man Berufsschule. Bei mir war das immer donnerstags und freitags. Ich hatte zusätzlich Dienstag noch einen halben Tag Berufsschule, was normalerweise nicht der Fall ist. Ich hatte den zusätzlichen Tag, weil ich in einer Projektklasse war und dienstags Sprachunter­richt hatte. Der wurde aufgrund von FachlehrerInnenmangel und der verschiedenen Niveaus auf Dienstag verlegt. An diesem Tag musste ich nach der Schule oft noch zur Arbeit fahren (also einmal mehr die Woche!), konnte mir aber durch die Fahrt­zeiten dazwischen mehr Zeit verschaffen, indem ich einfach noch ein wenig in der Gegend herum­schlenderte. Im Endeffekt war der Sprachunterricht auch in sofern positiv, als dass ich einen Teil meiner Ausbildung im Ausland absolvieren konnte.

Der Unterricht an sich war nicht der Beste. LehrerInnen sind halt LehrerInnen. Es wird in der Berufsschule nicht darauf geachtet, ob der Unterrichtsstoff von allen verstanden wird. Wie man damit klar kommt, ist relativ egal. Mir haben ein paar Nachhilfestunden mehr genutzt, als der Be­rufsschulunterricht. Er hat mir aber auch wieder gezeigt, dass Zensuren nichts über Leistung aussa­gen, sondern abhängig von dem Verhältnis zwischen LehrerIn und SchülerIn sind und sie als Machtinstrument eingesetzt werden.
Allen meinen MitschülerInnen ging es gleich: keiner konnte die Berufsschule leiden. Schon am ers­ten Berufsschultag wollten alle einfach nur nach Hause. Das setzte sich im Laufe der Ausbildungszeit fort. Deswegen wurde manchmal im Kollektiv geschwänzt, leider waren immer ein paar Leute da­bei, die nicht mitmachen wollten. Aber eigentlich gab es immer Leute, die irgendwann geschwänzt haben. Für den Fall, dass man für die Fehlstunden keine Entschuldigung hatte, wurde die Anwesenheitsliste im Klassenbuch selbständig korrigiert.

Dieser Artikel ist in der neunten Ausgabe (Juni/Juli/August 2012) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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