Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
Süßer, die Kassen, sie klingen!

Über Musik und Kommerz

Musik, Musik… Viele behaupten, sie sei die schönste Kunstform der Menschheit. Sie verstärkt Emotionen, weckt Leidenschaft und wirkt oft rauschartig, wie eine Droge. Es gibt kaum Leute, die wirklich gar keine Musik hören und vor allem ist es nahezu jederzeit möglich, Musik selbst zu machen – ohne Instrumente oder großes Fachwissen. Auch die Gelegenheiten, Musik live als ZuschauerIn zu erleben, gibt es gerade in einer Stadt wie Berlin, wie Sand am Meer.

Und so sehr für die einen Musik ein unerlässliches Hobby ist, so sehr ist sie für andere eine Notwendigkeit zum Broterwerb, ein Beruf. Ob Plattenfirmen, Konzertagenturen, Technikcrews oder natürlich die MusikerInnen selbst, sie alle sind stellvertretend für eine ganz eigene ökonomische Branche – die Musikindustrie.

Der sogenannte Kommerz in der Musik, also die gewinnfokussierte Ausrichtung künstlerischen Auftretens, beginnt schon im kleinen Club um die Ecke und zieht sich bis hin zu international bekannten InterpretInnen, welche vereinzelt gar einige hundert Euro für eine Eintrittskarte verlangen. Klingt letzteres schon sehr kurios, so sollte man sich dennoch einer gewissen Hysterie entledigen und den Musikmarkt nüchtern als solches betrachten, was er neben der Kunst leider eben auch ist: ein Teil der Marktwirtschaft.

Mit erhobenem Zeigefinger also dazustehen und jeder Band, die es auch nur ansatzweise mal in die Charts geschafft hat, Empörung entgegen zu bringen, ist weder sonderlich einfühlsam, noch durchdacht. So sind wir doch allesamt abhängig von Lohnarbeit und müssen deshalb anerkennen, dass auch KünstlerInnen samt ihrer Crews und VertragspartnerInnen hart arbeiten: komponieren, proben, Alben aufnehmen, Tourneen planen und durchführen etc. Es sind zum Teil Fulltimejobs, um an das eigene Einkommen zu gelangen. Dass dabei dann Konzerte ab einem gewissen Bekanntheitsgrad nicht mehr die gleiche persönliche Atmosphäre oder die ewig niedrigen Eintrittspreise aufbieten können, wie in den Anfangstagen mancher InterpretInnen, sollte jedem begriffswilligen Menschen einleuchten. Dies ist zwar nicht schön, aber eine logische Folge des Marktes.

Viel offensiver anklagen kann man aber sehr wohl eine Fülle anderer Auswirkungen, die eine kommerzialisierte Musikwelt mit sich zieht. InterpretInnen, die unter Knebelverträgen stehen, ihre Lieder blindlings für Werbespots hergeben oder künstlerisch teilweise so verbogen werden, dass zu Weilen die Menschen hinter den schillernden Persönlichkeiten zerbrechen. Makellose Körper, Playback und Autotuner statt echter Leidenschaft und auch Aussagen. Denn die textlichen Inhalte, die vermittelt werden, sind in der Regel ebenfalls eher flach. Da kommen die kitschigen Liebeslieder im Radio, neben der wilden Mischung aus Bling-Bling-Egoismus, angeblich immer willigen Mädchen und fanatischer Feierwut, fast noch am besten weg. Als ob die Leute dumm gehalten werden sollten… Die Musik, die auf VIVA und im üblichen TV zu sehen ist, ist für mich persönlich komplett uninteressant geworden.

Doch dabei gibt es sie, die mannigfachen Gegenbeispiele unkommerzieller Musik bzw. solcher, die tiefsinnige Inhalte vermitteln will. Selbst suchen muss man sie sich nur und darf nicht erwarten, sie ohne weiteres serviert zu bekommen. Spannender als sich einfach nur berieseln zu lassen, ist es allemal. Musik kann nämlich durchaus auch Ausdruck des Protests, des Kampfes sein. Ob die SklavInnenlieder in den Vereinigten Staaten, die Lieder der 1848er Revolution, die ArbeiterInnenlieder des frühen 20. Jahrhundert oder natürlich auch die moderne Variante musikalischer Rebellion im Rock’n’Roll, Punk und Hip Hop – sie alle haben die Musikgeschichte und auch die allgemeine Geschichte immer parallel begleitet und untermalt. Das war und ist die Musik der Straße, die nicht unbedingt in Fernsehen oder Radio zu hören ist. Und trotzdem:

Die ‘gemeine Musikindustrie’ im Gegenzug als Ganzes zu dämonisieren ist blanker Dogmatismus, undifferenziert. Wie in jedem Gewerbe gibt es hier Profiteure in den hohen Etagen und Getretene am unteren Ende der Kette. Und auch musikalischen Talenten das Recht abzusprechen, Geld verdienen zu dürfen, wäre anmaßend, gerade wenn man es auf anderer Seite PhysikerInnen oder ÄrztInnen beispielsweise zugesteht. Das KünstlerInnendasein ist hart genug und daher ist es nur erfreulich, dass es zumindest einige gibt, die damit doch ihr Leben (gut) finanzieren können.

Es ist nicht die Bekanntheit bestimmter KünstlerInnen, die darüber entscheidet, ob sie ihr Gesicht bewahren oder nicht, sondern wie ihr tatsächlicher Kontakt zur Basis aussieht. Wie zugänglich machen sie den Fans ihre Musik? Wie sehr achten sie darauf – im Rahmen des möglichen – Platten- und Ticketpreise auf fairem Niveau zu halten? Und natürlich: Wie sehr steckt noch der tatsächliche persönliche Charakter hinter der gemachten Musik? Wie das allerdings bewertet wird, bleibt allen einzeln überlassen. Die Fragen am ehesten beantworten, könnten nur die MusikerInnen selbst.

Zum Ende bleibt zu sagen, dass bei aller Kritik und bei allen Bewusstseinsfragen, auch jener, ob man nun „kommerzielle“ Musik meiden sollte, eins nie verlieren darf: den Spaß an der Musik. Er sollte im Vordergrund stehen und nicht die Absicht alles immer bis ins letzte durch zu rationalisieren. Der Markt verzerrt natürlich stark und macht vieles kaputt in der gesamten Gesellschaft, so eben leider auch in der Musik. Dagegen was zu unternehmen sollte unser Anliegen sein. Lokale Konzerte besuchen, Acts vor Ort unterstützen, Musik gar selber machen oder überhaupt erst mal nur fernab des Mainstreams auf Entdeckungsreise gehen – das alles können Versuche sein, die Musik aus ihrer zweckgebundenen, kommerziellen Rolle zu entreißen und aus ihr mehr denn je ein Medium der echten Veränderung zu machen. Eins! Zwei! Eins, zwei, drei, vier!!

Dieser Artikel ist in der zehnten Ausgabe (September/Oktober 2012) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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