Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Das Klima wird rauer

Überlegungen zu anarcho-syndikalistischen Interventionsmöglichkeiten gegen die zunehmende Prekarisierung

Europaweit wächst die Jugendarbeitslosigkeit und die Glücklichen, die nach dem ein oder anderen un- oder unterbezahlten Praktikum endlich einen Job oder eine Ausbildung gefunden haben, bekommen immer weniger Lohn. Die Perspektiven junger EuropäerInnen trüben sich immer mehr ein und auch in Deutschland wachsen die Sorgen vor der Zukunft, angesichts immer unsichererer und unfairerer Arbeits- und Ausbildungsbedingungen.

Der kalte Wind der Prekarisierung
Seit dem Ende der 90er Jahre verschärfen sich die sozialen Unsicherheiten in Europa wieder. Dies bekommt auch die Jugend zu spüren. Die Wenigsten von uns kommen in den Genuss ihren Traumberuf ausüben zu können und die Mehrheit stellt sich schon weit vor dem Berufsantritt die Frage, ob es in dem angestrebten Beruf überhaupt Arbeitsplätze gibt und wie diese vergütet werden. In Zeiten, in den die Angst vor Arbeitslosigkeit und Armut immer weiter um sich greift, wird es für ArbeitgeberInnen leichter, diese vereinzelten Individuen schamlos auszubeuten. Die Lockerung des Kündigungsschutzes 2004 und die (Wieder-)Einführung des Arbeitszwangs mit Hilfe der Hartz-IV-Reform 2005 hat jene Entwicklung sogar noch gefördert. Die Folge dieser arbeitnehmerfreundlichen Politik sehen wir heute. Un- und unterbezahlte Praktika, Mini-Jobs, Zeit- und Leiharbeit: Arbeit, von der man im besten Fall gerade noch kurzzeitig überleben kann, von der ein geregeltes Leben längerfristig aber nicht sicher ist. „Prekarität“, so der Fachbegriff, bedeutet nicht nur ein unsicheren und schlecht bezahlten Job zu haben, sondern in der Regel auch arbeits- und sozialrechtlich schlecht abgesichert sowie betrieblich schlecht eingebunden zu sein; was in der Folge heißt, dass die Lebenssituation der betroffenen Personen allgemein prekär ist. Laut einer Studie der IG Metall waren 2012 schon 32% der Angestellten zwischen 14 und 34 Jahren, also fast jedeR dritte junge arbeitende Mensch, prekär beschäftigt. Damit stellt sich für dich und mich die Frage: Wie können wir diesem Trend entgegenwirken? Wie können wir unsere Arbeitsverhältnisse verbessern? Wie können wir den Wind drehen?

Woher weht der Wind?
Die Ursachen dafür, dass sich gerade Jugendliche so leicht ausbeuten lassen, liegen nicht nur in ihrer fehlenden Erfahrung auf dem Arbeitsmarkt (z.B. unzureichende Kenntnisse des Arbeitsrechts), sondern vor allem in ihrer spezifischen Lebenssituation. Ein Mini-Job bietet die Möglichkeit für einen Übergangszeitraum Geld zu verdienen, ein Praktikum ist in der Schule und im Studium Pflicht oder füllt die Lücken im eigenen Lebenslauf. In der Regel befinden wir uns also in kurzfristigen Arbeitsverhältnissen (in denen wir auch gar nicht lange bleiben wollen) mit verhältnismäßig einfachen Tätigkeiten. Wir sind also leicht austauschbar, was uns gegenüber der/dem ArbeitgeberIn in eine schwache Verhandlungsposition zwingt. Die kurze Zeit, die wir uns in Betrieben aufhalten, ist ein weiteres Handicap. Denn in dieser kurzen Zeit ist es nur schwer möglich, Vertrauen bei den festangestellten KollegeInnen aufzubauen und sich mit ihnen zu organisieren. Denn auch wenn ArbeitgeberInnen den Eindruck erwecken wollen, dass sich Prekäre und Festangestellte in Konkurrenz zu einander befinden, ist eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in beiderseitigem Interesse, da damit z.B. die weitere Umwandlung von festen in prekäre Beschäftigungsverhältnisse erschwert wird. Gleichzeitig öffnet uns der gemeinsame Kampf von Prekär- und Festangestellten neue Handlungsmöglichkeiten. Doch welche Möglichkeiten haben wir überhaupt?

Dein Segel aus dem Wind drehen
Grundsätzlich gelten elementare Arbeitsrechte auch für prekär Beschäftigte (z.B. das Recht auf bezahlten Urlaub) sollten diese Rechte eingeschränkt werden, können wir uns dagegen vor Gericht wehren. Diese Klagen können jedoch nie mehr nur als ein individueller Erfolg sein und werden nicht einmal die Arbeit der/des euch nachfolgenden KollegIn erleichtern. Deshalb gilt es Mittel zu finden, die Arbeitsbedingungen kollektiv zu verbessern. Dies Bedarf der Organisierung, in einer Basis-Gewerkschaft (z.B. der FAU) oder einer Betriebsgruppe, deren Ziel es sein sollte, durch gezielte Arbeitskampfmaßnahmen betriebsinternen Vereinbarungen zu treffen, um z.B. die allgemeinen Arbeitsbedingungen oder den Arbeitsschutz zu verbessern. Die Forderung nach einer Verschärfung des Kündigungsschutzes sowie die verbindliche Festlegung von Einstellungsbedingungen können die Situation der Prekären verbessern und dafür sorgen, dass nicht noch mehr Festangestellte prekarisiert werden. Da diese Verbesserungen jedoch nicht vom Himmel fallen werden und nach den letzten Jahrzehnten auch in die Politik und die großen Gewerkschaften keine großen Hoffnungen mehr gelegt werden können, müssen wir diese Verbesserungen selbst erstreiten. An unserem Arbeitsplatz mit unseren KollegInnen. Wir müssen uns unseren Positionen im Arbeitsprozess als ProduzentInnen bewusst werden und lernen, diese Positionen auszunutzen. Auch wenn sich die meisten Prekarisierten, wegen ihrer leichten Austauschbarkeit, in sehr schwachen Verhandlungspositionen befinden, können diese z.B. kurz vor Projektabgabefristen erstarken oder in Solidarität mit den Festangestellten gemeinsam Druck erzeugen, der durch Öffentlichkeitsarbeit auch über den Betrieb hinaus wirken kann.

Den Wind drehen!
Solange solche Betriebsgruppen nicht oder kaum existieren und der Großteil des Prekariats sich widerspruchslos in seine Rolle als ausgebeutetes Individuum fügt, besteht für Anarcho-SyndikalistInnen die Aufgabe diesen Zustand zu problematisieren. Parolen wie „Keine Arbeit ohne Lohn“ oder „Leiharbeit abschaffen“ können, wie die aktuelle „Jung und billig“-Kampagne der ASJ-Berlin, ihren Beitrag dazu leisten, dass die Menschen beginnen, die Ausbeutungsverhältnisse, in denen sie sich befinden, zu erkennen und in Frage zu stellen.

Dieser Artikel ist in der dreizehnten Ausgabe (März/April 2013) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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