Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Die andere Gewerkschaft

Eine Einführung in den Syndikalismus

Stell Dir eine Gewerkschaft vor…
Eine, die sich in Programm und Struktur grundsätzlich von den populären Gewerkschaften unterscheidet. Für SyndikalistInnen ist der ökonomische Kampf nicht bloß eine Komponente der politischen Mitbestimmung – etwa neben Parlamentswahlen – sondern der zentrale Angelpunkt ihres gesellschaftlichen Wirkens. Ein klassisches Funktionärswesen gibt es bei ihnen nicht, auch der konkrete Arbeitskampf wird mit anderen Ansprüchen und Mitteln geführt.

In jeder aktiven Organisation fallen neben den Versammlungen eine Reihe von Arbeiten an, z.B. Planung, Koordinierung, Kommunikation oder Verwaltung. Natürlich können nicht alle Mitglieder für jede Aufgabe verantwortlich sein. Um Überblick, Beständigkeit und Kompetenz zu sichern, müssen solche Arbeiten einzelnen Personen übertragen werden. „Große“ Gewerkschaften machen das, aber auch die Syndikate¹. Der Unterschied liegt darin, welcher Rechenschaft AmtsträgerInnen unterstehen, auch welche Konsequenzen sich aus etwaigen Fehlverhalten ergeben.

Die Syndikate kennen, im Gegensatz zu vielen anderen Gewerkschaften, nur das imperative Mandat. Das heißt, einer gewählten Person wird ein Rahmen gesetzt, in welchem sie ein gewissen Handlungsspielraum besitzt, aber fortwährend zu Transparenz verpflichtet ist. Gibt es wichtige taktische Entscheidungen oder kommt es zu einer unzureichenden Ausübung des Mandates, liegt die Befugnis bei der Basis, Einfluss zu nehmen oder die betreffende Person abzuwählen.

Dass die Basis der Souverän ist, reicht allein nicht aus, um die Interessen der Mitglieder effektiv zu vertreten. Daher ist der dezentrale Aufbau ein weiterer Grundstein syndikalistischer Organisationen. Weil eine synd. Vereinigung alle Beschäftigten jedes Berufes organisieren will, werden kleinste Einheiten geschaffen, um Arbeitskämpfe so dynamisch und wirksam wie möglich führen zu können. Angefangen bei der Betriebsgruppe, die sich in ihrem Branchensyndikat konföderiert, bilden die lokalen Branchensyndikate wiederum die Lokalföderation – das allgemeine Syndikat. Dieses verrichtet regelmäßige Vollversammlung, wo die Mandatierten u.a. ihre Berichte ablegen.

Die Lokalföderation ist häufig regional, landesweit, teilweise auch international vernetzt. Auch hier dient zu Repräsentationszwecken das Delegieren imperativer Mandate. Die Prämisse lautet dabei immer: Von unten nach oben. Konkret, den Mittelpunkt des Schaffens bilden die einzelnen Betriebsgruppen und Branchensyndikate, von ihnen ausgehend wird der ganze Organismus gelenkt.

Genug zur Struktur. In der Regel verfolgen synd. Gewerkschaften auch ein politisches Ziel. Diesem liegt die Ansicht zu Grunde, dass sich die Interessen der lohnabhängigen ArbeiterInnen immer im Widerspruch zu denen des Kapitals der ArbeitgeberInnen befinden. In den bestehenden Verteilungsverhältnissen sehen sie die Wurzel allen gesellschaftlichen Elends.

Alternativ streben sie eine Ordnung an, in der der Besitz an Produktionsmitteln von den Werktätigen kollektiviert in Anspruch genommen und betrieben wird. Auch die Erzeugnisse und Dienstleistungen werden allen im gleichen Maße zugänglich gemacht. Als Verwaltungsstruktur dieser neuen Wirtschaftsordnung dienen dann die bereits im Kapitalismus gebildeten, konsequent dezentral strukturierten Syndikate, sowie die höheren Föderationsebenen.

Nochmal zur Praxis: Im Bezug auf die politische Zielsetzung finden sich auch andere Kampfmittel und -mentalitäten als in zentralistischen, sozialdemokratischen Gewerkschaften. Die direkte Aktion spielt eine wichtige Rolle, um den Besitzenden im sozialen Konflikt die Stirn zu bieten bzw. sie letztendlich zu enteignen. Dieser Begriff Umfasst nicht nur Streiks und Generalstreiks, sondern auch Sabotagen, Boykotts und andere kreative Kampfformen. Die gestellten Forderungen syndikalistischer ArbeiterInnen bewegen sich meist auf hohem Niveau. Sie entscheiden zudem selbst, ob, wann und wie verhandelt wird. – Seht, diese Gewerkschaft unterscheidet sich wirklich!

Dieser Artikel ist in der dreizehnten Ausgabe (März/April 2013) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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