Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
Im freien Verbund

Anarchistischer Syndikalismus in den Niederlanden und Flamen

Dieser Artikel basiert auf einem Interview, dass während des anarchistischen Kongresses in St.Imier 2012 von einem Genossen der ASJ Bonn mit einem niederländischen Genossen geführt wurde.

Die Geschichte der „AGA“…
Die Anarchist Groep Amsterdam (AGA) wurde im Jahr 2000 gegründet und geht auf die Initiative anarchistisch-syndikalistischer ImmigrantInnen aus Spanien zurück. Diese suchten in einem Konflikt mit ihren Vorgesetzten die Hilfe einer anarchistisch-syndikalistischen Gewerkschaft, welche zu dieser Zeit gar nicht existierte. Gemeinsam mit Amsterdamer GenossInnen gründeten sie daraufhin die AGA, welche mehrere Arbeitskämpfe mithilfe direkter Aktionen (z.B. das Verkleben von Restaurantschlössern) für sich entschied. Nach den anfänglichen Erfolgen existierte AGA als politische Gruppe weiter. Heute betreut sie unter anderem ein Infoladen-Cafe mit anarchistischer Bibliothek.

… und des “Freien Bundes”
Der „Vrije Bond“ (Freier Bund) existiert seit den 1980er Jahren. Anfangs noch als anarchistisch-syndikalistische Gruppe aktiv, wurde er schnell ein loses Email-Netzwerk verschiedener AktivistInnen aus den sozialen Bewegungen (Antimilitarismus, Anti-AKW, etc.). Mit der Etablierung der AGA, begannen auch AktivistInnen aus anderen Städten Interesse an der Gründung ähnlicher Gruppen zu zeigen. Viele sahen sie als sinnvolle Erweiterung zu den bestehenden Netzwerken, die sich meist auf spezielle Themen beschränkten. Es entstanden Gruppen in Zaandam, Utrecht und Nimwegen, aber eben auch in Gent in Belgien. Das Bemerkenswerte dabei ist, dass sie sich entlang der Sprach- und nicht der Ländergrenzen organisieren, genau wie das „Forum deutschsprachiger Anarchist_innen“ (FdA). Bei Überlegungen zur weiteren Vernetzung wurde beschlossen, die existierende Struktur des „Freien Bundes“ inklusive Streikkasse wiederzubeleben. 2003 kam es nach über zehn Jahren wieder zu einem Treffen des „Freien Bundes“. Die anarchistisch-syndikalistische Bewegung in den Niederlanden und Belgien erlebte ihre eigene Renaissance. Es folgten längere Debatten über die Struktur und das Selbstverständnis des „Freien Bundes“ in den Jahren 2006 und 2007. Er versteht sich heute als eine Kombination aus anarchistisch-syndikalistischer Gewerkschaft und anarchistischer Förderation, in der sich auch die AGA organisiert.

Die momentane Situation
AnarchistInnen in den Niederlanden sind einigen Problemen ausgesetzt. Seit Pim Fortuyn¹ und heute vor allem durch den Rechtspopulisten Geert Wilders, wird gerade in Zeiten der Krise Stimmung gegen MigrantInnen gemacht. Trotz enger Zusammenarbeit zwischen AnarchistInnen und MigrantInnnen, ist es bis heute nicht möglich, dieser öffentlichen Stimmung etwas entgegenzusetzen. Es bleibt nur zu hoffen, dass es in Zukunft möglich ist, zu intervenieren und den gesellschaftlichen Fokus auf die wirklichen Ursachen und Probleme der Krise zu lenken.

Ein anderes großes Problem ist, dass die radikale Linke und explizit die AnarchistInnen vermehrt staatlicher Repression ausgesetzt sind, was verschiedene Gründe hat. Vor allem ihr anhaltender Erfolg und ihre Aktivität in vielen sozialen Kämpfen stören die herrschende Klasse immens. So schrieb der niederländische Staat sowohl den Mord an Pim Fortuyn, als auch die Ausschreitungen im Oktober 2010 in Amsterdam, bei denen sich eine Demonstration von HausbetzerInnen gegen die grundlosen Angriffe der Polizei wehrte, komplett den AnarchistInnen zu.

Trotz der anhaltenden Repression schaffen es die anarchistischen GenossInnen kontinuierliche und erfolgreiche Arbeit zu leisten. Sie kämpfen, wie in Utrecht oder Zaandam, mit viel Energie gegen Abschiebegefängnisse, beteiligen sich an sozialen Kämpfen und führen immer wieder entschlossene Arbeitskämpfe. International ist der „Freie Bund“ mit vielen Gruppen und anarchistisch-syndikalistischen Gewerkschaften vernetzt. In einer internationalen Föderation möchte man zur Zeit aber nicht mitwirken.

 

¹ Niederländischer Politiker, der sich maßgeblich durch Islam- und Ausländerfeindlichkeit profilierte. Fortuyn wurde 2002 kurz vor den Parlamentswahlen erschossen.

Dieser Artikel ist in der elften Ausgabe (November/Dezember 2012) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

Creative Commons Lizenzvertrag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Über uns
Das Schwarze Kleeblatt ist ein anarchosyndikalistisches Magazin, das Themen und Meinungen von einem sozialrevolutionären Standpunkt aus betrachtet. Es erscheint alle zwei Monate und ist kostenlos als Onlineausgabe und im berliner Raum als Printversion verfügbar. Wir möchten hier nicht nur unsere jeweils aktuelle Ausgabe bzw. deren Artikel online veröffentlichen, sondern auch zur Diskussion stellen. Wenn du Interesse hast, als AutorIn für's Schwarze Kleeblatt aktiv zu werden, Anregungen bzw. Kritik hast oder unsere Zeitung zum Auslegen zugeschickt bekommen willst, dann schreib uns.