Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Im Anfang war die Tat

112 Jahre Syndikalismus in Deutschland – eine Bilanz

Schon der Titel ist eine Affront und strotzt wohl vor Vermessenheit. Politische Bewegungen auf ein Gründungsdatum festlegen zu wollen ist heikel, es beim Syndikalismus zu versuchen umso mehr. Und dennoch: Geschichte braucht Ausgangspunkte und für diesen Artikel ist es das Jahr 1901. Von diesem Jahr aus, soll versucht werden einen kleinen Einblick in die Entwicklung der zentralen syndikalistischen Organisationen in Deutschland zu geben.

Das deutsche Kaiserreich im September 1901. Vier Jahre waren seit der Gründung der Vertrauensmänner-Zentralisation Deutschlands, dem Dachverband lokalistischer Gewerkschaften vergangen, da benannte sie sich in Freie Vereinigung deutscher Gewerkschaften (FVdG) um. Zu diesem Zeitpunkt lebten ihre revolutionär-gewerkschaftlichen Konzepte als langjähriger Streit innerhalb der deutschen Sozialdemokratie und sie begab sich tastend auf den Weg zu einer syndikalistischen Organisation. Die Gründung der Vertrauensmänner-Zentralisation 1887 war eine Reaktion auf die Zentralisierungs- und Entpolitisierungstendenzen in den „freien Gewerkschaften“, die sich lange vorbereiteten, und nach dem Ende der Sozialistengesetze (1878-1890) zur vollen Entfaltung kamen. Das streng parlamentarische Revolutionsverständnis des deutschen Marxismus und die politischen Erfahrungen aus den Sozialistengesetzen, drängten die Gewerkschaften in eine apolitische Haltung, die in keinem anderen Land Fuß fasste. Wie verheerend dieser Prozess auf die weitere deutsche Geschichte wirkte kann hier nicht in Gänze nachvollzogen werden, nur soviel: Das Versagen der ArbeiterInnenbewegung 1914, 1918 und 1933 gründet sich nicht unwesentlich auf ihrer Disziplinierung gegenüber den Parteien und der genannten Entpolitisierung wirtschaftlicher Kämpfe. Nur in einem kleineren (aber nicht unbedeutenden) Teil der Sozialdemokratie setzte sich die Überzeugung durch, dass in den Gewerkschaften ein entscheidendes revolutionäres Potenzial liegt. Politische Schlüsse wurden aus diesen Überlegungen solange nicht gezogen, wie die sozialdemokratische Bewegung organisatorisch offen agierte. Je mehr die SPD jedoch auf den politischen Absolutheitsanspruch ihres Parteiprogramms hinarbeitete, desto schwerer mussten die Unterschiede wiegen. Ab 1900 steigerte sich dann auch der Einfluss anarchistischer und syndikalistischer Theorien aus dem Ausland auf die FVdG. Mit ihnen kam die immer selbstbewusstere Ablehnung des Parlamentarismus und vor allem die Propagierung des Generalstreiks als ultimative direkte Aktion, die die Auseinandersetzungen verschärften und 1908 im endgültigen Ausschluss aller LokalistInnen aus der SPD gipfelten. Die FVdG war zu einer eigenständigen Gewerkschaft gewachsen, die jedoch noch unter strukturellen Problemen litt und sich der radikalen Feindschaft der Sozialdemokratie ausgesetzt sah. Zu Beginn des ersten Weltkrieges folgte das Verbot der FVdG, da sie sich im Gegensatz zu den freien Gewerkschaften und der SPD als erste gegen den Krieg engagierte.

Weimarer Republik
Die politischen Ereignisse nach Ende des 1. Weltkrieges brachten in Deutschland ein unbekanntes Maß politischer Neugründungen hervor. Die neuen linken Parteien versuchten sich zwar scharf gegen die SPD, aber nicht der Parteienpolitik generell Abzugrenzen, da sie „… nicht zu verstehen schienen, daß es sich beim Versagen der Sozialdemokratie 1914 weniger um den Verrat einer bestimmten Führergruppe handelte, als um die schauerliche Auswirkung einer Methode, auf welche der Staatssozialismus seit Jahrzehnten die Massen einzustellen suchte, und die letzten Endes dazu führen musste, daß die … Arbeiterbewegung sich […] als […] Organ und notwendiges Zubehör des nationalen Staates entwickelte.“¹
Anders die FVdG. Sie glaubte eben an die lange Tradition der ArbeiterInnenbewegung anzuschließen, welche nicht durch den Krieg und die missglückte Novemberrevolution an Legitimität verloren hatte. Ende 1919 kam es zu ihrer Neuformierung unter dem Namen Freie Arbeiterunion Deutschland (FAUD), die sich offen zum Anarchosyndikalismus bekannte. Für die FAUD waren die Jahre der Weimarer Republik durch schwankenden Erfolg gekennzeichnet. Zu Beginn der 20er Jahre befand sie sich in einem starken Aufwind, was ironischer Weise zur Schwächung ihrer gewerkschaftlichen Aktivität führte. Doch spätestens mit der Inflation und der darauf folgenden wirtschaftlichen Entspannung nach 1923 brach sie ein und nahm von da nur noch selten gesellschaftlichen Einfluss. Unterschätzt werden darf die FAUD trotzdem nicht. Der militante Kern an Mitgliedern auf den sie sich stützen konnte, blieb bestehen und schaffte es sowohl in großen politischen Konflikten (z.B in der Ruhrbesetzung) als auch durch die immer noch vorhandenen gewerkschaftlichen Kämpfen ihrer Mitglieder Einfluss zu nehmen. Gerade letzteres wurde ab Mitte der 20er Jahre für die FAUD wieder wichtiger und prägte auch Teile der anarchistischen Jugendbewegung. Die Zeit des revolutionären Potenzials in Deutschland war vorbei und man machte sich auf die Suche nach pragmatischen Konzepten für den politischen Tageskampf, was zur Rückbesinnung auf einen gewerkschaftlichen Kurs führte. Dieser Prozess lief jedoch nur langsam an und bis zum Ende der Republik blieb der Anarchosyndikalismus eine gesellschaftliche Kraft, die trotz einer gewissen Präsenz in den Betrieben, mehr durch persönliche Initiative als durch hohe Mitgliedszahlen auffiel. 1933 lösten sich die FAUD offiziell auf und die formierte sich im Untergrund neu. Ihre Mitglieder trugen vor allem durch illegale Fluchthilfe zum Widerstand gegen das dritte Reich bei.

Nachkriegszeit
Nach dem 2. Weltkrieg waren anarchosyndikalistische Ideen und Konzepte fast vollständig verloren. Außer der kulturbetonten Föderation freiheitlicher Sozialisten, gab es bis 1977 keine nennenswerte Organisation mehr. Erst mit der Gründung der I-FAU („I“ für Initiative), die bis heute als Freie ArbeiterInnen-Union besteht, trat der Syndikalismus wieder organisiert auf. In den letzten 33 Jahren, stützte sich die FAU auf einen kleinen aber relativ stabilen Personenkreis, der jedoch mehr als Ideengemeinschaft als Gewerkschaft funktionierte. Ein syndikalistisches Profil entwickelte sich erst zögerlich, wofür vor allem der Arbeitskampf der FAU Berlin im Kino Babylon 2009 initialzündend war. Wohin dieser angestoßene Weg führt lässt sich nicht abschätzen, es lässt sich aus der Geschichte des Syndikalismus erahnen. Dort, wo AnarchosyndikalistInnen versuchten sich als Ideenzusammenhang zu organisieren, verloren sie ihre eigenen Konzepte aus dem Auge. Der Erfolg des Anarchosyndikalismus hängt entscheidend davon ab, dass er als Basisgewerkschaft funktioniert und nicht nur radikal agitiert. Eine der grundlegenden Einsichten der FAUD in den 20ern, die nicht zuletzt dadurch bestätigt wird, dass die FAU Berlin, die die größte gewerkschaftliche Aktivität aufweist, in den letzten Jahren als einzige syndikalistische Organisation in Deutschland ein deutliches Wachstum erfahren hat.

¹ Rudolf Rocker: Der Kampf ums tägliche Brot, Verlag Freie Gesellschaft, Frankfurt 1980, S.7

Dieser Artikel ist in der dreizehnten Ausgabe (März/April 2013) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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