Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
Unruhe in Betrieben und Berufsschulen

Die westdeutsche Lehrlingsbewegung 1968-1972

Mit dem Stichwort „1968“ verbindet man heutzutage in erster Linie den politischen und kulturellen Aufbruch von Studierenden, manche wissen auch, dass es zu der Zeit eine Schülerbewegung gegeben hat. Weitgehend vergessen ist dagegen, dass auch Lehrlinge und junge Arbeiterinnen und Arbeiter in der Bundesrepublik revoltierten. Dies geschah allerdings mit gewisser zeitlicher Verspätung im Vergleich zu Universitäten und Gymnasien. Die Anfänge einer spezifischen Lehrlingsbewegung lassen sich auf die Jahreswende 1968/69 datieren. Zu diesem Zeitpunkt kam es zu einer Zunahme von Protesten gegen die Zustände in der Berufsausbildung, symbolische Aktionen und erste Demonstrationen wurden durchgeführt. In Städten wie Hamburg, Dortmund, Köln oder München bildeten sich erste unabhängige Lehrlingsgruppen und Arbeitsgemeinschaften.

Angestoßen von den Protesten der Studierenden und allgemein der Außerparlamentarischen Opposition (APO) wurde auch die Situation der Berufsausbildung kritisch hinterfragt. Von den 1,3 Millionen Lehrlingen, die es 1968 in der Bundesrepublik gab, waren 35 Prozent im Handwerk und 65 Prozent in Industrie und Handel beschäftigt. Insbesondere in kleineren und mittleren Betrieben, in denen 90 Prozent der Lehrlinge ausgebildet wurden, dominierten noch autoritäre Erziehungsmethoden und eine patriarchalische Stellung des Meisters. Lehrlinge wurden zum Bierholen, Fegen der Werkstatt oder Privatarbeiten für den Meister verdonnert. Diese Beschäftigungen wurden seit 1968 zur Zielscheibe der Kritik der Lehrlingsbewegung: „Ausbildung statt Ausbeutung“ und „Lehrzeit – keine Leerzeit“ waren die Parolen auf Demonstrationen. Kritisiert wurde auch, dass die Lehrlinge – anstatt etwas zu lernen – zur produktiven Arbeit herangezogen wurden und faktisch als billige Arbeitskraft ausgebeutet wurden: „Brauchst Du ´nen billigen Arbeitsmann, schaff Dir einen Lehrling an“. Gleichzeitig revoltierten Lehrlinge gegen ihre Behandlung in den Betrieben, die als „Untertanenfabriken“ bezeichnet wurden, und stellten die autoritäre Rolle von Meistern und Ausbildern in Frage.

Eine wichtige Rolle beim Aufkommen der ersten Proteste spielten organisierte linke StudentInnen, die nach den großen Protesten von 1967/68 nach neuen Betätigungsfeldern suchten und sie u.a. in der Arbeit mit Lehrlingen und jungen Arbeiterinnen und Arbeitern fanden (ein anderes Feld war beispielsweise die „Randgruppenarbeit“ mit Jugendlichen aus Heimen oder Rockern). Dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) ging es darum, Kontakte zum „Proletariat“ herzustellen, und dafür schien die Agitation unter Lehrlingen am Erfolgversprechendsten. In Hamburg beispielsweise wurde 1969 ein „Sozialistisches Lehrlingszentrum“ (SLZ) gegründet, in dem Studierende und Lehrlinge zusammenkamen. An anderen Orten ging die Initiative dagegen von Berufsschullehrern aus, so in Essen, wo sich 1968/69 Arbeitsgemeinschaften gewerblicher und kaufmännischer Lehrlinge bildeten.

Ein ambivalentes, aber meist konfliktreiches Verhältnis hatten die entstehenden Lehrlingsgruppen zu den Gewerkschaften. In den späten 1960er Jahren standen viele Jugendliche und Auszubildende den großen Gewerkschaften kritisch gegenüber, da sie als in das System integriert wahrgenommen wurden. Ebenso skeptisch beäugten die zumeist sozialdemokratischen Gewerkschaftsfunktionäre die Revolte der Jugend. In Hamburg eskalierten die Konflikte am 1. Mai 1969, als eine Demonstration von APO-Gruppen, darunter auch das SLZ, die traditionelle Mai-Kundgebung des DGB sprengte, es flogen Farbbeutel und auf den Gastredner Willy Brandt wurde eine Leuchtrakete abgeschossen.

In den folgenden Monaten gelang es linkssozialistischen StudentInnen im Hamburger DGB, sich für ein neues Konzept der offenen Jugendarbeit durch die Gewerkschaften stark zu machen. Im Rahmen der Gewerkschaftsjugend wurde ein offener Treff auch für nicht gewerkschaftlich organisierte Jugendliche eingerichtet, der sich zwischen 1969 und 1971 zum Zentrum der Lehrlingsproteste vor Ort entwickelte. Dieses Modell gab auch bundesweit den Anstoß zu einer Hinwendung des DGB zur Jugend. 1970 existierten etwa 150-200 Lehrlings- und Jungarbeitergruppen, von denen die meisten im gewerkschaftlichen Rahmen arbeiteten. Den Gewerkschaften war es erfolgreich gelungen, die Lehrlingsproteste in Form neuer offener Jugendgruppen zu integrieren. Nachdem immer stärkere Kritik an den Lehrlingszentren laut geworden war (diese seien aktionistisch, sie würden die Arbeiterklasse in jung und alt spalten, sie würden Betriebsarbeit verhindern und „linksextremen“ politischen Gruppen eine Plattform bieten), wurden diese allerdings 1972 vom DGB wieder fallengelassen, ein Niedergang der Bewegung setzte ein. Auch die aus der Zerfallsmasse der Studentenbewegung entstandenen diversen kommunistischen Gruppen setzten verstärkt auf Betriebs- oder Gremienarbeit, so dass die offenen Lehrlingszentren nur noch wenige Fürsprecher fanden.

Jenseits dieser „institutionellen“ Entwicklungen war es in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren zu einem realen Aufbegehren in den Betrieben und Berufsschulen gekommen. Die zeitgenössisch als „Unruhe der Jugend“ bezeichnete Entwicklung machte sich auch hier bemerkbar. Das reichte vom Ausdruck individueller Unzufriedenheit bis hin zu kollektiven Aktionen und vereinzelt sogar zu Lehrlingsstreiks. Oftmals entzündeten sich Konflikte am Gefühl, Schikanen von Meistern oder Ausbildern ausgesetzt zu sein. Unangepasstes Verhalten begann in manchen Fällen schon mit der Haartracht männlicher Lehrlinge. So begründete die Lufthansa das Verbot von langen Haaren bei Auszubildenden mit der Feststellung, der „langhaarige Typ“ sei „meist weniger anpassungsfähig“. Viele politisch aktive Lehrlinge begannen auch im Betrieb zu agitieren, hängten kritische Flugblätter am Schwarzen Brett aus oder gaben Lehrlings- oder Betriebszeitungen heraus, in denen Missstände angeprangert wurden. Die Folge waren oftmals Entlassungen oder die Verweigerung der Übernahme von Lehrlingen. In einigen Betrieben kam es zur Bildung von Lehrlingsgruppen und kleineren kollektiven Aktionen. Bei Tarifverhandlungen mischten sich zunehmend auch Auszubildende mit ein, die die Gewerkschaften beispielsweise mit Demonstrationen oder eigenständigen Resolutionen (teilweise über die Gewerkschaftsjugenden) unter Druck setzten. In einigen wenigen Fällen kam es auch zu eigenständigen Lehrlingsstreiks, so im November 1970 in Frankfurt am Main. Dort legten die 120 gewerblichen Lehrlinge der Stadt, die in einer Lehrlingsausbildungswerkstätte (LAW) zusammengefasst waren, gemeinsam die Arbeit nieder, um sich gegen drei Entlassungen zu wehren sowie gegen die Regelung, dass sie während der Probezeit in andere Berufe versetzt werden konnten. Der mit der faktischen Besetzung der LAW einhergehende Streik endete erfolgreich.

Auch wenn um 1972 der Höhepunkt der Lehrlingsproteste vorüber war, bildeten sich im Laufe der 1970er Jahre immer wieder unabhängige Lehrlingsgruppen. Für die DGB-Gewerkschaften hatte die Bewegung eine spürbare Aktivierung der Jugendarbeit mit sich gebracht, auch wenn die neuen Formen offener und aktionsorientierter Lehrlingszentren relativ schnell wieder beerdigt worden waren. Ein Blick zurück auf die Geschichte antiautoritärer Proteste in den Betrieben kann allerdings auch heute noch lohnend sein, um die Veränderungen in der beruflichen Bildung seit damals zu verstehen und einen Umgang mit der heute praktizierten Ausbeutung schlecht bis unbezahlter jugendlicher Arbeitskraft (beispielsweise in Form von Praktika) zu finden.

David Templin

Zum Weiterlesen:
David Templin: „Lehrzeit – keine Leerzeit!“ Die Lehrlingsbewegung in Hamburg 1968-1972 (Hamburger Zeitspuren, Band 9), Hamburg 2011.

Knud Andresen: Die bundesdeutsche Lehrlingsbewegung von 1968 bis 1972. Konturen eines vernachlässigten Phänomens, in: Peter Birke/Bernd Hüttner/Gottfried Oy (Hg.): Alte Linke – Neue Linke? Die sozialen Kämpfe der 1968er Jahre in der Diskussion (Rosa-Luxemburg-Stiftung, Texte 57), Berlin 2009, S. 87-102.

Hans-Jürgen Haug/Hubert Maessen: Was wollen die Lehrlinge?, Frankfurt a. M. 1972 (2. Auflage).

Dieser Artikel ist in der zwölften Ausgabe (Januar/Februar 2013) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Über uns
Das Schwarze Kleeblatt ist ein anarchosyndikalistisches Magazin, das Themen und Meinungen von einem sozialrevolutionären Standpunkt aus betrachtet. Es erscheint alle zwei Monate und ist kostenlos als Onlineausgabe und im berliner Raum als Printversion verfügbar. Wir möchten hier nicht nur unsere jeweils aktuelle Ausgabe bzw. deren Artikel online veröffentlichen, sondern auch zur Diskussion stellen. Wenn du Interesse hast, als AutorIn für's Schwarze Kleeblatt aktiv zu werden, Anregungen bzw. Kritik hast oder unsere Zeitung zum Auslegen zugeschickt bekommen willst, dann schreib uns.