Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
Theorien der neuen Schule (Teil 4)

Der Feind in meinem Klassenzimmer?

Unter all den Personen und Dingen, auf die SchülerInnen ihre Wut projizieren können, stehen ihre LehrerInnen wohl an erster Stelle. Verständlicherweise, denn schließlich sind es die Lehrkräfte, die Noten vergeben, Strafen erteilen, Klausuren erstellen und als Person fassbar und somit angreifbar sind. Auch wenn allen klar sein sollte, dass Lehrende ebenfalls unter Druck stehen und auf Weisungen von oben hören müssen, sind sie für SchülerInnen nunmal vor Ort erreichbar und werden somit, im wahrsten Sinne des Wortes, zum personifizierten Bösen.

Im vorherigen Teil unserer Bildungsreihe wurde unter anderem darauf eingegangen, dass SchülerInnen zur Durchsetzung ihrer Interessen Verbündete brauchen. Als mögliche Unterstützergruppe wurden hierbei auch LehrerInnen genannt. Doch ist das wirklich so? In Teil IV der Bildungsreihe stellen wir uns die Frage „Können LeherInnen tatsächlich zu Verbündeten der SchülerInnen werden?“ und betrachten dabei das LehrerIn-SchülerIn-Verhältnis, wie es auf staatlichen Schulen gang und gäbe ist.

Manchmal nah, manchmal fern
Es gibt verschiedene Gründe, LehrerIn zu werden. In diesem Fall interessieren uns jene LehrerInnen, die mit dem Wunsch an die Schule gekommen sind, den SchülerInnen freundschaftlich zur Seite zu stehen. Denn bei ihnen kann man eine höhere Bereitschaft voraussetzen, sich mit den SchülerInnen zu solidarisieren. Gerade zu den netten LehrerInnen hat man in der Regel ein sehr zwiegespaltenes Verhälntnis. Es ist einem ständigen Wechsel von Vertrautheit und Distanz unterworfen. Und das ist kein Zufall. Unabhängig vom persönlichen Wunsch der LehrerInnen sind sie von Berufswegen her gezwungen, den Rahmenplan einzuhalten, also den SchülerInnen Aufgaben zu geben und sie bei Nichterfüllung zu bestrafen. Die persönliche Bande muss jedes mal gebrochen werden, wenn es für die Lehrenden darum geht, ihren Beruf gemäß der Vorschriften auszuführen. Gegenseitige Nähe ist in diesen Fällen von Nachteil. Haben die SchülerInnen das Gefühl eine gleichberechtigte Person gegenüber zu haben, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie widersprechen, oder angedrohte Strafen nicht ernst nehmen. Gerade für die LehrerInnen, die besonders offen und nett mit ihrer Klasse umgehen, ergibt sich ein Dilemma. Sie gehen mit dem Ideal in den Unterricht, dass ihre Freundlichkeit von den SchülerInnen erwidert wird, kommen aber mit dieser Methode nicht voran. Im Gegenteil. Auch wenn sie sich viel Mühe geben, von der Klasse akzeptiert zu werden, werden gerade sie zu Zielscheiben der aufgestauten Wut der gesamten Klasse. SchülerInnen, die etwas an ihrer Schule bewegen wollen, sollten gerade hier aufmerksam werden. Ständige Angriffe zwingen die LehrerInnen schon fast in eine verstärkt dominante Rolle, die sie so vielleicht gar nicht einnehmen wollen.

Wissen ist Macht
Auch was die Laufrichtung von Informationen angeht, besteht ein Unterschied zwischen LehrerInnen und SchülerInnen. Während erstere meistens nur wenig von sich preisgeben, gehen SchülerInnen offener mit persönlichen Informationen um. Dies steigert die Überlegenheit der LehrerInnen um einiges. Denn auch wenn keine böse Absicht dahinter steckt, ist der/die LehrerIn ab einem bestimmten Moment in der Lage, seine SchülerInnen persönlich anzugreifen. Das kann gerade dann problematisch werden, wenn Konflikte vor der Klasse ausgetragen werden. Die vertraulichen Informationen können dann dazu führen, dass die einzelnen SchülerInnen von der Klassengemeinschaft getrennt werden. Auch hier ist es wichtig, dass sich aufmerksame SchülerInnen einmischen. Wenn LehrerInnen anfangen, auf einer persölichen Ebene zu argumentieren, sollte der Zusammenhalt mit dem/der angegriffenen SchülerIn selbstverständlich sein. Es wird deutlich, dass die Mechanismen im LehrerIn-SchülerIn-Verhältnis oft die persönliche Handlungsfähigkeit übersteigen. Wie bereits erwähnt, müssen LehrerInnen ihr Wissen über die SchülerInnen nicht bewusst einsetzen. Alleine aus dem Eifer des Gefechtes und der erwarteten Autorität über die Klasse kann persönliche Nähe zum/zur LehrerIn bedenklich werden.

Nachdenken und Klarheit schaffen
Was können wir also aus den obengenannten Betrachtungen schließen?
Es lässt sich nicht komplett abstreiten, dass LehrerInnen alleine durch ihren Beruf in eine schülerInnenfeindliche Rolle gedrängt werden. Allerdings sollte mit Verallgemeinerungen vorsichtig umgegangen werden. Es gibt sicher auch LehrerInnen, die es zumindest teilweise schaffen ihren SchülerInnen auf gleicher Ebene zu begegnen. Zudem sei aus persönlicher Erfahrung gesagt, dass es gerade außerhalb des Schulbetriebes möglich ist, ein freundschaftliches Verhältnis zu LehrerInnen aufzubauen. Auch für die Zusammenarbeit zur Umsetzung bildungspolitischer Forderungen, ist ein Bündnis zwischen LehrerInnen und SchülerInnen nicht undenkbar. Wichtige Voraussetzung hierfür ist, dass sich die LehrerInnen ihrer Rolle bewusst sind und akzeptieren, dass ihre Interessen und die der SchülerInnen voneinander abweichen können. Wenn also über Vorgehensweisen und Forderungen diskutiert wird, die durch die Anwesenheit von LehrerInnen als Autoritätspersonen gestört werden, müssen es die Lehrkräfte wohl akzeptieren, an diesen Prozessen nicht teilhaben zu dürfen. Ansonsten würden sie die SchülerInnen in ihrer Entscheidungsfreiheit einschränken.
Eine vollständige Auflösung des Konfliktes zwischen SchülerInnen und LehrerInnen wird es also erst geben, wenn die Rahmenbedingungen aufgelöst sind, durch die der Konflikt ensteht. Bis dahin bleibt den beiden Gruppen nichts anderes als die Konfliktpunkte zu erkennen und zu lernen mit ihnen umzugehen. Wenigstens das sollte gleichberechtigt möglich sein.

Dieser Artikel ist in der neunten Ausgabe (Juni/Juli/August 2012) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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