Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
B. Travens rätselhaftes Leben

Eine Literaturempfehlung

„Wenn der Mensch in seinen Werken nicht zu erkennen ist, dann ist entweder der Mensch nichts wert oder seine Werke sind nichts wert.“ – B. Traven

Aus der Feder des Schriftstellers B.Traven stammen bekannte Romane, wie etwa„Das Totenschiff“, „Der Schatz der Sierra Madre“ sowie die Werke des Caoba-Zyklus.
Doch beginnen wir mit einer Biographie und schon das fällt schwer.

Wer ist Traven?

Einen Menschen namens B. Traven gab es nie. Es ist ein Pseudonym. Wer wirklich dahinter steckt ist immer noch Diskussionsgegenstand der Literaturwissenschaft.
Unzählige Theorien und Hypothesen gab es im Laufe der letzten 80 Jahre, wer der Literat wohl sein mag. Die abstrusesten darunter waren wohl die Behauptungen, Traven sei ein unehelicher Sohn von Kaiser Wilhelm dem II. oder das Pseudonym von Adolfo Lopez Mateos, dem Präsident Mexikos von 1958–1964.
Die heutzutage wahrscheinlichste Hypothese um die Identität von B. Traven wurde von Erich Mühsam erforscht und begründet. Diese besagt, dass sich hinter dem Geheimnis eine Person namens Ret Marut verbirgt.

Ret Marut – ein weiteres Pseudonym?

Über diese Person ist wiederum wenig bekannt. Er soll aus San Francisco stammen und trat seit 1907 auf kleinen Theaterbühnen im damaligen Deutschland auf und gab Kurzgeschichten heraus.
Im Zuge des ersten Weltkriegs engagierte er sich politisch und gab in München von 1917-1921 die anarchistische Zeitschrift „der Ziegelbrenner“ heraus, bei der er verantwortlicher für Herausgabe, Schriftleitung und Inhalt war.
Ret Marut war in der kurzen Zeit der Münchener Räterepublik Leiter der Presseabteilung des Zentralrats der Räterepublik und Mitglied des Propagandaausschusses. Am ersten Mai 1919 wurde Marut verhaftet und sollte als Akteur der Räterepublik standrechtlich erschossen werden. Es gelang ihm allerdings, zu fliehen. Wahrscheinlich nach Köln, wo „der Ziegelbrenner“ ab 1919 bis zum Dezember 1921 weiter herausgegeben wurde. Kurze Zeit später schließt sich das Kapitel um Marut, da er 1924 angeblich nach Mexiko floh und dann spurlos verschwand.

Ab 1925 erschienen die ersten Romane von B.Traven und diese wurden von Erich Mühsam mit den ihm bekannten Schriften Maruts verglichen. Mühsam kam zu dem Schluss, dass es sich aufgrund sprachlicher und inhaltlicher Übereinstimmungen und Ähnlichkeiten um denselben Autor handeln musste.
Diese Hypothese wurde 1966 von dem Literaturwissenschaftler Rolf Recknagel überprüft und in einer ausführlichen Biographie belegt.

Wer war Ret Marut?

Alles, was über Ret Marut bekannt ist, spielt sich im Zeitraum von 1907 bis 1924 ab.
So ist weder etwas über seine jungen Jahre, noch über die Flucht nach Mexiko bekannt.
Einige Literaturwissenschaftler*innen sehen es als erwiesen an, dass Ret Marut/ B. Traven in Wirklichkeit Herrmann Albert Otto Max Feige hieß und 1882 im damals brandenburgischen Schwiebus (heute Świebodzin, Polen) geboren wurde. Von 1896 bis 1900 absolviert er eine Ausbildung zum Maschinenschlosser, von 1902 bis 1904 leistet er seinen Militärdienst und arbeitete danach eine kurze Zeit als Schlosser bis er im Herbst 1907 seine Identität zu Ret Marut wechselte.
1906 gab es ein schweres Erdbeben in Kalifornien, welches fast alle relevanten behördlichen Akten und Urkunden zerstörte. Dieses Wissen, so wird vermutet, nutzte er, um ein Leben als Ret Marut zu beginnen.

1923 versuchte Marut über England nach Kanada zu reisen und wurde festgenommen, da er kein Visum besaß. Als Ausländer ohne gültige Aufenthaltserlaubnis wurde er in der Abschiebehaft verhört.
Beim Verhör durch die Londoner Polizei sagte Marut aus, dass sein echter Name Hermann Otto Albert Maximilian Feige sei und dass er am 23. Februar 1882 in Schwiebus, dem heutigen Swiebodzin in Polen, geboren sei. Die Echtheit von Maruts Aussagen lassen sich in polnischen Archiven bestätigen. Auch dass die Person Otto Feige um 1905 spurlos verschwand, zu genau der Zeit, als Ret Marut zu existieren begann.
Wie Traven/Marut/Feige? nach Mexiko kam ist unklar. Doch es gibt Grund zur Annahme, dass er mit einem sog. Totenschiff von England über Umwege nach Mexiko kam. (Als Totenschiffe wurden ausgediente Containerschiffe bezeichnet, welche meist vorbestrafte Seeleute und Papierlose aufnahmen, die woanders keine Arbeit bekamen und dementsprechend günstig zu unterhalten war. Die Schiffe waren schrottreif und fuhren so lange bis sie untergingen um das Geld für die Versicherungen zu kassieren. Oft starb dabei die fast die komplette Besatzung.)

B.Traven Agenten unter Verdacht

Doch auch in Mexiko geht die Verwirrung um die Identität B. Travens weiter.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es zwei Namen, die mit B.Traven in Verbindung gebracht werden.
Nämlich Berick Traven Torsvan und Hal Croves. Beide gaben sich als literarische Agenten von B.Traven aus und führten geschäftliche Verhandlungen mit Verlagen. Viele Menschen dieser Zeit sind der Meinung,es handelte sich bei diesen Personen um B.Traven selbst, was jene aber stets bestritten und einzig und allein eine unterschriebene Vollmacht von B.Traven vorzeigten.

Berick Traven Torsvan

Über Berick Traven Torsvan ist bekannt, dass er ab 1924-1930 in Tampico an der Westküste Mexikos verweilte und abgeschieden in einem kleinen Haus wohnte und arbeitete.
Ab 1930 lebte er in Acapulco an der Ostküste, wo er offiziell eine Gastwirtschaft betrieb und regelmäßige Expeditionen und Reisen durch Mexiko unternahm. Torsvan interessierte sich sehr für die Geschichte Mexikos und besuchte Sprachkurse in Spanisch und indigenen Sprachen der Azteken. Er besuchte häufig Vorlesungen über lateinamerikanische Literatur und mexikanische Geschichte. 1930 erhielt er offiziell eine Ausländerkarte und ab 1951 angeblich die mexikanische Staatsbürgerschaft.

Hal Croves

Der Roman „Der Schatz der Sierra Madre“ von B. Traven wurde 1947 verfilmt. Als der Regisseur des Films ein Treffen mit Traven verabredete, erschien allerdings nur ein Mann namens Hal Croves, Übersetzer aus Acapulco, der angebliche Bevollmächtigte Travens. Croves blieb als technischer Konsultant die ganzen Zeit der Dreharbeiten vor Ort. Nach späteren Aussagen des Regisseurs und des Filmteams spielte Croves ein Doppelspiel zu Verschleierung, denn viele Leute des Teams waren überzeugt, Croves sei Traven mit Verkleidung. Auf diese Frage, welche Croves verneinte, verhielt er sich aber oft so, als sei er es. Nach den Dreharbeiten verschwand Hal Croves spurlos.

Der Beweis?

Die Verfilmung des Romans „Der Schatz der Sierra Madre“ wurde ein Kassenerfolg und ein Hype um die Werke Travens sowie seiner Identität entstanden. Der Journalist Luis Spota aus Mexiko machte sich auf die Suche nach Hal Croves. Bei seinen Nachforschungen fand der die Adresse eines Mannes mit dem Namen Berick Traven Torsvan. Spota bestach den Postboten von Torsvan und fand heraus, dass dieser u.a. Honorare von einem Zürcher Publizisten unter dem Namen B.Traven erhielt. Daraufhin besuchte er den Autoren und stellte ihn zu Rede.
Der Journalist gab an, dass Torsvan auf die Frage ob Torsvan/Croves/ Traven ein und dieselbe Person seien, dieser sehr unsicher war und die Frage indirekt bejahrte. Nach der Veröffentlichung der Nachforschungen erschien ein Dementi von Torsvan. Danach verschwand er für immer von der Bildfläche.

Hal Croves kommt zurück

Mit dem Abtauschen von Berick Traven Torsvan betrat Hal Croves wieder die Öffentlichkeit und verhandelte mit Verlegern und Filmgesellschaften über die weiteren Werke von B.Traven.
Hal Croves heiratete 1957 seine Sekretärin Rosa Elena Luján, die ab 1960 alleinige Eigentümerin an allen Werken Travens war.(!)
Bei einem Besuch in Deutschland 1959 anlässlich der Primiäre des Films „Der Schatz der Sierra Madre“, reagierte Croves auf die zahlreichen Fragen der Reporter, ob er Traven sei, negativ oder zitierte: „Wenn der Mensch in seinen Werken nicht zu erkennen ist, dann ist entweder der Mensch nichts wert oder seine Werke sind nichts wert.“

Die (halbe) Aufklärung

Hal Croves starb am 26. März 1969 in Mexiko City.
Nach dem Tod ihres Mannes hält Rosa Elena Luján zwei Pressekonferenzen ab. In der ersten liest sie Teile aus dem Testament Torsvans. Sein echter Name sei Traven Torsvan Croves gewesen und er habe in der Vergangenheit die Pseudonyme B. Traven und Hal Croves benutzt.
Luján gab an, ihr Mann sei US-Amerikaner gewesen, doch und das verschwieg das Testament früh mit seinen Eltern nach Deutschland emigriert, wo er als Revolutionär Ret Marut gewirkt hatte.
Bei einem letzten Interview sorgten die Aussagen seiner Frau für Verwirrung, da sie viele Ereignisse und Zeitpunkte im Leben Travens falsch wieder gab. Auch der Geburtsort schien unschlüssig. Vielleicht sollte eine vollständige Aufklärung um die Identität von B. Traven nie passieren.

Durch Recherchen im umfangreichen, ehemaligen Privatarchiv Croves, sehen Wissenschaftler*innen es als bestätigt an, dass er aus Deutschland stammte, denn zahlreiche Bahnfahrscheine, Währungen aus vielen Ländern Europas und kleine Verweise in seinen Notizbücher, lassen eine Fluchtroute aus Deutschland durch halb Europa nach Mexiko erkennen.
Zur Zeit seiner Flucht von England nach Mexiko ist in einem kleinen Notizbuch notiert.„The Bavarian of Munich is dead“ („Der Bayer aus München ist tot“), welches als ein Ende des Wirkens in Europa und den Beginn der Existenz als B.Traven gesehen werden kann.

Die Werke

Das Gesamtkonstrukt Travens bilden Reiseberichte, Erzählungen viele Kurzgeschichten, Gedichte und zwölf Romane. Die Gesamtauflage aller wird bis heute auf über 30 Millionen Exemplare geschätzt.
Sie wurden in mehr als 24 Sprachen übersetzt und sind damit wohl die mit weitverbreitesten literarischen Schriften aus anarchistischer Feder, auch wenn sie auf den ersten Blick nicht allen auffallen mögen.
Seine Romane werden als „klassische proletarische Abenteuerromane“ beschrieben.
Bei den Protagonist*innen handelt es sich fast ausnahmslos um Entrechtete und am Rande der Gesellschaft stehende einfache Leute, die aufbegehren, um aus ihrer ungerechten, ausweglosen Lage zu entfliehen.

Sei es der papierlose „Gales“, der als Staatenloser durch Europa gehetzt wird und von den Realitäten kapitalistischem Profitwahns und Ausbeutung misshandelt wird (Das Totenschiff).
Oder der arbeitslose „Dobbs“, der als Landstreicher und Goldsucher auf ein sorgenfreies Leben in Amerika hofft (Der Schatz der Sierra Madre). Oder den Caoba-Zyklus (verfasst zwischen 1930-1940) der vor und während der mexikanischen Revolution spielt und das Auflehnen indigener Holzarbeitersklaven gegen die Schuldenknechtschaft, Rechtslosigkeit und rassistische Unterdrückung erzählt. In sechs Bänden wird der Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Rassismus geknüpft, welcher erst um die 1980er Jahre in die europäische Literatur- und Sozialwissenschaften einfloss.
Travens Schreibstil schafft eine perfekte Verbindung aus der Erzählung von Abenteuergeschichten und anarchistischer Agitation. So werden Ablehnung gegenüber Nationalismus/Grenzen, Rassismus, Kapitalismus und staatlicher Organisationen schnell deutlich.
In den Werken von Traven sind auch rassistische und diskriminierende Wörter zu finden (z.B. das N-Wort), allerdings sind diese Begrifflichkeiten wohl eher der Zeit geschuldet, in denen sie geschrieben wurden. Traven war der erste Schriftsteller, der nach dem ersten Weltkrieg auf diese Art Staatenlosigkeit thematisierte und Nationalismus und Rassismus kritisierte. Zudem ist es ihm zu verdanken, dass Deutschland und Europa über Ausbeutungsverhältnisse der indigenen Bevölkerung in Mexiko erfuhr. Seine ausgeprägte Globalisierungskritik hat bis heute nicht an Gültigkeit verloren.

Viel Spaß beim Lesen

Die Geschichte um den rätselhaften Autor ist spannend. Dass B.Traven wirklich auch Ret Marut, Berick Traven Torsvan, Hal Croves und eventuell auch Otto Feige war, wird zwar angenommen, doch wohl nie vollständig geklärt werden. Seine Asche wurde nach seinem Tod über dem Dschungel von Chiapas, Mexiko verstreut. Und das ist auch gut so. Zu seinen Lebzeiten hätte jeder Autor reich und berühmt sein können, doch vom Personenkult hielt er nichts. Seine Werke sollten für sich sprechen und das tun sie bis heute. Auf die Frage eines Verlegers, warum er seine Identität nicht preisgebe, schrieb er : „Ich fühle mich als Arbeiter, namenlos, ruhmlos wie jeder Arbeiter.“
Ein Besuch im Antiquariat lohnt sich, um die spannenden Geschichten, die aufklären und wachrütteln, die traurig sind – und doch Hoffnung geben, zu lesen. Sie sind Zeugnisse einer Zeit,

Dieser Artikel ist in der 16. Ausgabe (Januar/Februar/März 2014) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

Creative Commons Lizenzvertrag

Kommentare sind geschlossen.

Über uns
Das Schwarze Kleeblatt ist ein anarchosyndikalistisches Magazin, das Themen und Meinungen von einem sozialrevolutionären Standpunkt aus betrachtet. Es erscheint alle zwei Monate und ist kostenlos als Onlineausgabe und im berliner Raum als Printversion verfügbar. Wir möchten hier nicht nur unsere jeweils aktuelle Ausgabe bzw. deren Artikel online veröffentlichen, sondern auch zur Diskussion stellen. Wenn du Interesse hast, als AutorIn für's Schwarze Kleeblatt aktiv zu werden, Anregungen bzw. Kritik hast oder unsere Zeitung zum Auslegen zugeschickt bekommen willst, dann schreib uns.