Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
Seminarfahrten, Verantwortung, wenig Geld

Erfahrungsbericht: FÖJ bei den Falken Neukölln

Als ich mein Abizeugnis in den Händen hielt, war ich zunächst glücklich: Nie wieder Schule, nie wieder Latein, keine nervenden Hausaufgaben, keine LehrerInnen, die SchülerInnen in den Wahnsinn treiben! Endlich frei!

Doch zu der Euphorie schlich sich sehr schnell auch Ratlosigkeit ein. Was jetzt? Studieren, also wieder pauken, Prüfungen und Stress? Oder vielleicht eine Ausbildung, d.h. auch die Schulbank drücken? Um ehrlich zu sein hatte ich keine Lust, schon wieder in den alltäglichen Leistungsdruck zu verfallen. Lieber wollte ich arbeiten, ein bisschen Geld verdienen und mir in Ruhe überlegen, welcher Beruf vielleicht Spaß machen und mir liegen könnte.

Durch Erzählungen von einem Freund hatte ich bereits vom Freiwilligen Ökologischen Jahr (FÖJ) gehört und mir schien es die Gelegenheit, meine oben genannten Wünsche zu verwirklichen. Nach erfolgreicher Bewerbung um einen Platz im FÖJ entschied ich, dass eine Bildungspädagogische Einrichtung das Richtige für mich sein könnte und wurde so an die Falken Neukölln vermittelt. Ein FÖJ dauert 6 – 12 Monate, gelegentlich kann auch verlängert werden. Man erhält ein geringes Entgeld, was von Bundesland zu Bundesland variiert. In jedem Fall wird ein abgeschlossenes FÖJ bei einer Bewerbung, egal ob für Studium oder Ausbildung, positiv bewertet.

Mit dem Kindergeld zusammen bekomme ich in etwa 550 Euro im Monat. Da ich noch zu Hause lebe stellt sich für mich noch kein Existenzproblem, aber für viele meiner FÖJ-KollegInnen ist es wahnsinnig schwierig, mit diesem Geld eine Wohnung und alles weitere zum Leben Notwendige zu finanzieren. Schließlich möchte jede/r mal feiern gehen können! Bei einer 39-Stunden-Woche ist das allerdings gar nicht so einfach. Wer jetzt denkt, dass es sich hier um ein ganz schön prekäres Arbeitsverhältnis handelt, hat Recht. Die Bezahlung ist hinsichtlich der abzuleistenden Stunden sehr gering. Doch wurde uns von Anfang an gesagt, dass die Bezahlung nicht sehr hoch ist, da es sich um eine freiwillige Arbeit handle und dafür keine weiterern Mittel zur Verfügung stünden.

Abgesehen von der schlechten Bezahlung gefällt mir mein FÖJ jedoch sehr gut. Ich arbeite gerne mit Kindern zusammen und auch meine KollegInnen sind sehr nett und die Arbeitsatmosphäre ist entspannt und freundschaftlich. Im Juli fahre ich in ein Zeltlager in Mecklenburg, in dem ich drei Wochen mit den Falken verbringe. Hinzu kommen die regelmäßigen Seminarfahrten mit meiner FÖJ-Gruppe. Dabei werden alle Kosten für uns übernommen und wir bekommen die Möglichkeit, tolle neue Dinge auszuprobieren. Wir haben bspw. ein Windrad besucht, sind Kajak gefahren und haben eine Biogasanlage besucht. Die Menschen, die ich kennengelernt habe, sind zu meinen FreundInnen geworden und ich möchte auf jeden Fall auch nach meinem FÖJ den Kontakt halten. Trotz dieser positiven Seiten gibt es auch manchmal Dinge, die mich nerven, wie z.B. die Tatsache, dass ich die nächsten Wochenenden immer mit meinem FÖJ beschäftigt sein werde und dass ich mich manchmal ganz alleine um die Kinder kümmern muss.

Ich habe alles in allem sehr gute Erfahrungen während meines FÖJ gemacht, was aber sehr viel damit zu tun hat, dass ich ein solches Glück mit der Stelle hatte. Hat man weniger Glück, können die langen Arbeitszeiten, die sich manchmal auf’s Wochenende erstrecken und die geringe Bezahlung schnell zur Belastung werden. Dennoch bin ich der Meinung, dass ein Freiwilliges Jahr nach dem Abi oder MSA die Möglichkeit zur Orientierung bietet und auch viel Spaß machen kann.

Dieser Artikel ist in der neunten Ausgabe (Juni/Juli/August 2012) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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