Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
„Freie Alternativschulen“

Eine Alternative zum allgemeinen Leistungszwang?

„Einmal habe ich Lederreste mit in die Schule gebracht. Die Kinder wussten gleich, was sie damit machen wollten und hatten überhaupt kein Bedürfnis, eine Anleitung von mir zu bekommen. Nur ein Kind, das von der Regelschule zu Besuch war, wollte immer wieder wissen: „Was soll ich machen?“ und „Wie soll ich es machen?“ Ich sagte: „Du kannst es so machen, wie du möchtest.“

Eine andere Pädagogik
Es erzählt Beate Hillert. Sie spricht von ihrer Zeit als Lehrerin an der „Freien Schule Tempelhof“, wo sie von 1989 bis 2002 als Lehrerin tätig war. Auch wenn sie ihren Beruf nun schon so lange ausübt, merkt man ihr deutlich an, dass sie von dem, was sie tut, nicht nur überzeugt, sondern auch begeistert ist. Das Konzept heißt „Freie Alternativschule“ und findet in den letzten zwanzig Jahren immer mehr Anhängerinnen und Anhänger. Hillert kann sich nicht vorstellen, an einer „Regelschule“ zu arbeiten. Was ist es, was sie so überzeugt? Was sind die Unterschiede? Was soll eine „Freie Schule“ sein und was eine „Regelschule“? Mit Regelschule meint Hillert den normalen Schulalltag, wie wir ihn täglich erleben oder erlebt haben. Wie wir diesen wahrnehmen, ist schnell beschrieben:
Euphorie bei der Einschulung wechselt in wenigen Jahren zur anstrengend täglichen Quälerei. Spätestens mit dem ersten Monat am Schreibtisch vor den Hausaufgaben, gekrönt von der fünf in der Klassenarbeit. Als Folge der Zorn der Eltern, Angst vor der nächsten Stunde, der Zwang zu lernen, was die meisten nicht im Mindesten interessiert.
Das Konzept der „Freien Alternativschulen“ ist von Grund auf anders. An die hundert gibt es in Deutschland, organisiert im „Bundesverband der freien Alternativschulen“. Es gibt weder Hausaufgaben, noch Prüfungen oder Zensuren. Der Grundgedanke ist, die Schülerinnen und Schüler spüren zu lassen, dass Bildung etwas Positives ist, was Spaß macht. Auch sollen Unterrichtsinhalte frei gewählt sein, wodurch von Wurzelziehen bis Pokemon alles möglich ist. Es geht also nicht nur um Bildung im engeren Sinn, sondern auch um das Heranwachsen und die Persönlichkeitsbildung.

Am praktischen Beispiel
Beate Hillert unterrichtet inzwischen an einer anderen Alternativschule, der „Freien Schule am Mauerpark“ (ehemals „Freie Schule Prenzlauer Berg“). Die Schule existiert aufgrund einer Elterninitiative in den 1990er Jahren und bietet inzwischen seit 1996 ein anderes Konzept von Bildung und Erziehung. Sie hat dank Elternbeiträgen und geringeren Gehältern das komfortable Verhältnis von 10 Lehrerinnen und Lehrern zu 63 Lernenden. In der Ganztagsschule versucht man Eltern und Kindern auf reformpädagogischen Prinzipien ein alternatives Heranwachsen zu bieten – bis zur sechsten Klasse. Beginnen tut jeder Tag mit der Morgenrunde. Getrennt in erste bis dritte, sowie vierte bis sechste Klasse besprechen LehrerInnen und Kinder was ansteht. Bei den „Kleinen“ kann auch Musik und Vorlesen Teil der Morgenrunde sein. Der Unterricht erfolgt viel durch betreute Freiarbeit. Es gibt aber auch „Verabredungen“, die so genannt werden, weil sie auf möglichst freiwilliger Basis geschehen sollen. Hier können Kinder sich mit Lehrerinnen und Lehrern regelmäßig treffen, um möglichst alles zu lernen, was sie sich wünschen. Dabei sind Deutsch, Mathematik und Englisch Pflichtfächer. Ansonsten werden aber auch allerlei herkömmliche sonstige Fächer angeboten und darüber hinaus kreative Projekte wie Clowns, Drucken oder der „Werkstatt-Tag“.
Wenn ein Kind Verabredungen nicht einhält oder in der Freiarbeitszeit nicht arbeiten möchte, wird nicht bestraft, sondern als erstes das Gespräch gesucht. Zunächst noch mit dem Kind selbst. Wenn sich jedoch keine Lösung finden lässt, wird mit den Eltern gesprochen. Der einzige Grund, aus dem Sanktionen verhängt werden können, ist ein persönlicher Konflikt. Jedes Kind hat jederzeit das Recht, ein Gespräch zur Klärung eines Problems mit einem anderen einzufordern. Hilft das nicht, so kann die Schülerin oder der Schüler eine gelbe Karte vergeben. Zwei gelbe Karten führen zu einer roten Karte. Erhält ein Kind eine rote Karte, muss es einen Tag zu Hause bleiben. Das würde allerdings nur sehr selten passieren, sagt die 52-jährige. „Meistens hilft das Gespräch“. Die einzige Bewertung erfolgt über einen längeren Brief an das einzelne Kind jährlich, bzw. einen „Entwicklungsbericht“ in der 6. Klasse, der von den Lehrerinnen und Lehrern zu den Schülerinnen und Schülern verfasst wird.

Freuden und Probleme
Die Lehrerin für Deutsch und Englisch freut sich immer wieder über das, was sie bewirkt. „An einer Regelschule hast du gar nicht die Zeit, gar nicht die Möglichkeit, was zu probieren“ meint sie. An freien Schulen hätten die Lernenden die Chance, „sich zu entwickeln oder zu finden, was sie überhaupt wollen“.
Beate wirkt stolz und froh, wenn sie von ehemaligen Schülerinnen und Schülern erzählt, die mal wieder zu Besuch kommen. „Das sind dann richtig tolle Persönlichkeiten, die wissen, was sie mit ihrem Leben wollen“ schwärmt sie. Auch der Wechsel auf die weiterführende Schule ist selten ein Problem. Viele Abgänger und Abgängerinnen gehen auf Gymnasien.
Nicht zu unterschätzen seien jedoch die Herausforderungen, die die Freie Schule an die Eltern ihrer Absolventen stellt. Die Erziehenden müssten „mitlernen“ und damit umgehen können, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden. Auch sei ehrenamtliches Engagement immer gefragt, zum Beispiel im Vorstand, beim Putzen und bei Renovierungsarbeiten. So wurde das Schulgebäude 2004 vor allem durch Elternarbeit saniert. Auch gebe es manchmal Schwierigkeiten mit einzelnen Schülerinnen und Schülern. „Manche Kinder brauchen oder wünschen sich mehr Strukturen und klarere Ansagen“, so Beate Hillert.
Auch kann Entscheidungsfindung im „Team“ (bestehend aus LehrerInnen, ErzieherInnen, Diplom-PädagogInnen, aber auch bspw. einem Architekten und zum anderen zwei Mitarbeiterinnen im Büro, einer Hausmeisterin, einer Putzfrau und einem Koch) manchmal lange dauern, „insbesondere, wenn ein Konsens gefunden werden soll und die Wünsche der Kinder mit einbezogen werden“. Alle wichtigen Entscheidungen werden per Abstimmungsmodus getroffen, müssen dann aber auch von allen umgesetzt werden..

Für die Zukunft?
Eine Verallgemeinerung des Projekts Freie Schule hält die Lehrerin aus verschiedenen Gründen für problematisch. Sie glaubt, dass ältere Schüler etwas mehr Regeln brauchen. In der Pubertät seien viele nicht mehr so erpicht auf Schule, meint sie. Wobei doch zu bedenken bleibt, ob das nicht gerade an den festen Strukturen unseres Bildungssystems liegt. Wer weiß, ob Bildung vielleicht mehr zu einem positiven Begriff unter Jugendlichen werden könnte, wenn sie nicht mehr von oben diktiert und auf Leistung fixiert, sondern eben selbst gewählt und hierarchiefrei organisiert wäre.
Auch auf die Frage, ob eine vergleichbare Schule auch mit einem kleineren Lehrer-Schüler-Verhältnis möglich wäre, lautet klar „nee“. Die Heranwachsenden bräuchten die Möglichkeit, auch mal ein Teammitglied für sich selbst zu beanspruchen. Eine individuelle Zuwendung sei nur mit so vielen Lehrkräften möglich.
Darüber hinaus möchte ich als Schüler die Frage stellen, ob eine Pädagogik in dieser Form überhaupt in unser derzeitiges Wirtschaftssystem passt. Geht es doch hier gerade darum, die Menschen zunächst nach Verwertbarkeit zu sortieren und anschließend meistbietend am Arbeitsmarkt zu versteigern? Hierbei sind Zensuren praktisch. Sie helfen, den Menschen zu einer Zahl zu machen, die ein Computer verrechnen kann. Wenn man also konsequent weitergeht, müsste man auch hierfür eine Lösung finden. Dies ist aber schwer zu vereinbaren mit dem Grundgedanken, dass ein Mensch immer nach Leistung bezahlt werden muss. Dennoch, ja vielleicht gerade deshalb, zeigen freie Schulen in jedem Fall eine pädagogische Perspektive hin zu einer hierarchiefreien Welt.

Dieser Artikel ist in der zwölften Ausgabe (Januar/Februar 2013) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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