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Schwarzes Kleeblatt
„Verkauft doch eure Inseln ihr Pleite-Griechen!“

Eine von vielen BILD-Schlagzeilen dieser Art im Zuge der akuten Griechenlandkrise. Doch, wer zahlt denn nun für wen?

Und wie viel ist jetzt dran am Vorurteil vom „faulen Griechen“? ArbeitnehmerInnen in Griechenland leisten statistisch gesehen knapp 3,5 Wochenstunden mehr, als in Deutschland und nehmen im Schnitt fast eine Woche weniger Urlaub im Jahr. 23 900 Euro verdient einE ArbeitnehmerIn in Griechenland jährlich im Durchschnitt, in Deutschland 42 400 Euro. Aber auch das Phänomen der 600-Euro-Generation sei im Zuge dessen genannt: Junge Leute, die 40 Stunden die Woche arbeiten, sich aber kaum finanzieren können, obwohl das Preisniveau von Lebensmitteln und anderen Gütern vergleichbar mit dem in Deutschland ist. Nichtsdestotrotz, auch ein beinahe schon höhnischer Mindestlohn von 3,80 Euro vollbringt es nicht, die Griechen flächendeckend zu beschäftigen: Die Gesamtarbeitslosigkeit liegt bei 27% und unter den Jugendlichen sind sogar über 60 % ohne Job. Die wenigsten von ihnen bekommen das sporadische Arbeitslosengeld, da der Anspruch auf dieses nach einem Jahr verfällt.

Für einen Großteil der Menschen in Griechenland geht es also ums Überleben und keineswegs um die tatenlose Bereicherung auf Kosten anderer. Die meisten der in einschlägigen Artikeln angeführten griechischen Verhältnisse lassen sich entweder auf den zweiten Blick relativieren, oder sind Errungenschaften einer relativ starken Gewerkschaftskultur. Eigentlich müsste man sich eher die Frage stellen, warum Deutschland, als reichste Volkswirtschaft Europas, trotzdem den größten Niedriglohnsektor innerhalb der EU vorzuweisen hat.

Die Eigendarstellung Deutschlands im Verlauf der Griechenland-Pleite hat jedenfalls wenig mit der Faktenlage zu tun. Zwar wird Deutschland durch die Äußerungen von RegierungspolitikerInnen und Berichterstattungen vieler Medien als aufopfernder Helfer gewürdigt, doch verbergen sich hinter Deutschlands Engagement nicht zuletzt hegemoniale Eigeninteressen: Deutschland will eine Führungsrolle in der europäischen Politik einnehmen.

Von „Pleitegeiern“ und „Pleite-Griechen“
In Wirklichkeit verdient Deutschland doppelt an der Pleite: Als beträchtlicher Geldgeber innerhalb des Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Zentralbank, verleiht es Geld freilich nur verzinst. Jeder Euro, der nach Athen fließt, kommt also in einer Höhe von knapp 1,05 Euro wieder zurückgeflossen. Bei den verliehenen, mehrstelligen Milliardensummen kommen so beträchtliche Beträge zusammen. Aber auch auf einem indirekteren Weg profitiert der deutsche Staat: Durch zunehmende Stabilitätsverluste anderer europäischer Volkswirtschaften wird Deutschland als „sicherer“ Geldhafen besonders attraktiv. Immer weiter fallende Zinsen — zum Teil sogar im Negativbereich — führen so dazu, dass Deutschland ungewohnt günstig Geld leihen kann und in manchen Fällen dafür sogar noch Gewinne einstreicht.

Und die Wahrnehmung in der hiesigen Öffentlichkeit? Sie wird verzerrt und zwar vor allem gefördert durch die Boulevardpresse, aber auch durch vermeintlich sachliche Medien, wie die Tagesschau. Dahinter steckt eine Mentalität, die bestrebt ist, keine grundlegende Herrschaftskritik aufkommen zu lassen, ein nationales Einheitsgefühl zu schaffen und Missstände auf Sündenböcke auszulagern. Immer wieder sind Formulierungen zu hören, wie: „Wir zahlen für die faulen Pleite-Griechen“. Eine Aussage die gleich dreifach aufstößt, denn, wie oben dargelegt, sieht nicht nur die soziale Realität für einen Großteil der griechischen Bevölkerung anders aus, auch der „Wir“-Begriff ist höchst problematisch, da dieser eine Interessengemeinschaft suggeriert, die so gar nicht existiert und die sich widerstrebenden Akteure zu einer Einheit verschwimmen lässt. Außerdem stimmt es zwar, dass SteuerzahlerInnen in Deutschland für die geschnürten Pakete aufkommen, doch zahlen sie nicht für „die Griechen”, sondern an den deutschen Staat. Dieser lässt aber wiederum die Steuereinnahmen weder den angeblich „faulen Griechen“, noch sozioökonomisch schwächeren Schichten hierzulande zukommen: Es ist Geld, um einigen wenigen ihre überfüllten Konten zu retten. Niedriglöhne, Prekarität und Sozialabbau sind keine Resultate der „Griechenlandkrise“, sie bestimmten schon immer die gesellschaftliche Entwicklung – momentan lassen sie sich bloß scheinbar besser legitimieren.

„Die Griechen“, ein Risiko für deutsche Interessen
In Griechenland hingegen lässt man sich nicht so ohne Weiteres ausnehmen. Die sozialen Folgen des Sparpakets mit seinen flächendeckend drastischen Steuererhöhungen und Haushaltskürzungen schüren die Unzufriedenheit der griechischen LohnarbeiterInnen und diese äußert sich nicht nur in einem ausgeprägten Streikverhalten, sondern auch in einer politischen Radikalisierung: SozialistInnen, KommunistInnen, aber auch nationalistische Strömungen gewinnen an Einfluss im Parlament – und durch soziales Engagement auch in nachbarschaftlichen Strukturen.

Dies birgt natürlich aus deutscher Sicht die Gefahr einer Revolution. Gefahr deshalb, weil ein neues Regime in Athen eher ein Negativgarant für Deutschland wäre, die vergebenen Kredite zurückerhalten zu können. Um das Schicksal anderer Länder und vornehmlich das Deutschlands zumindest in Teilen von dem des griechischen Staates zu entkoppeln, wird auch die Debatte geführt, Griechenland der Eurozone zu verweisen. EU und Euro machen eben nur dann Spaß, wenn es bequem ist.

Politische Achromatopsie – Farbenblindheit in der Finanzkrie
Die Diskussion um die „Griechenlandkrise“ beweist erneut vor allem eines: Ein bloßes schwarz und weiß gibt es nicht. Gängige Annahmen müssen mehrmals beleuchtet werden, um sie gegebenenfalls als Vorurteile abzutun.

Die griechischen ArbeiterInnen leiden unter der Sparpolitik und profitieren nicht von ihr, SteuerzahlerInnen in Deutschland blechen und der deutsche Staat opfert sich nicht hingebungsvoll auf, sondern gewinnt an der Krise solange, wie alles im stabilen Rahmen verläuft. Natürlich kommt es in diesem Zuge nicht nur zu Ausbeutung durch Deutschland, auch griechische PolitikerInnen machen sich zu Handlangern des Kapitals. Ein ganzes Geflecht an Interessen sorgt dafür, dass die griechische Gesellschaft wie am Tropf am Leben gehalten wird, während sich auch Finanzkonzerne, wie zum Beispiel Goldman Sachs oder die Deutsche Bank, an diesen Zuständen bereichern.

Sicherlich gab es in Griechenland vor der Pleite in manchen (!) Bereichen der Arbeitswelt Standards, die in Deutschland nicht vorherrschten. Sicherlich ist Deutschland auch die stärkste Volkswirtschaft Europas. Daraus jedoch den Schluss zu ziehen, „die Griechen“ seien faul und schlecht, die Deutschen hingegen fleißig und gut, ist mehr als unsinnig. Neben der Tatsache, dass die griechischen ArbeiterInnen eben auf anderen Ebenen im Vergleich zu ihren deutschen KollegInnen benachteiligt sind, ist zu beachten, dass viele der mittlerweile längst eingestellten Errungenschaften Produkt einer gesellschaftlichen Kultur waren, die sich von Obrigkeiten nicht alles hat bieten lassen. Soll das etwa etwas Negatives sein? Und Deutschland? Theoretisch so reich und praktisch doch so arm: Leih- und Zeitarbeit, Minijobs zu niedrigsten Löhnen und davon immer mehr. Kann man sich als „DeutscheR“ dafür auf die Schulter klopfen? Wir müssen uns ferner den Fakten, also auch den Fragen nach unseren Idealen, stellen. Wo hört „gesunder“ Fleiß auf und fängt blinder Gehorsam an? Sollen Freiheit und Freizeit tatsächlich nur Randaspekte in unserem Leben sein? Und: Wer gewinnt, wer verliert und auf welcher Seite stehen wir? Auf der „unserer Nation“ oder der unserer sozialen Klasse?

Dieser Artikel ist in der 14. Ausgabe (Mai/Juni 2013) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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