Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
„Alles für alle – und zwar umsonst?“

Ein Kommentar zur aktuellen Debatte über das Urheber(Innen)recht

Gerade in linken Kreisen wird das Urheberrecht häufig lediglich als Profitmache großer Unternehmen wahrgenommen. Die betroffenen Schaffenden – die sogenannten UrheberInnen – geraten bei dieser Sichtweise meist in den Hintergrund. Dabei gilt doch vor allem zu fragen: Was hätte eine Veränderung des Urheberrechtsgesetzes (UrhG) für die UrheberInnen selbst zur Folge? – Ein schwieriger Spagat zwischen künstlerischen Freiheitsidealen und marktwirtschaftlicher Realität…

Momentan sichert das UrhG den UrheberInnen die (alleinigen) Rechte an ihren Werken zu. So kann eine Künstlerin beispielsweise entscheiden, wo und in welcher Form ihr Werk veröffentlicht wird und auch, zu welchem Preis. Diese Urheberpersönlichkeitsrechte erlöschen 70 Jahre nach dem Tod des/der UrheberIn. Neben der finanziellen Motivation die natürlich vorrangig im Urheberrecht steckt, spielt aber auch das Verfügungsrecht über den Inhalt der Werke selbst ein Rolle. Etwa, um aus dem Zusammenhang gerissene Zitate zu vermeiden, die die eigentliche Aussage oder Absicht komplett verfälschen. – Oder was würdet ihr zu einem Brecht-Zitat auf einer Nazihomepage sagen?
Zurück aber zum finanziellen Aspekt: Das Urheberrecht gewährleistet die – wenn auch oft sehr bescheidenen – Einkünfte der meisten KünstlerInnen hierzulande. Im Normalfall nutzt es ihnen also, da sie ja auf die Einnahmen durch den Vertrieb ihrer „Produkte“ angewiesen sind, wenn sie nicht zu den wenigen Glücklichen gehören, die schon mehrere Verkaufserfolge zu verbuchen haben.

Das Urheberrecht ist also in gewisser Weise eine Existenzsicherung für Berufskreative im kapitalistischen Arbeitsalltag und schützt so vor einer endgültigen Prekarisierung ihrer Lebenssituation. Die bloße Aufhebung dieses Gesetzes wäre im Endeffekt eine fatale, unsoziale Maßnahme. In letzter Konsequenz hieße es auch für die KunstkonsumentInnen, Abstriche an die Vielfältigkeit verfügbarer Kunst machen zu müssen – seien es Bücher, Filme, Musikalben, Bilder und so weiter. Das eigentliche Groteske an der Situation ist, wenn man sich vor Augen führt, wer Kunst wie zu welchen Preisen verkauft und wer daran verdient. Gerade bei Monopolisten in den jeweiligen Branchen, wie großen Verlagshäusern oder Majorlabels ist es so, dass die Rendite für die KünstlerInnen selbst nicht selten sehr gering ausfällt. Gleichzeitig hoffen sie aber, durch professionelles Marketing und ein gut aufgestelltes Vertriebssystem der großen Player, schneller zu Anerkennung, Ruhm und natürlich auch genügend Geld zu gelangen.

Sicher kann man den Schaffenden in den wenigsten Fällen den 1:1-Erlös ihrer Verkäufe zu gestehen, da an der Herausgabe eines künstlerischen Werks oft viele Arbeitsschritte hängen, die in der Regel von anderen Personen übernommen werden (müssen), um ein zufriedenstellendes Resultat zu erzielen. Aber bewegt man sich nicht gerade in einem kleinen Verlag oder einem Independentlabel, so muss man davon ausgehen, dass die großen Verdienste in der Summe in den Chefetagen landen und die KünstlerInnen in dieser Situation zu gewöhnlichen ArbeiterInnen werden, welche eine Ware für die ArbeitgeberInnen-Seite zu produzieren haben. Interessant wäre es da, sich die Möglichkeiten gewerkschaftlichen Vorgehens durch den Kopf gehen zu lassen – zum Beispiel durch eine Vernetzung mit ArbeitnehmerInnen aus den Verlagen oder Plattenfirmen? Oder KünstlerInnenkollektive? Sie könnten im Idealfall ein beständigeres Einkommen für die Schaffenden sichern, als wenn sie sich allein versuchten, über Wasser zu halten. Dies muss aber alles den Einzelfällen überlassen werden und nur der praktische Versuch wird die Antwort auf Erfolg dieser Vorgehensweisen geben.

Kommen wir auf MusikerInnen zu sprechen. Ihr Berufsleben, sofern sie einen eher mäßigem Bekanntheitsgrad besitzen, wird durch mindestens eine weitere Institution nicht unbedingt erleichtert: die „Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte“, besser bekannt als GEMA. Das Prinzip welches hinter dieser Firma (denn das ist sie und keine staatliche Behörde!) steckt, hört sich im Grunde vernünftig an: KünstlerInnen zahlen der GEMA einen gewissen Beitrag, die wiederum nimmt von Radiosendern, Clubs etc. Geld dafür ein, dass sie die Musik dieser KünstlerInnen spielen und lassen einen Teil dieser Einnahmen den KünstlerInnen zurückkommen. De facto ist die GEMA aber häufig ein großes Ärgernis für KünstlerInnen, die erwarten, durch sie angemessen vertreten zu werden. Denn die Rechnung geht nur auf, solange die Musik dieser KünstlerInnen viel gespielt wird. Wird sie das nicht – und oft genug ist das der Fall – bekommt die GEMA viel Geld in Form von Mitgliedsbeiträgen und die eigentlichen Schaffenden gehen leer aus.

Wir sehen also auch die Kunst ist in all ihren unterschiedlichen Bereichen ein hartes Geschäft. Kann da „Alles für alle – und zwar umsonst“ die Lösung sein?

Sicherlich, in einer Gesellschaft, in der es kein Privateigentum mehr gibt und alle von den Erträgen der Produktion profitieren, würden auch Musik und Literatur für alle in gleichem Maße frei verfügbar und quasi kostenlos sein. Sucht man jedoch nach einer Lösung, die es erlaubt, heute schon Kunst und Wissen für alle zugänglich zu machen, braucht es eine Reform, die sich auch zugunsten der Schaffenden auswirkt. Vorschläge, wie eine solche Reform aussehen kann, gibt es bereits. Einer davon ist das sogenannte bedingungslose Grundeinkommen, was es KünstlerInnen ermöglichen würde, nicht mehr auf die paar Prozent angewiesen zu sein, die sie durch den Verkauf ihrer Werke bekommen.

Ein anderer, vielleicht etwas realistischerer, ist eine Flatrate für Musik oder Literatur – man zahlt einen gewissen regelmäßigen Beitrag und kann dann auf einen Pool verschiedener Werke zugreifen; ein Prinzip ähnlich dem der bereits existierenden Bibliotheken.

Ein weiteres (bereits getestetes) Modell ist es, den KonsumentInnen frei zu stellen, wie viel sie für ein Werk zahlen wollen. Dieser Preis bewegt sich in einem bestimmten Rahmen, sichert so also den Schaffenden einen Gewinn zu, ermöglicht es aber auch den KäuferInnen, nach eigenem Ermessen mehr oder weniger zu zahlen.

Abschließend bleibt leider nochmals zu betonen: Wäre alle Kunst gratis verfügbar – beispielsweise im Internet – würden nicht nur Unternehmen darunter leiden, sondern auch die Schaffenden selbst. Diese jedoch sind auch Teil einer großen Menschenmasse, die auf ihre Arbeit angewiesen sind, um sich ihr tägliches Überleben zu sichern. Nur, sie bekommen keinen Stundenlohn. Sie müssen immer wieder von neuem Menschen finden, die ihre Arbeit schätzen und sie kaufen wollen – ein höchst prekärer Zustand, der dem Ruf der Kunst und Kultur als Luxusgut gehörig trotzt. Kampf den Chefetagen bei Universal, Bertelsamnn & co! In diesem Sinne: Love arts, hate capitalism!

Dieser Artikel ist in der zehnten Ausgabe (September/Oktober 2012) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

Creative Commons Lizenzvertrag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Über uns
Das Schwarze Kleeblatt ist ein anarchosyndikalistisches Magazin, das Themen und Meinungen von einem sozialrevolutionären Standpunkt aus betrachtet. Es erscheint alle zwei Monate und ist kostenlos als Onlineausgabe und im berliner Raum als Printversion verfügbar. Wir möchten hier nicht nur unsere jeweils aktuelle Ausgabe bzw. deren Artikel online veröffentlichen, sondern auch zur Diskussion stellen. Wenn du Interesse hast, als AutorIn für's Schwarze Kleeblatt aktiv zu werden, Anregungen bzw. Kritik hast oder unsere Zeitung zum Auslegen zugeschickt bekommen willst, dann schreib uns.