Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Buchrezensionen

Black Flame
„Black Flame“ ist eine der besten und umfassendsten Einführungswerke in die Theorie und Geschichte des Anarchismus und Syndikalimus, die in den letzten Jahren – vielleicht sogar seit Entstehung der Bewegung – verfasst wurde. Die Autoren, welche gängige Anarchismusdefinitionen als unzureichend ablehnen, schaffen es – trotz gelegentlicher Widersprüche – eine eigene angemessene Definition herauszuarbeiten. Auf der Grundlage jahrelanger Forschung, führen sie die “broad anarchist tradition” historisch auf die Anfänge der Arbeiterbewegung im 19. Jhd. zurück. Sie beschreiben ihn als eine rationalistische, revolutionäre Strömung des freiheitlichen Sozialismus, die mit dem Ziel der klassen- und staatenlosen Gesellschaft eine internationale Revolution durch selbstorganisierte ArbeiterInnen und LandarbeiterInnen anstrebt. Untermauert wird diese Definition durch eine Vielzahl geschichtlicher Beispiele aus der anarchistischen Geschichte, die auch weniger bekannte Beispiele aus der sogenannten dritten Welt berücksichtigt. “Black Flame” bietet sowohl einen Überblick über die verschiedenen Strategie- und Taktikdebatten innerhalb der libertären Bewegung, als auch über das Verhältnis zum Marxismus. Dabei wird immer wieder die Verwurzelung in der ArbeiterInnenklasse, die emanzipatorische Praxis und die Aktualität des Anarchismus betont. Zusätzlich werden einige spezifischere Themen aufgearbeitet, bei denen Missverständnisse und Klischees diskutiert, bzw. aus der Welt geräumt werden. Alles in allem ist dieses Buch ein Muss für alle, die Interesse an klar strukturierten Definitionen und einem facettenreichen, qualitativen Überblick über die Bewegung haben. Derzeit nur in englischer Sprache verfügbar, wird dieses Buch noch 2013 in deutscher Übersetzung im Verlag „Nautilus“ erscheinen.

“Black Flame – The Revolutionary Class Politics of Anarchism and Syndikalism”, ISBN: 978-1904859161, AK Press, 500 Seiten, 21 €

 

Eine kleine Geschichte der Arbeiterbewegung
„Eine kleine Geschichte der Arbeiterbewegung“erschien 2009 im Wilhelm Fink Verlag als ein knapp hundertseitiger Comic. Das Buch nimmt eine Diskussionssituation über einen „aktuellen“ Streik zum Aufhänger dafür, dass ein junger Streikender und eine ältere Dame einem Punk mit Kind von der Geschichte der ArbeiterInnenbewegung in Deutschland seit 1848 erzählen. Von dem ansprechenden roten Cover angelockt, griff ich es mir von unserem eigenen ASJ-Stand auf dem Fusion-Festival gleich als erstes. Als ich das Buch zu lesen begann, war mein erster Gedanke, dass es für eineN historisch relativ bewanderteN LeserIn wohl nicht viel mehr als ein paar witzige Karikaturen berühmter PolitikerInnen bereithalten würde – ein Eindruck der sich im Laufe der Lektüre jedoch zunehmend änderte. Neben dem sehr guten Überblick über 160 Jahre Klassenkampf, erfuhr ich durch das Buch vor allem viel Neues über die Geschichte der Bewegung nach dem zweiten Weltkrieg. Man sollte sich jedoch nicht täuschen, dass dieses Buch die Geschichte der Arbeiterbewegung wertfrei darstellt. Zum einen wird durch die Auswahl der Illustrationen, aber auch durch die Betonung der Gewerkschaftsgeschichte im Verhältnis zur Parteiengeschichte erkennbar, dass dieses Buch von SyndikalistInnen stammt. Da ich aber selbst einer bin, empfehle ich es gerne weiter.

“Kleine Geschichte der Arbeiterbewegung – In Deutschland von 1848 bis heute”, ISBN: 978-3770548699, “Wilhelm Fink” Verlag, 90 Seiten, 13,90 €

 

Von Jakarta bis Johannesburg – Anarchismus weltweit
„Von Jakarta bis Johannesburg – Anarchismus weltweit“ ist ein 400 Seitiger Einblick in die Innenansichten internationaler anarchistischer Gruppen. Die Herausgeber Sebastian Kalicha und Gabriel Kuhn haben hierfür fast 50 Interviews von sechs Kontinenten zusammengetragen – unter absichtlicher Auslassung eines deutschen Beitrages. Die Befragten stammen aus den verschiedensten anarchistischen Zusammenhängen wie Gewerkschaften, Plattformen, feministischen Gruppen, anarchistischen Verlagsgruppen und Zeitungsprojekten etc. und geben ein recht unsortiertes Bild über die Bewegungen in den verschiedenen Ländern ab. Die Absicht der Herausgeber ein möglichst breites Bild über die Lage von anarchistischen Organisationen zu bieten wird in sofern erfüllt, als dass jede/jeder mal zu Wort kommt, für einen wirklich fundierten Einblick in internationale Diskussionen reicht das aber leider noch nicht. So sind die Beiträge von schwankender Qualität, manche Fragen konnten von den Interviewten nicht beantwortet werden, und immer wieder verweisen die Befragten darauf hin das sie keine verallgemeinerten Aussagen treffen wollen. Auch die hilfreich gemeinten Zeittafeln zu Beginn jedes Kapitels sind leider zu unvollständig um einen sinnvollen Einblick in die anarchistische Geschichte des jeweiligen Landes zu geben. Doch es gibt immer wieder Beiträge, die einen zum Lachen bringen, weil sie Prozesse darstellen die man von der eigenen Gruppe kennt, oder man entdeckt Organisationen in Ländern, die man dort nicht vermutet hätte. Alles in allem ist „Von Jakarta bis Johannesburg“ ein gutes Buch zum „mal reinblättern“, dass sich eignet wenn man einen ersten Eindruck in internationale anarchistische Organisationen sucht, mehr kann es jedoch nicht bieten.

“Von Jakarta bis Johannesburg – Anarchismus weltweit” ISBN: 978-3-89771-506-6, Unrast Verlag, 400 Seiten, 19,80€

 

The Accumulation Of Freedom
Wirtschaftliche Überlegungen sind von großer Bedeutung für AnarchistInnen. Der Klassenbegriff ist zentraler Bestandteil vieler anarchistischer Denkrichtungen und auch Konzeptionen von Intersektionalität, der Überschneidung verschiedener Unterdrückungsformen, geraten zunehmend in den Fokus. Vereint sind anarchistische Positionen in ihrer Ablehnung von Kapitalismus und Staatssozialismus, was die Auseinandersetzung mit Ökonomie unverzichtbar macht, insbesondere in Zeiten, in denen selbst in Mainstreamdebatten die Rede von einer „Kapitalismuskrise“ ist. Dieser Ansicht waren auch die drei anarchistischen Aktivisten und Wissenschaftler Deric Shannon, Anthony J. Nocella II und John Asimakopoulos, die gemeinsam The Accumulation of Freedom: Writings on Anarchist Economics herausgegeben haben. Ihr Buch beschränkt sich nicht darauf, theoretische Perspektiven für eine anarchistische Gesellschaft zu liefern. Ein Überblick über die Geschichte anarchistischer Ökonomie ist ebenso Teil der Textsammlung, wie Analyse und Kritik des Kapitalismus und konkrete Anregungen zum Widerstand innerhalb desselben. Proudhon, Bakunin und Kropotkin haben genauso ihren Platz, wie zeitgenössische Perspektiven und konkrete Beispiele aus der anarchistischen Praxis. Das Buch ist unterteilt in sechs Themenkomplexe. Der erste Teil bettet die Textsammlung in den historischen Kontext ein. Im zweiten Teil folgt eine Analyse des Kapitalismus im 21. Jahrhundert, unterstützt von einer Präsentation verschiedener Werkzeuge im Kampf gegen Kapital. Sie schlagen vor, die neoklassische Grenznutzentheorie und die marxistische Arbeitswerttheorie durch das Konzept der „differenziellen Akkumulation“ zu ersetzen, welches von den politischen Ökonomen Jonathan Nitzan und Shimshon Bichler entwickelt wurde. Der dritte Teil des Buchs beschäftigt sich mit unterschiedlichen Aspekten einer anarchistischen Kapitalismuskritik. So erklärt John Asimakopoulos, warum der Kapitalismus – aus Sicht der sogenannten Social Structures of Accumulation (SSA) Theorie – krisengeplagt und zum Untergang bestimmt ist. Gemäß dieser Theorie bestimmen eine Vielzahl sozialer Strukturen (politische, historische, ideologische, wie wirtschaftliche Faktoren) die wirtschaftliche Expansion und die Verteilung von Gewinnen. Zu den wichtigsten Eigenschaften dieser Strukturen gehören Geld und Kredit, das Muster staatlicher Einmischung in die Wirtschaft und die Struktur des Klassenkonflikts. Expansionistische Phasen enden dann, wenn die institutionellen Arrangements zu starr für die Anforderungen der wirtschaftlichen Realität sind. Das vierte und fünfte Kapitel gehen über Kapitalismuskritik hinaus und erzählen von anarchistischer Widerstandspraxis. Uri Gordon, präsentiert eine Bestandsaufnahme alternativer wirtschaftlicher Praktiken und analysiert diese auf ihre Bedeutung, Hindernisse und Konsequenzen hin. Anarchosyndikalistische Gewerkschaften, Universitäts- und Arbeitsplatzbesetzungen finden dort genauso Erwähnung wie Kooperativen, Kommunen, Umsonstläden, Food Not Bombs, sowie nonhierarchische Internetbewegungen. Mit The Accumulation of Freedom: Writings on Anarchist Economics ist ein längst überfälliger Sammelband zur anarchistischen Ökonomie erschienen. Die Anthologie ist keineswegs einseitig oder dogmatisch; sie vereint eine Vielzahl unterschiedlicher Perspektiven und Erfahrungen und regt damit zu einer vielfältigen Diskussion an. Doch anarchistische Ökonomie muss noch weiter gehen und Gesellschaftsvisionen entwickeln, die konkrete Vorstellung von wirtschaftlicher Organsiation beinhalten. Auch sind einige Aspekte anarchistischer Wirtschaft im Buch vernachlässigt worden. So wird zwar in der Einleitung erwähnt, dass AnarchistInnen von jeher alternative Arbeitsformen fordern – z.B. die Dekommodifizierung oder gänzliche Abschaffung von Arbeit – jedoch beschränkt sich die Auseinandersetzung mit der Thematik auf diese Bemerkung. Es bleibt zu hoffen, dass das Erscheinen dieses Sammelbands noch mehr kritische Stimmen veranlassen wird, sich mit anarchistischer Ökonomie zu beschäftigen und die Lücken und Mängel durch weitere Publikationen zu ergänzen .

The Accumulation Of Freedom: Writings On Anarchist Economics, ISBN: 978-1-84935-094-5, AK Press, 375 Seiten, 21$

Diese Rezensionen sind in der dreizehnten Ausgabe (März/April 2013) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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