Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
Arbeit im Globalen Süden

Die neoliberale Politik der 1980er, 1990er und 2000er Jahre hatte erheblichen Einfluss auf Arbeitsbedingungen und Arbeiter*innen weltweit. In westlichen Ländern wurde einerseits die Macht von Gewerkschaften zerschlagen, die Prekarisierung von Beschäftigungsverhältnissen, u.A. durch Befristung, Teilzeit, Zeit- und Leiharbeit, vorangetrieben und der Wohlfahrtstaat und die durch ihn teilweise Dekommodifizierung von Arbeit immer weiter zurück geschraubt. Andererseits klafft die Arbeitszeit von hoch und niedrig qualifizierten Beschäftigten zunehmend auseinander: „Overwork and underemployment“, zu viel Arbeit für manche und zu wenig für andere, ist ein bekanntes Phänomen westlicher Industriestaaten.

Dem gegenüber sehen sich Arbeiter*innen in Ländern des Globalen Süden völlig anderen Problemen ausgesetzt. Das zunehmende Offshoring und Outsourcing der Güterproduktion in diesen Ländern führt oft zu zunehmender Industrialisierung, einer erhöhten Nachfrage nach ungelehrten Arbeitskräften, sowie steigender Verdrängung lokaler und nationaler Industrien. Anders als etwa in Europa, ist Arbeit im Globalen Süden nie in einen Keynesianischen Wohlfahrtsstaat eingebettet gewesen, in dem Gewerkschaften zumindest teilweise Einfluss auf politische Entscheidungen haben. Aufgrund deregulierter Arbeitsmärkte und den Machtverhältnissen auf internationalen Märkten, die im Globalen Süden für niedrige Nahrungsmittelpreise und billige Löhne sorgen, sind Arbeiter*innen in diesen Ländern besonders betroffen von Ausbeutung und Unterdrückung im Dienst der Profitmaximierung.

Nach dem Ende des Kolonialismus war für viele Länder des Globalen Südens die Entwicklung einer eigenständigen, unabhängigen Volkswirtschaft kaum möglich. Mit zunehmender Globalisierung von Handel und Transport, sowie dem Druck westlicher Industrienationen, ihre Märkte zu öffnen, sahen sich die meisten dieser Länder gezwungen, ihr Abhängigkeitsverhältnis zum Globalen Norden fortzusetzen. Die Strukturanpassungsprogramme der 1980er und 1990er, durchgesetzt von der unheiligen Dreieinigkeit aus Weltbank, Internationalem Währungsfond und Welthandelsorganisation, verstärkten den Druck zur Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung – mit weitreichenden Konsequenzen für Arbeiter*innen. Mit dem Ziel vermeintlicher „internationaler Wettbewerbsfähigkeit“ wurde die Attraktion internationalen Kapitals privilegiert, oft auf Kosten essenzieller Arbeitsrechte. Die resultierende Informalisierung, sowie tief verwurzelte strukturelle Differenzierungen entlang Kategorien wie Klasse, Ethnizität und Gender begünstigten eine immer stärkere Kommodifizierung von Arbeit im Globalen Süden.

Gleichzeitig verlagerten sich die globalen Eigentumsverhältnisse zugunsten internationaler Kapitalinvestoren. Dadurch gerieten Arbeiter*innen im Globalen Süden in zunehmende Abhängigkeit der Weltwirtschaft, während lokale und nationale Entscheidungstragende an Bedeutung verloren. Outsourcing führt vielerorts zur Dezentralisierung und Fragmentierung von Produktion, wobei kleinere Firmen oft zögerlich sind, Tarifvereinbarungen zu akzeptieren. Technologische Innovation begünstigt eine zunehmend hierarchische Arbeitsteilung mit immer monotoneren, körperlich belastenderen und gefährlicheren Bedingungen am unteren Ende der Qualifikationsordnung.

Das Entstehen eines globalen Proletariats von etwa 1 Milliarde in Armut lebender, ortsungebundener Arbeiter*innen ist eine der Folgen dieser Entwicklungen. Allein in China gibt es schätzungsweise 200 Millionen Wanderarbeiter*innen. Sie werden als flexible, verfügbare und billige Ware eingesetzt und verheizt – um den Lebensstandard und die Konsumkultur des Globalen Nordens aufrecht zu erhalten. Obwohl die meisten dieser Arbeiter*innen wenig Wahl haben, regt sich vielerorts Widerstand. In China gibt es nach der Landflucht nun Stadtflucht, weil viele Wanderarbeiter*innen die Arbeit schmeißen und zu ihren Familien zurückkehren. Und in den verschiedensten transnationalen Unternehmen wehren sich Arbeiter*innen aktiv gegen ihre Ausbeutung.

So streikten diesen Sommer mehrere Tausend Arbeiter*innen des Apple-Zulieferers Foxconn, der in letzten Jahren durch hohe Suizidraten Schlagzeilen machte. Ein Paradebeispiel für transnationale Solidarität sind Adidas-Arbeiter*innen aus Honduras, Indonesien, China, Nikaragua und anderen Ländern, die sich in der International Union League for Brand Responsibility organisieren und zurzeit diverse Protestaktionen gegen den Sportartikel-Hersteller unternehmen. In dieser Ausgabe wollen wir einige solcher Beispiele von Arbeitsbedingungen und Arbeitskämpfen im Globalen Süden aufzeigen.

Der Begriff des „Globalen Süden“ wird dabei als potenzielle Widerstandskategorie verstanden. Bisher v.a. in der Forschung in Verwendung, ist er in der Alltagssprache noch nicht besonders verankert. Er entstand spätestens mit dem Fall der Sowjetunion, als die entsprechende Dichotomie zwischen West- und Ostblock und die damit einhergehende Einteilung der Welt in Erste, Zweite und Dritte Welt hinfällig wurde, da nun die Länder der sogenannten Zweiten Welt, des Ostblocks, je nach wirtschaftlicher Entwicklung der Ersten oder Dritten Welt zugeteilt wurden.

Der Begriff des „Globalen Südens“ ist aber mehr, als nur ein Ersatz für die hierarchische Restkategorie der Dritten Welt, weil er Länder in ähnlicher wirtschaftlicher und geopolitischer Position im globalen Kapitalismus bezeichnet, um auf ihre gemeinsamen Ziele und Interessen hinzuweisen. In diesem Sinne definiert sich der Globale Süden über gemeinsame politische und sozio-ökonomische und nicht rein geografische Koordinaten. Die Länder des Globalen Süden mögen im Norden, Süden, Westen oder Osten liegen. Diese Ausgabe beschäftigt sich deshalb gleichermaßen mit Arbeiter*innen in Asien, wie mit Arbeiter*innen in Lateinamerika oder afrikanischen Ländern.

Die Lehre, die wir daraus ziehen ist diese: Nur wenn wir den Begriff des „Globalen Südens“ weltweit als Widerstandskategorie verstehen und Allianzen schmieden, kann es uns gelingen, gegen die Macht von Staat und Kapital anzugehen. Viel zu oft ist es dem Neoliberalismus gelungen, Arbeiter*innen gegeneinander auszuspielen: In Deutschland etwa werden Reallöhne beständig niedrig gehalten, unter dem Vorwand, dass eine Anhebung der Löhne zu Einbußen der Wettbewerbsfähigkeit führen würde, und unter Drohungen der Unternehmen, in andere, „billigere“ Länder abzuwandern.

Genauso werden auch Arbeiter*innen im Globalen Süden gegeneinander ausgespielt: Ein einzelnes Land hat kaum die Möglichkeit, schützende Arbeitsmarktregulierungen einzuführen, ohne ein Kapitalschwinden befürchten zu müssen. Solange die globale industrielle Reservearmee groß genug ist, werden Unternehmen bei den kleinsten Regulierungen von Arbeitsmärkten in andere Länder abwandern, wo noch billige, ausbeutbare Arbeit zu finden ist. Für viele Arbeiter*innen im Globalen Süden würde eine solche Kapitalflucht aber kurzfristig nur noch Schlimmeres bedeuten, insbesondere dort, wo die Mittel zur Subsistenzwirtschaft oft kaum mehr vorhanden (weil zerstört) sind. Das ist das Absurde am Kapitalismus: Das einzige, was schlimmer ist, als von ihm ausgebeutet zu werden, ist, nicht von ihm ausgebeutet zu werden.

Nur durch transnationale Allianzen können Arbeiter*innen sich gegen diesen Zwang und die Vormachtstellung der Profitmaximierung wehren und sich widersetzen, wenn Unternehmen und Politiker*innen versuchen, sie gegeneinander auszuspielen. Auch die globale Klasse der Konsumierenden im Globalen Norden trägt hierfür Verantwortung; obwohl sich ihre Mitglieder oft selbst in prekären Beschäftigungsverhältnissen befinden, lassen sie sich meist vormachen, sie seien in der globalen Wertschöpfungskette diejenigen, die von Ausbeutung im Globalen Süden profitieren würden.

Ethischer Konsum ist wichtig und stimuliert notwendige Diskussionen zum Spannungsverhältnis zwischen menschlichen Bedürfnissen und Wünschen, technologischer Innovation und ökologischen Grenzen – aber ein besseres Kaufverhalten allein ändert nicht notwendigerweise etwas an den Arbeitsbedingungen, unter denen ein Großteil der Verbrauchsgüter, die wir täglich nutzen, hergestellt werden. In dieser Ausgabe wollen wir daher auch konkrete Anregungen geben, wie Konsumierende sich durch Boykotts mit Arbeiter*innen im Globalen Süden solidarisieren können.

Dieser Artikel ist in der 16. Ausgabe (Januar/Februar/März 2014) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

Creative Commons Lizenzvertrag

Kommentare sind geschlossen.

Über uns
Das Schwarze Kleeblatt ist ein anarchosyndikalistisches Magazin, das Themen und Meinungen von einem sozialrevolutionären Standpunkt aus betrachtet. Es erscheint alle zwei Monate und ist kostenlos als Onlineausgabe und im berliner Raum als Printversion verfügbar. Wir möchten hier nicht nur unsere jeweils aktuelle Ausgabe bzw. deren Artikel online veröffentlichen, sondern auch zur Diskussion stellen. Wenn du Interesse hast, als AutorIn für's Schwarze Kleeblatt aktiv zu werden, Anregungen bzw. Kritik hast oder unsere Zeitung zum Auslegen zugeschickt bekommen willst, dann schreib uns.