Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

„Alkoholfreies Bier!?! Das ist doch konterrevolutionär…“

Ein Meinungsbild zum Alkoholkonsum

Wer kennt das nicht: ein Bierchen in der Lieblingskneipe, bei netter Gesellschaft und guter Musik. Aus einem werden zwei, dann drei, vielleicht fünf. Und zwischendurch ein Schnaps. Die Zunge wird locker, die Stimmung aufgeheizt und die Themen brisant: Der ideale Nährboden für eine gepflegte Diskussion. Nicht selten findet hierbei ein politischer Austausch statt, Thesen werden kritisch unter die Lupe genommen und kreative Gedankengänge geteilt. Doch die Diskussion kann auch ausarten, der Alkohol schränkt die Streitenden in ihrer Rationalität und Urteilskraft ein.

Ist Schnaps der Feind?!

Anders als heute trafen sich organisierte Arbeiter früher häufiger in der Kneipe oder den Hinterzimmern von Wirtshäuser als in Gewerkschaftsräumen. Die Einstellung zu Alkohol war im 19. Jahrhundert noch nicht so stark von gesundheitlichen Aspekten, Arbeitsschutz und Genuss geprägt. ArbeiterInnen tranken auf Arbeit nicht heimlich, sondern wurden dazu angehalten. Oft wurden sogar Teile des Lohns in Schnaps ausgezahlt, der harte Alkohol “half” die Warnsignale des Körpers in Bezug auf Hitze, Kälte oder Überanstrengung nach 15-Stunden-Arbeitstagen zu ignorieren. Elendsalkoholismus ist der Begriff, der diese Zeit umschreibt: Nicht nur, dass Alkohol ein sicheres Verhütungsmittel gegen Streiks und gewerkschaftliche Organisation war, er betäubt auch das Zeitgefühl, macht die Arbeiter gefügig und schlägt sich auf die Gesundheit nieder.
Eine proletarische Kneipenkultur entstand mit der Verringerung der täglichen Arbeitsstunden und dadurch frei werdender Zeit, sowie einer schrittweisen Durchsetzung von Bier statt Schnaps mit steigender Qualität des Bieres. Kneipen waren Versammlungs- und Kommunikationsort: Das proletarische Wohnzimmer, da die Wohnungen früher oft nur ein Zimmer hatten. Außerdem konnten so auch unpolitische Arbeiter, die für ihr Feierabendbier da waren, in politische Debatten und Diskussionen mit einbezogen werden.
Allerdings war diese Kultur eine Männerkultur: Das bürgerliche Familienideal wurde vom Proletariat übernommen, wobei die Männer im öffentlichen Leben, die Frauen im häuslichen Bereich tätig waren – die Klassenspaltung vollzog sich entlang der Geschlechtergrenze. Frauen hatten in Kneipen nichts zu suchen. Die Männer hatten höhere Löhne, konnten per Gesetz über das Familieneinkommen entscheiden und flüchteten aus dem häuslichen Elend in die Kneipe, während die Frauen den Haushalt be- und die Kinder versorgten.
Die soziale, solidarische Bewegung wurde durch die Sozialistengesetze, die von 1878 bis 1890 alle sozialistischen und sozialdemokratischen Aktivitäten verboten, zwar nicht zerschlagen, sondern konnte weiterhin in den Hinterzimmern stattfinden, bestehen bleibt jedoch die Kritik an der Klassenspaltung.

Also Bier statt Schnaps?

Zur heutigen Zeit findet die politische Arbeit in der Regel nicht mehr in Kneipen statt, sondern in Büros, Lokalen oder anderen Räumlichkeiten, die zum Beispiel von Hausprojekten zur Verfügung gestellt werden. Aus Gründen wie der Einschränkung des rationalen Denkens und der Senkung der Hemmschwelle bei Konflikten gibt es sogar Gruppen, die den Konsum von Alkohol und anderen Rauschmitteln völlig von ihren Plena verbannen. Auch auf Demonstrationen ist die Bierflasche zumeist eine nicht gern gesehene Begleiterin. Doch das nicht etwa, weil die brave Bevölkerung sie für ein Wurfgeschoss halten könnte, welches “der linke Extremist” ja bekanntlich immer bei sich trägt, sondern weil Wahrnehmungsvermögen, Reaktionsgeschwindigkeit und Einschätzungsvermögen sehr unter dem bewusstseinsverändernden Getränk leiden und Gefahrenpotentiale einfach unterschätzt werden. Darüber hinaus kann Gewaltbereitschaft durch Alkoholkonsum geschürt werden.
Doch nicht nur im Moment des Konsumierens, sondern auch bspw. am nächsten Morgen kann Alkohol die politische Arbeit beeinträchtigen. Auch der Anarchist und Aktivist Lucio Uturbia ruft zum bewussten Konsum auf. Er zieht aufgrund seines spektakulären Lebens viele junge GenossInnen zu seinen Vorträgen. Von seinen ZuhörerInnen fordert er „Weniger trinken, weniger Drogen nehmen, tut lieber was!“ und appelliert damit an die Fähigkeit des klaren Denkens bei der Planung und Ausführung direkter Aktionen. Ähnliche Motivationen, die zur Entsagung von Alkohol und anderen Rauschmitteln führen, findet man auch in der Straight-Edge-Szene (weiterführende Literatur siehe unten).

“Wenn schon Krone, dann mit Korken”

Obwohl es augenscheinlich ausreichend Beweggründe gibt, Politik und Alkohol weitesgehend voneinander zu trennen, lässt sich die ausgeprägte Kneipenkultur der (Berliner) linken Szene nicht leugnen. Sie verteilt sich auf eine nicht zu verachtende Anzahl von Einrichtungen. Und da die politische Organisation ebenso anstrengend ist wie andere Formen der Beschäftigung und auch im linken Spektrum der Wunsch besteht, hin und wieder aus dem grauen Alltag zu fliehen, setzt man sich nach geleisteter Arbeit gerne zu einem Feierabendbierchen zusammen. Ob in Kneipen, Kellerräumen oder beim Tresen im benachbarten Hausprojekt, die Rahmenbedingungen sind immer gleich: das Bier ist bezahlbar und die Menschen sind (im besten Fall) tolerant und solidarisch. Wer sich rassistisch, sexistisch, homophob oder in irgendeiner anderen Form intolerant gegenüber seinen Mitmenschen verhält, fliegt raus! Und deshalb sind diese Orte häufig Dreh- und Angelpunkt fürs Sozialleben und Treffpunkt für Gleichgesinnte. Beim Genuss von Alkohol (aber natürlich auch ohne) kann hier gequatscht und diskutiert werden, aber auch der Frust des Alltags wird betäubt und die Missstände dieser Gesellschaft rücken für kurze Zeit in den Hintergrund.
 Und genau das macht das Trinken so reizvoll.

Weiterführende Literatur:
– Ralf Hoffrogge: “Sozialismus und Arbeiterbewegung” (aus der Reihe theorie.org)
– Gabriel Kuhn: “Straight Edge – Geschichte und Politik einer Bewegung” (unrast-Verlag)

Dieser Artikel ist in der 15. Ausgabe (Juli/August/September 2013) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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