Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Der schleichende Pfad zur Ausbeutung

Vieles scheint immer schon dagewesen zu sein: Chefs und Angestellte, Maschinen und KollegInnen, Arbeitsmarkt und Minijob. Dabei muss man gar nicht so weit in die Geschichte zurückschauen, um die stufenweise Einführung und Ausweitung der 450€ Jobs nachzuvollziehen. Obwohl es diverse Frühformen des Minijobs praktisch schon seit dem ausgehenden 19.Jahrhundert gab, trat die Formulierung „geringfügige Beschäftigung“ zuerst 1977 auf und bezeichnete damals noch ein Beschäftigungsverhältnis, welches auf maximal 15 Stunden pro Woche begrenzt war. Der eigentliche Durchbruch zum Flexibilisierungsinstrument auf dem Arbeitsmarkt folgte im Jahr 2003, als unter der Rot-Grünen Bundesregierung die Arbeitszeitbegrenzung von 15 Wochenstunden gestrichen wurde.

Kleine Jobs, steigende Zahlen

Durch die Abschaffung der Zeitbegrenzung gewannen die Minijobs an Attraktivität für ArbeitgeberInnen. Zuvor waren Minijobs tatsächlich als reine Aushilfsfunktion gemaßregelt, konnten nun aber auf eine beliebig lange Arbeitszeit ausgedehnt werden. Theoretisch ermöglicht dies, ArbeitnehmerInnen Vollzeit arbeiten zu lassen, ihnen aber nur 400€ pro Monat zu zahlen. Die damit einhergehenden Konsequenzen zeichnen sich in verschiedenen Studien und statistischen Erhebungen u.a. der Hans-Böckler-Stiftung, der Bertelsmann-Stiftung und der Bundesagentur für Arbeit ab. Infolge der Reform sei es umgehend zum Anstieg von 400€ Jobs, bei gleichzeitiger Verdrängung regulärer Arbeitsverhältnisse, gekommen. Bundesweit machen Minijobs inzwischen 20% aller Beschäftigungsverhältnisse aus. In absoluten Zahlen ausgedrückt sind das rund 7,3 Millionen Arbeitsplätze. Allein im Wirtschaftsraum Berlin stieg die Zahl der Minijobs innerhalb von neun Jahren von 140.064 Stellen im Jahr 2003 auf 218.523 im September 2012.

Dass ein Beschäftigungsmodell auf dem Arbeitsmarkt so erfolgreich werden kann, ist schon ein Hinweis darauf, dass es grundlegende Bedürfnisse der Wirtschaft erfüllt. Gleichzeitig mit den Minijobs, erfuhren auch andere „atypische Beschäftigungen“ wie Teilzeitarbeit, Leiharbeit oder unbezahlte Praktika einen Aufschwung. Arbeitsformen also, die allesamt dafür sorgen, dass Lohn- und Lohnnebenkosten bei den ArbeitnehmerInnen umfangreich eingespart werden können. An der Belegschaft zu sparen, eröffnet den Betrieben auch die Möglichkeit konjunkturbedingte Verluste an dieser Stelle wieder auszugleichen. Die Feststellung der Hans-Böckler-Stiftung: „Die Zahl der Minijobber wächst seit Jahren, auch in der Wirtschaftskrise.“ könnte somit zum Satz: „Die Zahl der Minijobbenden wächst seit Jahren, wegen der Wirtschaftskrise.“ korrigiert werden. Wird von der Stabilität der Wirtschaft hierzulande gesprochen, kann eigentlich nicht außer Acht gelassen werden, dass die ökonomische Sicherheit der ArbeitgeberInnen Hand in Hand mit der wirtschaftlichen Entsicherung der Angestellten geht.

Das prekäre Prinzip

Diese Entsicherung läuft hauptsächlich über die Unterwanderung des Arbeitsrechts. Sieht man sich die Abgabelast für ArbeitgeberInnen bei Minijobs an, liegt diese sogar höher im Vergleich zu regulären Stellen. Trotzdem rechnen sich Minijobs für die Betriebe, was nicht zu erklären wäre, würden grundlegende Rechte wie die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall eingehalten und angemessene Löhne gezahlt. Dabei kommt es der ArbeitgeberInnenseite zugute, dass Gewerkschaften bei Minijobbenden, wie bei anderen prekären Beschäftigungen auch, stark unterrepräsentiert sind. Ein Problem, dass auch an der besonders hohen Fluktuation der Beschäftigten liegt. Durch das Wegfallen einer klassischen Stammbelegschaft ergeben sich auf der ArbeitnehmerInnenseite erhebliche Probleme bei der Formierung einer angemessenen Vertretung, z.B. in Form einer Betriebsgruppe, da personelle Kontinuitäten nicht gewährleistet sind und sich das soziale Gefüge unter den KollegInnen generell gelockert hat. Auf der anderen Seite profitieren ArbeitgeberInnen durch den informellen Rahmen und die geringe Betriebsgröße, da diese meist in einer verstärkten persönlichen Bindung zwischen Angestellten und Anstellenden münden. Persönliche Bindungen an Vorgesetzte können für Minijobbende zwar kleinere Vorteile im Arbeitsalltag bedeuten, führen aber auch zur Identifizierung mit dem Betrieb und somit auch häufiger zum Verzicht auf eigene Ansprüche im Interesse der Gewinnmaximierung.

Attraktiver Job und beständiger Kleber

Als häufigstes Argument für 450€-Jobs wird meist eine sogenannte Brückenfunktion zwischen Teizeit- und Vollzeitbeschäftigung angeführt. Nach diesem Modell sollen geringfügig Beschäftigte durch ihre Minijobs angeblich bessere Chancen haben später in eine Vollzeitstelle zu gelangen, da sie bereits in der Arbeitswelt Fuß gefasst haben. Doch lediglich neun Prozent aller MinijobberInnen schaffen diesen Wechsel tatsächlich. Von vielen Seiten wird vor dem „Klebeeffekt“ geringfügiger Beschäftigungen gewarnt. Minijobs sind häufig Teil eines insgesamt prekären Lebenslaufes. Der Einstig beginnt oft mit steuerrechtlichen Vorteilen, die insbesondere auf verheiratete Menschen (und hier wieder verstärkt Frauen) eine starke Anziehungskraft haben. Während sich jedoch kurzfristige Vorteile ergeben können, besteht langfristig die Gefahr, dass sich durch den Wegfall von Zweiteinkommen, Scheidung oder Pflegebedürftigkeit von Angehörigen die wirtschaftlichen Grundlagen für das eigene Leben schlagartig ändern. An diesem Punkt ist der Ausstieg nur noch schwer zu schaffen.
Im Durchschnitt bleiben Frauen, die ausschließlich in Minijobs beschäftigt sind 6 Jahre und 7 Monate geringfügig beschäftigt. Im Vergleich dazu bleiben es Verheiratete 7 Jahre und 1 Monat, sowie Verheiratete mit pflegebedürftigen Angehörigen im Haushalt 8 Jahre und 3 Monate.

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