Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schule als Schicksal?

Alles bleibt gleich

Das deutsche Schulsystem hat sich seit Jahrzehnten kaum verändert. Trotz vielfältiger Parteiprogramme, Reformen, Demonstrationen, trotz Streiks und Besetzungen, ja trotz alledem müssen wir, wenn wir heute mit unseren Eltern, mit LehrerInnen oder älteren GenossInnen reden, feststellen: Die Probleme von SchülerInnen waren eh und je dieselben. Diese aufzuzählen ist inzwischen zum Klassiker der Bildungsbewegung avanciert: Stress, überfüllte Klassen, autoritäre Lehrkräfte, ein nicht-ansprechender Stoff sind nur einige Punkte, die zu nennen wären. Es gibt wohl kaum jemanden, der/die dieser Auflistung nicht beipflichten würde. Doch ihr Ende ist noch gar nicht erreicht, denn soziale Probleme gehören genauso angesprochen. Besonders Kindern und Jugendlichen aus ärmeren Verhältnissen fällt es schwer, den Bildungsweg über Gymnasium und Universität zu finden. Häufig werden sie mit Vorurteilen konfrontiert oder können von ihren Eltern schlichtweg nicht genug unterstützt werden.
Das kommt dir bekannt vor? Klar, denn das ist auch nichts Neues, im Gegenteil, es sind Probleme, die es seit Bestehen der BRD gibt und schon immer die Politik überforderten. Als AnarchistInnen möchten wir aber nicht nur die häufige Forderung „mehr Geld für Bildung“ stellen, sondern auch die Frage nach der Notwendigkeit von Bewertung, vorgeschriebenem Unterrichtsinhalt, ja sogar von Lehrkräften in ihrer heutigen Form aufwerfen. Ist es nicht sinnvoll, mit dem ewigen ökonomischen Wettbewerb auch den Wettbewerb im Bildungswesen abzuschaffen? Sollte nicht eine Schule möglich sein, in der wir über alles – was, wo, wann und wie die Dinge ablaufen – selbst entscheiden können?
Und die konkreteste aller Fragen: An welche Schule gehen wir oder schicken wir unsere Kinder im Hier und Jetzt? Denn längst hat sich doch etwas getan. Ambitionierte PädagogInnen, oder schlicht und einfach besorgte Eltern haben alternative Schulen gegründet und neue Schulformen entdeckt. Zum Beispiel das sogenannte Gesamtschulkonzept: Hier sind alle Abschlüsse möglich, egal was für eine Empfehlung man von irgendwelchen Bevormundeten an der Grundschule bekommen hat. Das hat den Vorteil, dass der Stress und die Angst, die gesamten beruflichen Chancen mit ein paar schlechten Monaten versauen zu können, zumindest in der Grundschule vermieden werden. Allerdings bleibt auch hier alles vorgeschrieben und benotet. Trotz alledem also wenig Freiheit, mit nur etwas weniger Druck.

Andere Modelle

Doch es gibt auch Modelle, die zumindest den Anspruch erheben, grundsätzlich andere Ideale von Erziehung und Pädagogik zu verfolgen. Bekanntestes Beispiel sind hier wohl die Waldorf- und Montessorischulen. Erstere gehen auf den Philosophen Rudolf Steiner (1861-1925) und letztere auf die Reformpädagogin Maria Montessori (1870-1952) zurück. Beide sind zumeist in freier Trägerschaft. Häufig werden Waldorfschulen auf die unterrichtete Tanzform Eurythmie reduziert oder es wird vorgeworfen zu wenig „handfestes“ Wissen zu vermitteln, sondern den Schwerpunkt auf Handwerkliches oder Kreatives zu legen. Auch das esoterisch begründete Hintergrundkonzept schreckt ab.
Ein weiteres pädagogisches Konzept, welches sich mit inzwischen fast hundert Projekten in Deutschland etabliert hat, ist das der Freien Alternativschule. Das Konzept entstammt eher den Idealen der 68er-Bewegung als pädagogischen Philosophien der Vorkriegszeit. Auf Ganztagsschule, meist in Form von Grund- oder Gesamtschulen, wird hier genauso, wie auf ein ausgeglichenes Verhältnis von wenigen Kindern pro LehrerIn, besonderen Wert gelegt. In diesem Konzept sollen die Unterrichteten außerdem selbst die Wahl darüber behalten, was sie sie sich als Lerninhalt wünschen. Finanziert werden solche Schulen über einkommensabhängige Elternbeiträge.
Eine schwierige Frage ist allerdings, wie solche Konzepte mehrheitsfähig werden können. Teilweise haben solche Schulen ein Verhältnis von sechs SchülerInnen pro LehrerIn und sind, nicht nur wegen des Schulgelds, sondern auch aufgrund von Zukunftsängsten, eher eine Sache privilegierterer Schichten. Entsprechend möchten wir die Frage aufwerfen, ob freie Pädagogik als Normalzustand überhaupt in unser derzeitiges Wirtschaftssystem passt. Geht es in diesem doch im Grunde darum, die Menschen zunächst nach Verwertbarkeit zu sortieren und anschließend meistbietend am Arbeitsmarkt zu versteigern. Hierzu sind Zensuren ein praktisches Werkzeug: Sie disziplinieren und bestimmen schließlich maßgeblich, welche Tätigkeiten die AbsolventInnen in ihrem Leben ausüben können. Letzteres ist zwangsläufig auch bei den real existierenden „freien Schulen“ der Fall. Dennoch liefern die vorgestellten Modelle wertvolle Erfahrungen, wie eine hierarchiefreie Bildung und Gesellschaft aussehen könnte und das ist sicher besser als nichts.

Veränderung tut sich schwer

Um nicht nur den Kindern besorgter Eltern mit Geld für eine Privatschule, den Zugang zu einer alternativen Pädagogik zu ermöglichen, muss das System geändert werden. Da sich seitens des Senats oder der Parteien allerdings wenig bis nichts ändert, müssen wir wohl selber ran. Schon seit Jahrzehnten gibt es immer wieder SchülerInnen, die sich für ihre Bildung einsetzen, wie beispielsweise die „Schüler_innenvereinigung Rastlos“ in den 80er-Jahren, doch am bekanntesten dürften wohl die Bildungsstreiks der letzten Jahre sein.
Diese konnten immerhin einen Erfolg in der Abschaffung beziehungsweise Abwehr der Studiengebühren in einigen Bundesländern erzielen. Eine grundlegende Veränderung aber brachten auch sie leider nicht ein. Ein Ergebnis, dass bei der gewählten Protestform auch kaum verwundert. Sicherlich sind Beteiligungen von bis zu 270 000 Lernenden beeindruckend, doch handelte es sich hier um eintägige Veranstaltungen. Ob gegebenenfalls nur zur Demonstration gegangen wurde um die Schule zu verpassen, das wird wohl eine ewige Diskussion bleiben. Tatsache ist, dass die Bewegung nie schlagkräftig genug war, um weiter greifendende Forderungen durchsetzen zu können. Wie denn auch, wenn man eigentlich nur „KonsumentIn“ ist und durch Streiks keine Produktionsausfälle herbeiführen kann. Als AktivistIn müsste man also wirklich Schulen und Unis besetzen und alternative Bildung leben, um sich nicht mehr von dem, was man bekämpfen möchte, abhängig zu machen.
Aus Streit über die weiteren Schritte zerfiel Bündnis um Bündnis. Nun sind nicht einmal mehr solche Demonstrationen realisierbar. Was bleibt, ist eine Menge Frust aber auch gute Ideen. Häufig ebben Proteste ab und schwellen dann wieder an. In diesem Sinne sollten wir versuchen, unsere Ideen im kleinen Rahmen an unseren jeweiligen Bildungseinrichtungen zu teilen. Projektwochen, Veranstaltungen und Flyeraktionen wären erste Schritte. Weiter machen wir ganz bestimmt.

Dieser Artikel ist in der 15. Ausgabe (Juli/August/September 2013) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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