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Wie das Planka Netzwerk in Skandinavien für kostenlosen Nahverkehr kämpft

Seit elf Jahren arbeiten die Planka-Gruppen als Interessenverband von Fahrgästen in Skandinavien. Neben ihrer zentralen Forderung nach einem kostenlosen Nahverkehr, ist Planka vor allem wegen ihrer Arbeits- und Vorgehensweisen interessant. Sie geben Beispiele dafür, wie anarchistische und syndikalistische Konzepte in die Lösung gesellschaftlicher Probleme einfließen können.

Nachdem sich die ersten Planka-Gruppen 2001 in Stockholm gründeten, entstanden immer mehr Strukturen in den verschiedensten Städten Skandinaviens. Während dieser Artikel geschrieben wird, arbeiten in Stockholm, Göteburg, Malmö und Oslo bereits stabile Planka Gruppen. Die Versuche einer Planka-Gründung in Kopenhagen, sind bisher leider erfolglos geblieben. Dieser Artikel soll einen Einblick geben, was die Planka-Gruppen ausmacht und wie sie sich organisieren. Da der Autor ein Mitglied von Planka Oslo ist, werden die Erfahrungen dieser Gruppe verstärkt einbezogen, um zu erklären, wie man beim Aufbau einer Planka Gruppe vorgeht.

Pay Strike und Gemeinschaftskassen
Das Konzept von Planka basiert wesentlich auf der Zahlungsverweigerung (pay strike), die durch einen gemeinschaftlichen Fond („P-Kassan“) abgesichert wird. Dieser Fond, in den alle Mitglieder einzahlen, wird dazu genutzt, die Strafkosten fürs Schwarzfahren zu begleichen, wenn ein Mitglied erwischt wird. Die genaue Form der P-Kassan hängt aber von den lokalen Gegebenheiten ab. In kleineren Städten, wie zum Beispiel Malmö, wäre es wahrscheinlich nicht möglich eine Kasse einzurichten. Denn das örtliche Transportsystem basiert darauf, dass die Tickets bei jeder einzelnen Fahrt kontrolliert werden. In solchen Fällen werden andere Methoden angewandt, um Aufmerksamkeit für die Gruppe zu gewinnen und Druck auf die Verantwortlichen auszuüben. Zum Beispiel versucht man Fahrgäste dazu zu bringen nach der Fahrt ihr Ticket weiterzugeben.
Unabhängig von dieser Frage, arbeiten alle Gruppen daran, durch die Teilnahme an öffentlichen Debatten, der Erstellung eigener Materialien und der Schaffung eigener Kommunikationsstrukturen, ihr Anliegen zu fördern. Das schließt kreativere Aktionen nicht aus. Unkonventionellere Beispiele für Aktionen sind Massen-Schwarzfahren, ein Konzert in der U-Bahn und eine „Adblock Action“ bei der in einigen U-Bahnhöfen und in den Bahnen sämtliche Werbung entfernt wurde. Außerdem spielen Jahrestage immer wieder eine Rolle. Die Gruppe in Stockholm organisierte eine Ausstellung und mietete einen Partybus für ihren zehnten Geburtstag. Zudem wird jedes Jahr, einen Tag vor dem erstmals von der schwedischen Planka organisiertem „Free Public Transport Day“ der passende „Free Public Transit Award“ an Menschen vergeben, die sich für ein kostenlose Verkehrsmittel einsetzen.²

Presse und eigene Öffentlichkeit
Es hat sich gezeigt, dass das Konzept von Planka viel mediale Aufmerksamkeit erregt. Auch wenn diese bei weitem nicht positiv ausfällt (es wurde z. B. dazu aufgerufen, die Planka-Gruppen bei der Polizei zu melden), waren die verschiedenen Gruppen in der Lage diese Aufmerksamkeit zu nutzen. Beispielsweise schaffte es die Stockholmer Gruppe zur Prime Time im öffentlichen Fernsehen zu zeigen, wie einfach man durch die neuen Schwarzfahrerbarrieren der U-Bahn kommt.
Wie die Stockholmer, wurde auch die Osloer Gruppe in den jeweiligen landesweiten Medien vorgestellt. Sogar in der internationalen Presse bekam man einige Aufmerksamkeit, in Form eines Features auf BBC und im Wall Street Journal.³ Die kleineren Gruppen wurden zumindest auf lokaler Ebene wahrgenommen. Ein Grund für die mediale Resonanz war nicht zuletzt das Bemühen um eigene Öffentlichkeit, wie z.B. durch die Teilnahme an Rallyes, Demonstrationen, Transpiaktionen und Adbusting, sowie die Arbeit auf Social Media Seiten, die Schaffung eigener Kommunikationskanäle zur Öffentlichkeit und die Erstellung eigener Materialien (Sticker, Bücher, Kleidung etc.). Es wurden Videos auf Youtube und Vimeo veröffentlicht, die sowohl Aktionen und Veranstaltungen dokumentieren, als auch bildend wirken sollen, so z.B. eine Reihe von Videos die zeigt, wie man die Barrieren in Stockholm umgehen kann. Die Planka-Gruppen verfügen über sehr aktive Seiten auf Twitter und Facebook. Der schwedische Teil des Netzwerkes (www.Planka.nu), betreibt sogar einen eigenen Online Radio- und Fernsehsender. Parallel zueinander haben die verschiedenen Gruppen einiges an Material zum Thema „öffentlicher Nahverkehr“ herausgegeben, jeweils mit einem anderen Schwerpunkt. Planka.nu veröffentlichte seit 2001 mehrere Berichte, davon vier auf Englisch4, Planka Oslo veröffentlichte zwei größere Broschüren. Hinzu kommen viele Artikel und Blogposts, die auf den Internetseiten der Gruppen und in Zeitungen veröffentlicht wurden.5

Schnittpunkte
Eine Planka Gruppe funktioniert also im doppelten Sinne: Als Aktionsgruppe, und als Lobby Gruppe und Think Tank. Und obwohl der Schwerpunkt von Planka immer auf dem kostenlosen Nahverkehr lag, ergaben sich eine Vielzahl von thematischen Schnittpunkten. Diese sind unter anderem Stadtplanung, das Recht auf Stadt, Klassenunterschiede, ArbeiterInnenbewegung und linke Politik, Umweltprobleme, Migration und Grenzen, Entfremdung, Werbung und ihr Einfluss auf menschliches Denken, Frauenbefreiung, öffentliche Räume und die Konsequenzen eines starken Autogebrauchs etc. 2011 veröffentlichte Planka.nu ein Buch unter dem Titel „The Traffic Hierarchy“, basierend auf ihrem gleichnamigen Bericht. Dieses analysiert unser Gesellschaftssystem aus der Perspektive von Transportsystemen und moderner Stadtplanung. 2012 veröffentlichte die Gruppe in Oslo eine Broschüre, welche die Aktionen Plankas selbst untersuchte und dabei ihre Verknüpfung zu den Traditionen der Selbstregulierung, des zivilen Ungehorsams, direkter Aktion und Syndikalismus und sozialen Streiks hervorhob.

Planka wächst also, und ähnliche Gruppen entstehen überall auf der Welt. Planka.nu startete sogar die Initiative eines weltweiten Netzwerkes von Gruppen, die sich für den kostenlosen Personennahverker einsetzen.6 Schließlich gewinnen im Kontext der Krise, Aktionen und Kampagnen, die den Klassenkampf aus dem Betrieb in die Stadt und Infrastruktur holen an Relevanz. Der Artikel wird also damit enden, dass wir euch kurz durch die Schritte führen, die wir gegangen sind, um eine Planka-Gruppe in Oslo aufzubauen

Wie gründe ich eine Planka Gruppe?
1. Organisiert eine kleine Vorabversion der P-Kassan, beginnt mit hohen Mitgliedsbeiträgen um sicher zu sein, dass ihr nicht ins Minus geratet und um eine finanzielle Sicherheit zu haben. Das sollte euch ein Gefühl dafür geben, was ein angemessener Beitrag ist, damit die ganze Sache rund läuft.
2. Recherchiert über eure örtlichen Transportunternehmen und findet heraus welche Konflikte und Probleme es bereits gibt und welche Gruppen schon dazu arbeiten (z.B Umweltgruppen, Gewerkschaften etc.) Wenn es Gruppen gibt, die eure Ziele teilen, nehmt Kontakt auf. Auch die Erfahrung der bestehenden Planka-Gruppen ist wichtig.
Es gibt viele AktivistInnen, die sich freuen, euch Ratschläge zu geben und Wissen mit euch teilen zu können.
3. Startet die Gruppe am besten mit einer Presserklärung und einer Zeitung, einem Bericht oder einer Broschüre, basierend auf euren Recherchen zu den Verkehrsbetrieben. Am Anfang wird das Sprichwort „Jede Presse ist gute Presse“, zusammen mit dem Anspruch „learning by doing“ ein guter Leitfaden sein, Aufmerksamkeit auf die Gruppe zu lenken und Erfahrungen zu sammeln.7

Fahrgäste aller Länder vereinigt euch – Commuters of the world unite!
Planka Oslo

 

¹ Die Planka Gruppen in Schweden werben damit, dass eine Mitgliedschaft 590 SEK (68 Euro) günstiger ist als ein Monatsticket.

² freepublictransportday.com

³ http://online.wsj.com/article/SB10001424052748703580004576180383768578942.html
http://soundcloud.com/plankanu/bbc-radio-4-program-you-yours

4 planka.nu/vad-tycker-vi/rapporter

5 skaneresenarer.se
planka.nu
plankaoslo.org

6 freepublictransportday.com

7 Mehr Infos zur Gründung einer Planka Gruppe unter:
planka.nu/eng

Dieser Artikel ist in der elften Ausgabe (November Dezember 2012) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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