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Schwarzes Kleeblatt
Hauptsache reformieren?

Sekundarschulen und „JüL“ – und jetzt?

Dass Reform nicht Verbesserung, auch keine ganz kleine, sondern erstmal nur Änderung bedeutet, ist eine Binsenweisheit. So war es auch eine der Hauptforderungen der Bildungsstreikbewegung, die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre zurückzunehmen. Zum einen, weil es den Druck auf die SchülerInnen weiter erhöhte, ihnen fast allen Raum für eigene Interessen nahm. Zum anderen aber auch, weil der einzige Zweck dieser Reform darin besteht, die AbsolventInnen früher dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen, zumindest wenn sie sich durchgesetzt hatten und nicht sowieso ein Jahr wiederholen mussten. Dabei stand die Regierungsrhetorik dieser Erkenntnis direkt entgegen: Deutschland sei eine Bildungsrepublik, die Kinder „unsere“ Zukunft, und so weiter. Der rot-rote Berliner Senat schien diesen Worten auch Taten hinzuzufügen und verabschiedete in den letzten Jahren eine ganze Latte an Reformen. Doch Skepsis ist angebracht. Schauen wir uns daher ein paar von ihnen genauer an.

Integrierte Sekundarschule – oder: small numbers are beautiful
Seit dem Schuljahr 2010/2011 gibt es in Berlin keine Hauptschulen, Realschulen und Gesamtschulen mehr: Sie alle wurden zur sogenannten Sekundarschule zusammengestampft. Wie der Name schon sagt, bedeutet sie nicht das Ende der Selektion, sondern lediglich die Reduzierung der Abstufungen. Dass es nicht zu der von den verantwortlichen Parteien selbst propagierten Gemeinschaftsschule kam, hat zweierlei Gründe: Zum einen sollten den „bildungsbürgerlichen“ BefürworterInnen einer Elitebildung ihrer Kinder nicht zu sehr verschreckt werden. Zum anderen bildet die Schulstruktur auch nur jene Klassengesellschaft ab, die spätestens im Berufsleben wirksam wird. Durch die verschiedene Schulformen wird diese Selektion aber bereits sehr früh zementiert, ein Ausbrechen aus der sozialen Schicht der Eltern so gut wie unmöglich gemacht. Auch eine Sekundarschule mit formell gleichen Abschlussmöglichkeiten und Zentralabitur bzw. Zentral-MSA hat diese Funktion noch: Wer an einem Gymansium sein Abitur mit eher schlechten Noten abschließt und folglich eine Ausbildung anstrebt, hat damit automatisch einen „Wettbewerbsvorteil“ gegenüber SekundarschülerInnen, insbesondere jenen mit niedrigeren Abschlüssen.

Jahrgangsübergreifendes Lernen ab fünf
Die Unterordnung von eigentlich gut gemeinten Zielen unter den Zweck der Arbeitsmarktfähigkeit zeigt sich auch am anderen Ende der Schullaufbahn sehr deutlich – am jahrgangsübergreifenden Lernen, welches die ehemaligen ersten und zweiten Klassen betrifft. Hier soll ein individuelles Lernen nach eigenem Tempo ermöglicht werden. Zum Bedauern von Schulen und Senat nutzt eine zunehmende Anzahl von Kindern dieses Angebot auch, und verbleibt länger in der Schulanfangsphase. Entsprechend lehnen viele Schulen die Umsetzung ab, der Senat will das durch aufwendige Anträge unattraktiver machen. Dabei ist er an der Situation durchaus selbst Schuld:
Zum einen wurden schlicht und ergreifend zu wenige LehrerInnen eingestellt, welche die jungen SchülerInnen tatsächlich individuell betreuen könnten. Zum anderen sind viele noch gar nicht reif für den normierten Stoff, da sie bereits mit 5 1/2 Jahren eingeschult werden müssen. Diese Neuerung ist vielleicht aus der Erkenntnis gewachsen, dass SekundarschülerInnen ja sonst genau so spät in die internationale Konkurrenz treten könnten, wie GymnasiastInnen vor G8. Es hilft aber auf jeden Fall dabei, den Widerspruch zwischen konformen Lernziel und freier Pädagogik unauflösbar zu halten.

One struggle!
Es zeigt sich also, dass Bildungspolitik kein Feld ist, dass gesondert betrachtet werden kann, in das einfach nur mehr Geld gepumpt werden müsste und dass sich dann ganz frei von anderen Interessen formen lässt. Zwar gibt es solch idealistische Initiativen durchaus und in der Tat auch innerhalb des Systems einige Möglichkeiten, die Bildungsmaschenerie menschlicher zu gestalten. Auch Geld gehört dazu, bedenkt man die immer noch sehr prekäre Ausstattung vieler Schulen. Aber diese Versuche werden immer wieder von „Alternativlosigkeiten“ wie der Staatenkonkurrenz und der Notwenigkeit zur Züchtung einer Elite und einem arbeitsfähigen Bodensatz korrumpiert – dass bei Arbeiten immer eine gaußsche Normalverteilung herauskommen soll, ist schließlich kein Zufall. Daher müsste eine wirklich emanzipatorische Bildungsbewegung auch den Kampf gegen Standortlogik, Hartz IV und letztendlich den Kapitalismus als Ganzes auf ihre Fahnen schreiben.

Dieser Artikel ist in der zwölften Ausgabe (Januar/Februar 2013) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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