Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Alles unter Kontrolle

Intelligente Überwachung auf dem Vormarsch

Seit zehn Minuten guckt sich der Mann nun schon auf dem Bahnsteig um. Schließlich lässt er seine Tasche stehen und entfernt sich. Die Gesichtserkennung der Überwachungskamera wird aktiviert und identifiziert ihn. Blitzschnell werden das Internet und Behörden-Datenbanken durchsucht, ein genaues Profil des Mannes wird an die automatisch informierte Polizei gesendet. Diese nimmt den Mann präventiv fest und verhört ihn.

Was klingt, wie ein Ausschnitt aus einem Science-Fiction Roman, wird bald bittere Realität sein. Seit 2009 lässt die EU nämlich forschen: INDECT (Intelligentes Informationssystem zur Unterstützung von Überwachung, Suche und Erfassung für die Sicherheit von BürgerInnen in städtischer Umgebung) ist ein Projekt von Universitäten mehrerer EU-Länder (u.a. die Universität Wuppertal), sowie verschiedener Firmen und der Polizeibehörden von Nordirland und (bis 2012) von Polen. Laut EU-Projektbeschreibung von 2010 ist das Ziel, „eine Plattform zur Registrierung und zum Austausch von amtlichen Daten, zur Erfassung von multimedialen Inhalten, intelligenter Bearbeitung aller Informationen und automatischer Erkennung von Bedrohungen und Erfassen von ungewöhnlichem Verhalten und Gewalt zu entwickeln“.
Um dies zu erreichen wird bis Ende 2013 in mehrere Richtungen geforscht:

  • Beobachtung von verschiedenen Menschenansammlungen und Erfassen von ungewöhnlichem Verhalten und Gefahrensituationen
  • komplexe biometrische Verfahren zur Personenidentifikation und erkennungsdienstlichen Behandlung
  • Informationsbeschaffung und Beobachtung von verdächtigem Verhalten im Internet
  • selbstorganisierte Computernetzwerke, neuartige Suchmaschinen und digitale Wasserzeichen

INDECT schafft die Grundlagen einer umfassenden Überwachungsplattform eines jeden Bürgers/ einer jeden Bürgerin, in der ein falsches Verhalten dazu reicht, unter Verdacht gestellt zu werden ein Verbrechen durchführen zu wollen. Denn das mit knapp elf Millionen Euro von der Europäischen Union finanzierte Projekt soll dazu dienen, Verbrechen schon im Vorhinein zu erkennen und zu verhindern – bevor sie geschehen. Um dies zu erreichen, werden Kameras mithilfe einer intelligenten Software das Geschehen auf öffentlichen Plätzen analysieren und bei „abnormalem“ Verhalten Alarm schlagen.
Was „normales“ von sogenanntem „abnormalen” Verhalten unterscheidet, kann die Software selbst erlernen. Dazu lässt man den Computer „normale“ Szenen beobachten, wie z.B. Menschen laufen vom Hauseingang zum Auto, und ihn diese bestimmten Laufwege anschließend analysieren. Aufgrund dieser Szenen und natürlich einiger vorgegebener Verhaltensgrundmuster kann sich der Computer Modelle von dem bauen, was „korrektes Verhalten“ ist. Die so erstellten Algorithmen kennen also in gewisser Weise den nächsten Schritt einer Person bzw. erkennen, wenn etwas Unerwartetes passiert.

Wird nun ein angebliches Verbrechen beobachtet, ist es möglich die Zielperson namentlich zu identifizieren. Zur Gesichtserkennung reichen inzwischen schon extrem wenig Bildpunkte, um das Gesicht eines einzelnen Menschen hochzurechnen und regelrecht zu rekonstruieren. Mit einer Erkennungsrate von mittlerweile fast 99 Prozent, lassen sich Datenbanken mit zehntausenden Bildern in Sekundenschnelle durchsuchen. Ist die verdächtige Person identifiziert, lässt sich ein umfassendes Profil von ihr erstellen. Dazu durchsuchen speziell entwickelte Suchmaschinen das Internet nach Daten aus Foren oder Social Networks (z.B. Facebook) und verbinden diese mit staatlichen Datenbanken. Dieses umfassende Persönlichkeitsprofil wird an die Polizei gesendet, welche automatisch durch das System über das mutmaßliche Verbrechen oder verdächtige Personen informiert wird.

Steht eine Person erst einmal unter Verdacht, ein Verbrechen begangen zu haben oder begehen zu wollen, ist es außerdem möglich über biometrische Daten aus dem Personalausweis mit Hilfe von Kameras ein genaues Bewegungsprofil zu erstellen. Zudem können automatisch gesteuerte Drohnen die Zielpersonen über eine enorm weite Strecke verfolgen und weiter beobachten. Solche Drohnen sind wendig, flexibel und vergleichsweise kostengünstig und haben damit ein enormes Potenzial in der Überwachungstechnik. In Deutschland unterstützen sie mittlerweile des Öfteren Polizeieinsätze.

Doch nicht nur auf der Straße wird überwacht und potenziell kriminelles Verhalten aufgespürt. Auch im Internet werden weiterentwickelte Suchroutinen nach auffälligem Verhalten scannen, welches sich z.B. durch den Besuch von Seiten „extremistischer“ Organisationen oder dem Gebrauch von Suchmaschinen für verdächtige Wörter äußert. Zudem soll eine speziell entwickelte Computerlinguistik fähig sein, Beziehungen zwischen Personen sowie den Kontext einer Unterhaltung, z.B. in Chats, zu erkennen und auszuwerten. Dabei geht es nicht nur um Blogs, Social Network, Usenet etc., sondern auch um P2P-Netzwerke (Rechnernetze) und individuelle Computersysteme.

War der Protest gegen INDECT anfangs noch sehr leise, steht das Projekt wegen der absehbaren Eingriffe in die Privatsphäre der BürgerInnen und der hohen Intransparenz mittlerweile international in der Kritik. Dabei wird von Datenschutzorganisationen und unabhängigen Fachleuten immer wieder auf den Orwellschen Charakter hingewiesen. Angespielt wird hier auf den Roman “1984” von George Orwell, in dem das Leben in einem totalitären Überwachungs- und Präventionsstaat geschildert wird. Selbst das deutsche Bundeskriminalamt (BKA) hat eine Beteiligung an dem Projekt „aufgrund des umfassenden Überwachungsgedankens“ abgelehnt.

Doch ist INDECT nicht das einzige Projekt im Rahmen des 7. Rahmenprogramms für sogenannte Sicherheitsforschung in der EU. Auch Projekte wie ADABTS (Automatische Erkennung von „abnormalem“ Verhalten und Bedrohungen in Menschenmengen) und SAMURAI (Beobachtung von verdächtigem und „abnormalem“ Verhalten mithilfe eines Netzwerks aus Kameras und Sensoren für eine Verbesserung der Erkennung von Situationen) tragen zu einer voranschreitenden Überwachung des öffentlichen und privaten Lebens bei. Nach Angaben der Europäischen Kommission hat sich in den letzten zehn Jahren das Volumen des Sicherheitsmarktes weltweit von rund zehn Milliarden auf 100 Milliarden Euro verzehnfacht.

Ob Videokameras oder Vorratsdatenspeicherung, sichtbar oder unsichtbar, immer mehr Informationen des Einzelnen werden gesammelt und gespeichert. Bei voranschreitender Überwachung und schwindender Kontrolle darüber, lässt sich nur noch schwer glauben, all dies geschehe zum Vorteil und zur Sicherheit der Menschen. Doch mit INDECT wird durch den präventiven Charakter, verbunden mit Überwachungstechnologien und einem umfassenden Informationssystem, eine nie dagewesene Qualität erreicht. Denn je stärker die verschiedenen Systeme miteinander verknüpft sind, umso lückenloser kann überwacht werden.

Dieser Artikel ist in der 14. Ausgabe (Mai/Juni 2013) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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