Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
Weltliche Schulen

Schulstreiks in der Weimarer Republik

Die Bestrebungen nach Alternativschule sind nicht neu, schon in den 1920er Jahren kämpften und streikten SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen für das Recht auf freie Bildung, Mitbestimmung und kreativer Pädagogik. Entbrannte der Kampf zunächst um die Trennung von Staat und Kirche im Bildungswesen, forderten AnarchosyndikalistInnen mehr: Die Errichtung von “modernen Schulen”, die antiautoritär und weltlich-rational unterrichten sollten.

Im Frühjahr 1921 kam es in der ganzen Weimarer Republik zu teilweise monatelangen Schulstreiks. Das Ziel waren “Weltliche Schulen” oder “Gemeinschaftsschulen”, über die verschiedene Vorstellungen bestanden. Gemäßigtere Positionen forderten lediglich eine religionsfreie Schule, andere wollten eine proletarische Erziehung frei von bürgerlichen Einflüssen, AnarchistInnen und AnarchosyndikalistInnen forderten sogenannte Ferrer-Schulen. Diese sollten Bildung “auf das große Naturgesetz der Solidarität” gestützt, der Kontrolle von Staat und Kirche entzogen, zum “Motor revolutionärer Veränderungen” gemacht werden.

Die rheinländische „Schöpfung”, eine anarchosyndikalistische Zeitung welche von 1921 bis zu ihrem Verbot 1923 herausgegeben wurde, war ein wichtiges Sprachrohr für die Streikenden. Im September 1921 legte sie Gedanken über die Umsetzung der proletarische Erziehung wie folgt dar: “Warum lehrt man den Kindern nicht mehr Naturheilkunde und die Wissenschaft der Heilkräuter? […] Mehr Belehrung über Gesundheitslehre und wirtschaftliche Verhältnisse […] Ein Kind soll in der Jugend erfahren, vor allen Dingen, daß es seinen KameradInnen, im Kampfe jeder Art, die nötige Solidarität entgegenbringt. […] Die Kinder müssen mehr Abwechslung haben, sonst wird ihnen die Schule leid! […] Vom fünften bis zum achten Lebensjahr müßten die Kinder in einem Garten spielen, von acht bis zehn Jahren sollen sie sich vor allem in der Natur aufhalten.”¹ Im Umfeld der damaligen FAUD (Freie Arbeiterunion Deutschland) bestand meist ein dreistufiges Konzept zur Erreichung freier Schulen.

Die erste Stufe würden dabei die freien Kindergruppen bilden. In den Jahren zwischen 1921 und 1933 gab es immer wieder solche Gruppen, die neben Naturkunde-, Mathe- und Deutschunterricht, auch Theater und Volkstanz unterrichteten, Fahrten und Wanderungen organisierten, Plätze für Erzähl- und Gesprächskreise einrichteten.
In der zweiten Stufe, der “Gemeinschaftsschule”, würden die spielerisch gemachten Erfahrungen mit SchulkameradInnen, Natur, NachbarInnen usw. ergänzt durch gemeinsame Gespräche, in denen weiter über die Gestaltung der Gesellschaft, der naturgemäßen Lebensweise und der Grundlage gegenseitiger Hilfe diskutiert wird.
Die dritte Stufe bezeichnet Arbeitsschule (Ferrer) und Lebensgemeinschaft: “In der Arbeitsschule wird nicht mehr, wie bisher im wesentlichen Sehen, Hören, Schreiben, Berechnen, Zeichnen gelehrt. Hier wird die Hobelbank zur Rechentafel, das Gemüsebeet zum Zeichenbrett für die Pflanzenreihen, der Kochherd zur Wärmekraftmaschine. Hier wird die Richtigkeit der Kopfarbeit selbst geprüft am Genuß und Gebrauch der gefertigten Werkzeuge und gezogenen und zubereiteten Nahrungsmittel”. Die Mitarbeit der Eltern am Unterricht bzw. der Unterrichtsvorbereitung wäre eine Voraussetzung dafür; denn ein antiautoritäres Programm proletarischer Erziehung vollziehe sich in allen Lebensbereichen. ProletarierInnen sollten ihren Kindern eben nicht nur Sozialismus predigen, sondern sie auch entsprechend erziehen und in weltliche Schulen schicken.

Die Erfolge dieser Bewegung liegen in der praktischen Erfahrungen, die in den freien Kindergruppen und den Gemeinschaftsschulen gemacht wurden, sowie der Übergang einiger Schulen hin zu konfessionslosen Schulen. „Der Untertänigkeitszustand, der blinde Autoritätsglaube” und die Prügelstrafe blieben jedoch in den meisten Schulen, die weiterhin Kinder zu gehorsamen Untertanen der bürgerlichen Gesellschaft erzogen (und erziehen).

 

¹ Alle Zitate nach Ulrich Klan, Dieter Nelles: Es lebt noch eine Flamme. Rheinische Anarcho-Syndikalist/-innen in der Weimarer Republik und im Faschismus. Grafenau–Döffingen 1990.

Dieser Artikel ist in der zwölften Ausgabe (Januar/Februar 2013) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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