Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
Dort, wo die Palmen blühen

Steve und mein Macbook Pro

Ende 2009 habe ich mir mein Macbook Pro gekauft. Ein Freund von mir hatte mich davon überzeugt, dass Apple-Produkte einfach leistungsfähiger und stabiler seien. Außerdem – ich bin ehrlich – gefiel mir das Design: Das matte Aluminium, die schwarze Tastatur mit Beleuchtung, das schlanke Gehäuse. Ob ich mich über Alternativen informiert hatte? Nein. Der Apfel war halt im Trend und ich wollte unbedingt auch mal reinbeißen. Schlappe 1000 Euro Ersparnisse habe ich also dafür hingeblättert.

Außerdem war doch dieser Steve Jobs eigentlich ganz ok. So’n Hippie, der sich mit Cleverness und technischem Geschick hochgearbeitet hatte. Der tat wenigstens nicht so, als sei er mit seinem Geld auf wohltätige Zwecke aus. Nicht wie dieser Bill Gates mit seiner komischen Charity Organisation, mit der er auch noch Gewinne einstreicht.
Außerdem ist bei Apple alles so schön transparent. Wenn man auf die Seite geht, kann man sich mit ein paar Klicks unter der Rubrik „Verantwortung der Zulieferer bei Apple“ (0) über die Haltung des Unternehmens zu den Arbeitstrukturen in anderen Ländern informieren.

„Arbeiter überall haben ein Recht auf sichere und ethisch einwandfreie Arbeitsbedingungen. Und sie sollten Zugang zu Bildungsangeboten haben, um ihr Leben zu verbessern. Durch kontinuierliche Überprüfungen, Verbesserungspläne und Nachweise arbeiten wir eng mit unseren Zulieferern zusammen, um sicherzustellen, dass sie unseren Verhaltenskodex einhalten und diesen Idealen gerecht werden.“ (1)

Wer würde dem nicht zustimmen? Dieser ethische Verhaltenskodex, gepaart mit einem „Engagement für Transparenz“ (2), lässt jede_n Apple-Kund_in aufatmen; in dieser ach so vertrackten Welt mal ’was Richtiges oder wenigstens nichts Falsches getan zu haben.

Steves beruhigende Worte

Etwas stutzig wurde ich dann allerdings schon, als 2010 die Medien plötzlich von Selbstmorden in den Zulieferungsstätten von Apple berichteten. Die richtigen Worte fand unser Steve, die mich und viele andere Apple-Konsument_innen beruhigten: In Shenzhen gäbe es auf dem Fabrikgelände sogar eine große Bibliothek, einen glitzernden Swimming-Pool und prächtige Palmen. Für eine Fabrik sei es dort also „ziemlich nett“ (3). Dem Argument, dass sich Menschen aufgrund zu hoher Arbeitsbelastung in den Tod gestürzt hätten, konnte er so stichhaltig entgegen wirken. Und der Steve, der wird uns schon nicht anlügen.

Umso erstaunlicher war es dann, als ich zufällig davon las, dass in einem anderen Zulieferungswerk von Apple in Taipeh in Indien eine mysteriöse Gas-Explosion stattgefunden hatte und daraufhin 250 Arbeiter_innen ins Krankenhaus eingeliefert wurden (4). Und dann fragte ich mich, wie die Palmen, Apples Plädoyer der Verantwortung, Steve und die Explosion miteinander zusammenhängen.

EMS – „Wir sind alle Gewinner!“

Der Hauptzulieferer Apples ist Foxconn. Foxconn ist ein EMS-Anbieter (Electronic Manufacturing Service); ein taiwanesisches Unternehmen, das 1974 von dem heutigen Milliardär Terry Gou gegründet wurde. EMS ist eine Outsourcing-Methode, bei der die Produktion ausgelagert wird, um Kosten zu senken und sich vornehmlich auf Marketing und die Entwicklung neuer Produkte zu konzentrieren. Apple tut genau dies und lässt seine iPhones und iPads von Foxconn herstellen, um sich ganz auf die Entwicklung neuer Ideen und die Präsentation weiterer Geräte auf großen, medienwirksamen Apple-Veranstaltungen zu konzentrieren. Wer erinnert sich nicht an den Tag, an dem das iPad in die Geschäfte kam? In den USA zelteten Menschenmengen vor den Türen von Elektronikgeschäften, um eines dieser kostbaren Tablets zu ergattern. Und die Tagesschau widmete allabendlich um die zwei Minuten den Apple-Veranstaltungen, bis die Sprecherin mit einem breiten Grinsen im Gesicht zum Wetter überleitete.

Doch der neoklassische Ökonom (5) verspricht mit dieser globalen Produktionsmethode nicht nur Apple und seinen Kund_innen Vorteile, sondern ihm zufolge liegt hier eine win-win-Situation vor: Apple und andere Elektronik-Unternehmen wie HP und Nokia hätten einen Vorteil bei Auslagerung der Produktion, weil in Ländern im Globalen Süden niedrigere Löhne ausgezahlt werden, wodurch die Kosten in der Herstellung minimiert werden können. Die Länder des Globalen Südens, indem die EMS-Anbieter produzieren, haben drei Vorteile: Erstens den Gewinn von Kapital über Unternehmenssteuern , zweitens eine Stärkung der inländischen Unternehmen über ausländische Investitionen und drittens eine höhere Beschäftigungsrate.
Der Ursprung dieser Arbeitsteilung findet sich in der frühen Phase der Globalisierung Anfang der 1980er, in der viele asiatische Länder ihre protektionistische und importorientierte Wirtschaftspolitik aufgaben und ihre Märkte für ausländische Unternehmen öffneten. Dadurch wurden diese Länder abhängig vom Export dieser neuen, von privaten Unternehmen angefertigten Güter und von ausländischen Direktinvestitionen (engl. Foreign Direct Investment, kurz FDI), dem Import von Kapital (6).

In China z.B. stieg die Privatwirtschaft durch die Öffnung des Landes enorm an. Der Staat zog sich von seiner Aufgabe der Allokation von Arbeitskräften immer stärker aus dem Markt zurück, wodurch sich ein dezentralisierter Arbeitsmarkt herausbildete. Die westlichen Unternehmen wurden durch das EMS zu einer Art globaler Fabrik innerhalb einer globalen Angebotskette („Global Supply Chain“). In dieser Kette wurde arbeitsintensive und umweltschädigende Produktion in die Länder des Globalen Südens outgesourct, während die Kontrolle über Produktion und Profit in den Händen der westlichen Unternehmen blieb, die sich ganz auf das Marketing, die Innovation und technikintensive Produktion spezialisierte. Die damit angekurbelte Urbanisierung machte vielerorts aus Bauern und Bäuerinnen verarmte und ausgebeutete Arbeitsmigrant_innen. Foxconn, wie auch viele andere EMS-Anbieter, rekrutiert seine Arbeiter_innenschaft vor allem aus diesen sogenannten Wanderarbeiter_innen.

Militarismus am Arbeitsplatz

Die Foxconn-Fabrik in Shenzhen in China ist so groß, dass man von Süd nach Nord und von West nach Ost jeweils eine halbe Stunde laufen muss. An den Wänden in den Arbeitshallen hängen Poster und Zitate von Terry Gou, die die Arbeiter_innen anheizen und ihre Leistungsfähigkeit steigen sollen. In einem internen Handbuch von Foxconn heißt es:

„Hurry toward your finest dreams, pursue a magnificent life. At Foxconn, you can expand your knowledge and accumulate experience. Your dreams extend from here until tomorrow.“ (7)

Alles ist gut geordnet. An langen Tischen stehen die Arbeiter_innen und führen mit mechanischen Handbewegungen ihre Arbeit aus. Es muss schnell gehen. Vorarbeiter_innen schreiten unentwegt durch den Raum, beobachten die Arbeitenden und stoppen ab und an die Sekunden, die sie für einen Handgriff benötigen. Bei Langsamkeit oder Ungehorsam kann es dazu kommen, das der/die Einzelne oder die gesamte Belegschaft der Halle sich eine Predigt anhören oder Überstunden machen muss. Es ist kein Einzelfall, dass einzelne Personen öffentlich vor den anderen gedemütigt werden.

Eine Arbeitshalle wirkt wie ein Panoptikum. Jeder Schritt kann beobachtet werden. Der Arbeitsplatz ist von überall sichtbar. Die Arbeiter_innen tragen meist feuerfeste Schutzkleidung und eine Kopfbedeckung, in manchen Hallen auch einen Mundschutz. Es herrscht Redeverbot, das nur in dringenden Fällen gebrochen werden darf. Wer auf die Toilette möchte, muss den zuständigen Lagerkommandanten um Erlaubnis bitten. Gearbeitet wird rund um die Uhr, Tag und Nacht. Die Arbeiter_innen haben nachts eine Pause, für Tee und kleine Snacks. Doch oftmals liegt die Kantine fast einen Kilometer weit von der jeweiligen Halle entfernt. Viel Zeit zum Ruhen bleibt da nicht mehr (8).

Die per Gesetz festgelegten Arbeitszeiten und Überstunden werden bei Foxconn bis heute nicht eingehalten. Zwar wurde die Zahl von durchschnittlich 80 Überstunden im Monat gesenkt, aber weiterhin arbeiten die Menschen mehr als ihnen gesetzlich gestattet ist. Meistens sind sie wegen des Geldes dankbar für eine zusätzliche Schicht. Allerdings bekommen sie oft über die gesetzlich geregelte Überstundenzahl – die in China bei 36 Stunden monatlich liegt – keinen weiteren Lohn ausgezahlt. Über 40 Stunden unbezahlter Arbeit kann das für eine_n Arbeiter_in im Monat bedeuten. Terry Gou meint dazu, dass das natürlich ärgerlich sei, aber die Auftragslast nun mal nicht anders gestemmt werden könne. Im Klartext heißt das: Die iPads müssen gebaut werden. Koste es (die Arbeiter_innen), was es wolle (9).

Eine weitere, billigere und substituierbare Arbeitskraft stellen bei Foxconn – neben den Wanderarbeiter_innen – Praktikant_innen und Studierende dar (10). Zwar darf in China erst ab dem 16. Lebensjahr gearbeitet werden, doch immer wieder werden 14-Jährige in Fabriken entdeckt, die unentgeltlich oder für einen sehr geringen Lohn arbeiten (11). Die Studierenden kommen meistens aus Universitäten, in denen sie einen dualen Studiengang belegen, wozu in dem „praktischen Teil“ des Studiums die Arbeit in einer Fabrik gehört. Foxconn schloss Verträge mit der Universität Xian ab, die festlegen, dass die dortigen Studierenden für eine bestimmte Zeit in einer seiner Fabriken arbeiten müssen – unter noch schlechteren Bedingungen als die normale Belegschaft.

Selbstmorde

Im Jahr 2010 stürzten sich 18 Menschen aus den Gebäuden Foxconns in Shenzhen, 14 von ihnen fanden ihren Tod (12). Die Opfer sind fast alle männlich und Ende der 1980er Jahre oder in den 1990er Jahren geboren. Sie sind die Kinder der ersten Generation von Wanderarbeiter_innen, die meist bei nahen Angehörigen aufwuchsen, da die Eltern permanent arbeiten mussten. Ihr Traum von einer besseren Zukunft in der Stadt führte sie zu Foxconn, wo den meisten am ersten Arbeitstag erzählt wird, dass auch sie es schaffen könnten aufzusteigen.

Während Arbeiter_innen und Organisationen die Arbeitsbedingungen bei Foxconn als Gründe für die Selbstmorde heranziehen, wehrt sich Terry Gou vehement gegen diese Behauptung. (13) Wenn jemand psychisch nicht belastbar sei oder schon vorher seine Probleme gehabt habe, könne Foxconn nicht im Nachhinein für dessen Tod zur Rechenschaft gezogen werden, so seine Argumentation. Nach öffentlichem Druck musste sich jedoch Terry Gou insoweit beugen, als dass er einzelnen Familien eine Entschädigung zahlte.

Die Selbstmorde sind jedoch nicht nur ein Zeichen von menschenverachtenden Arbeitsbedingungen bei Foxconn, sondern drücken vielmehr die Ohnmacht der Arbeiter_innen aus, sich gegen die ihnen widerfahrende Unmenschlichkeit wehren zu können. Wie kann es also sein, dass Selbstmord und nicht die organisierte Arbeitsverweigerung als einzige Lösung angesehen wird?

Widerstand soll unterdrückt werden

Aufgrund verschiedener Faktoren schaffte es Foxconn relativ lang, dass sich dessen Arbeiterschaft nicht gegen ihre Arbeitsbedingungen zur Wehr setzte.
Die ständig wechselnden Tag- und Nachtschichten führen dazu, dass in den Gebäuden von Foxconn, in denen die Arbeiter_innen einquartiert sind, wenige Kontakte geknüpft werden können. Die Menschen leben zu sechst oder zu acht in einem Zimmer neben- anstatt miteinander. Hinzu kommt, dass die meisten Wanderarbeiter_innen sind und daher mit ihren weit entfernten Verwandten nur über Handy oder Skype kommunizieren können. Von jeglichen sozialen Beziehungen entbunden, leben die meisten Arbeiter_innen daher isoliert und für sich (14).

Vor allem aufgrund ihrer sozialen und finanziellen Lage besteht für viele Arbeiter_innen eine Notwendigkeit zu arbeiten und Geld zu verdienen. In China steigt das Bruttoinlandsprodukt zwar stetig an, doch die große Masse der Verarmten profitiert daran nicht. Gerade die Wanderarbeiter_innen sind die Verlierer_innen dieses Wachstums. Losgelöst von den ländlichen Strukturen müssen sie miserable Angebote für ungelernte Arbeit annehmen, um sich wenigstens ihre Subsistenz sichern zu können. Diese Notwendigkeit, fast jeden Job annehmen zu müssen, ermöglicht es westlichen Unternehmen wie Apple, ihre “Kosten zu minimieren” und EMS-Anbietern wie Foxconn mit Dumping-Löhnen hohe Gewinne einzustreichen.

Streiks – Widerstand kann nicht unterdrückt werden

Nach den Suizidwellen in Shenzhen und der Giftgas-Explosion in Taipeh formierten sich die Arbeiter_innen zum ersten Mal, um gemeinsam ihren Unmut gegenüber Foxconn und deren Unternehmensführung zum Ausdruck zu bringen. In Shenzhen gingen Arbeiter_innen Ende Mai 2010 auf die Straße, woraufhin Foxconn nach nur wenigen Tagen die Löhne um 30 % erhöhte. Die Streiks verebbten daraufhin sehr schnell, gingen jedoch vorher noch auf Betriebe von Honda und anderen großen Unternehmen über, was eine Streikwelle an der gesamten chinesischen Ostküste in Gang brachte (15).
In Taipeh gingen Mitte August 2010 Arbeiter_innen auf die Straße, die vor allem höhere Löhne forderten und von denen ein paar Foxconn für den Unfall im Werk verantwortlich machten (16). Ohne großen Erfolgt folgte Ende September ein zweiter Streik, in dem direkte Lohnverhandlungen von Foxconn mit unabhängigen Gewerkschaften gefordert wurden. Foxconn entließ daraufhin mehr als 20 Arbeiter_innen. Der Streik dauerte 62 Tage an, in dem nun auch gefordert wurde, die entlassenen Arbeiter_innen wieder einzustellen. Die Repression, der sich die Streikenden gegenüber sahen, war gewaltig: Neben Polizeigewalt und Verhaftungen, wurde versucht, die Familien der Streikenden direkt zu beeinflussen, damit sie sich für die Rückkehr ihrer Angehörigen an ihren Arbeitsplatz einsetzten.

Nach den Unruhen von 2010 gab es Mitte August 2012 wieder Streiks in einigen Werken und eine Massenschlägerei in einem Wohnheim zwischen Arbeiter_innen untereinander, die über 10 Stunden dauerte und mehr als 40 Verletzte kostete. Sowohl der Schlägerei als auch den Streiks wurde auch hier wieder mit harter Hand begegnet.
Zeitgleich zu den Streiks entstand ein großer öffentlicher Druck durch die Forderung einzelner Organisationen und Medien, dass Foxconn endlich seine Arbeitsbedingungen verbessern müsse. Beide Faktoren, Streiks und öffentlicher Druck, spielten wohl eine erhebliche Rolle darin, dass sich Foxconn entschloss, die Löhne anzuheben und die Zahl der Überstunden durch weitere Einstellungen zu verringern.

Damit einher gingen jedoch der Anstieg der Zahl von Studierenden und Praktikant_innen in den Werken sowie höhere Leistungsanforderungen. Wie schon Marx analysierte, sind Unternehmer_innen aufgrund des Ziels der Profitmaximierung „gezwungen“, wenn die Arbeitszeit verkürzt wird, die Arbeit selbst produktiver zu gestalten. Arbeiter_innen beklagen, dass die von ihnen geforderten Produktionszahlen, für die selbe verrichtete Arbeitszeit, in den letzten zwei Jahren stark angestiegen seien. Während das Unternehmen also die Löhne anhob, erhöhte es auch die Anforderung nach mehr Effizienz. Das bedeutet im Klartext: Wenn ein Handgriff vorher in 3 Sekunden erledigt wurde, muss er jetzt in 2 ½ Sekunden getan werden (17).

Terry Gou – der Zoodirektor

Doch Terry Gou denkt von sich, kein Unmensch sein zu wollen.
Er sprach einmal davon, dass er sich als ein Zoodirektor fühle und es ihm schwer falle, alle seine Tiere gleichzeitig zu bändigen (18). So ist es auch nicht verwunderlich, wenn er zum “Bändigen” eine massive Polizeipräsenz forderte, die mit Schlagstöcken und Pfefferspray gegen Streikende vorging. Doch die Selbstmorde sind letztlich Terry Gous Hauptproblem. Er sprach einmal davon, dass er nicht mehr ruhig schlafen könne, in der Angst, dass jeden Moment das Telefon klingeln und ein weiterer Selbstmord gemeldet werden könne. Er sei kein grausamer Mensch, wie ihn manche Medien beschreiben und um das zu zeigen überlegte er sich ein paar Dinge, um den Arbeiter_innen zu „helfen“ (19):
In bestechend einfacher Logik dachte er sich, „wenn ich die Menschen auch nicht am Springen hindern kann, dann doch wenigstens am Aufkommen“ und ließ überall auf dem Werksgelände Auffangnetze spannen. Die Fenster der Wohnheime wurden vergittert. Zudem richtete er eine Beratungs-Hotline ein, an die sich Arbeiter_innen jederzeit mit ihren Problemen wenden können. Damit er aber auch über ihre Probleme Bescheid weiß, vor allem bezüglich des Unternehmens, werden die Kritik und die Namen der Personen an ihn weitergeleitet (20).

Da er weiterhin der Meinung ist, dass nicht Foxconn, sondern individuelle psychische Probleme die Ursache der Suizide seien, verlangte er für eine kurze Zeit – bis der öffentliche Aufschrei zu groß wurde – dass die Arbeiter_innen mit ihrem Arbeitsvertrag auch eine „Nicht-Selbstmord-Erklärung“ (21) unterschreiben, in dem sie bestätigen sollten, dass nicht das Unternehmen für ihren etwaigen Tod zur Rechenschaft gezogen werden könne.

Auch Gewerkschaften sollten stärkeren Einfluss im Unternehmen bekommen. Terry Gou wird sich freuen, dass knapp 90 % seiner Arbeiter_innen in der Gewerkschaft sind. Das sieht auf den ersten Blick wirklich vielversprechend aus. So berichtet auch die FLA (Fair Labor Association) – beauftragt von Apple, die Arbeitsbedingungen in dessen Produktionsstätten zu analysieren –, dass 98% aller Mängel behoben worden wären (22). Allerdings hat das Ganze einen Haken. Es handelt sich hierbei weitestgehend nicht um unabhängige, sondern um eine vom Vorstand des Unternehmens geleitete Gewerkschaft. Nach den Selbstmorden äußerten sich die Vertreter_innen der Gewerkschaft daher sehr abwertend über derlei Art von Protest, die doch für beide Seiten keine Lösung darstellen würde. Doch auch der Handlungsspielraum unabhängigerer Gewerkschaftsfunktionäre ist begrenzt: In vielen Betriebsstätten Foxconns werden deren Löhne meist ganz oder zu großen Teilen von den Unternehmen selbst getragen. Dadurch entsteht eine finanzielle Abhängigkeit des Gewerkschaftsvorsitzenden von dem Unternehmen, die ihn in seinen Entscheidungen stark beeinflusst (23).

Reformen sind eine Farce

Bei all’ diesen Problemen, so wird uns der neoklassische Ökonom erzählen, müssten wir aber auch die Vorteile der Globalisierung betrachten. Westliche Unternehmen würden durch das globale Outsourcen in ärmere Länder doch Arbeitsplätze schaffen.
Durch einen ökonomisch etwas versierteren Blick können wir diese Behauptung schnell widerlegen.

Die meisten ausländischen Direktinvestitionen in den Ländern des Globalen Südens sind sogenannte brownfield investments (24). Hierbei handelt es sich um Investitionen in die Produktion neuer Artikel in bereits bestehenden Fabriken. So wird durch die Produktion von iPhones nicht ein neues Werk eröffnet, sondern im Austausch für dieses ein anderes geschlossen, dessen Produkte keinen Absatzmarkt in westlichen Ländern mehr finden. Diese “brownfield investments” werden durch Fusionen oder Übernahmen getätigt. Durch die Öffnung der Märkte vieler Länder wurden durch diese Art der Investition viele staatliche Unternehmen privatisiert. Das Phänomen erklärt, warum in den meisten Ländern des Globalen Südens die Arbeitslosigkeit durch die Globalisierung eben nicht gesunken ist und der neoklassische Ökonom in seiner Behauptung einfach Unrecht hat. So wurden z.B. manche Berufe innerhalb der Landwirtschaft nicht als Arbeit gezählt, durch die Urbanisierung gingen sie nun jedoch in die Statistik ein. Falls der neoklassische Ökonom jetzt mit Zahlen kommt, können wir ihm sagen, dass auch hier kein Anstieg der Arbeit vorliegt, sondern nur eine Umstrukturierung der Arbeit von landwirtschaftlicher hin zu industrieller Arbeit, die erst dann als Arbeit in die Statistik einging.

Es handelt es sich bei Gous Lösungen also nicht einfach nur um schlechte Reformen. Es wird vielmehr deutlich, dass Reformen gerade nicht den Kern des Problems – diese Art von hierarchischer Arbeitsteilung und die Ausbeutung von vielen Arbeiter_innen – bekämpfen können!

Einer der Hauptfaktoren für weitreichende Veränderung muss daher ein kollektiver Widerstand gegen diese Form von Produktion innerhalb einer globalen Angebotskette sein. Das Problem bei den globalisierten Angebotsketten ist jedoch, dass plötzlich Arbeiter_innen aus dem Westen und dem Süden in direkter Konkurrenz um Arbeitsplätze miteinander stehen. Sie booten sich so gegenseitig aus und das Unternehmen sucht sich den billigsten Standort aus. Genau gegen diese Art von Logik muss vorgegangen werden, um nachhaltige Veränderungen erzielen zu können. Allerdings können sich Arbeiter_innen schon innerhalb eines Landes schwer vernetzen, dies über die Ländergrenzen hinweg zu schaffen, scheint daher eine Goliath-Aufgabe zu sein. Eine andere Lösung sehe ich jedoch nicht. (Wer nun auf die Möglichkeit verweist, den Konsum solcher Produkte zu verweigern und so durch ethisch motivierte Nachfrage gelenkt den Markt zu „humanisieren“, den verweise ich auf den Artikel … auf Seite…)

In Zukunft…

… will Foxconn expandieren, wie Terry Gou meint. Afrika sei sein nächstes Ziel, weil dort die Löhne so niedrig seien(25).

… wendet sich Apple durch die Lohnerhöhungen bei Foxconn für seine Produktion des neuen Billig-iPhones 5C von seinem bisherigen Fertigungsbetrieb ab und lässt noch billiger beim direkten taiwanesischen Konkurrenten Pegatron – unter zum Teil noch schlimmeren Arbeitsbedingungen – produzieren (26).

Und Steve? Was er wohl zu all dem gesagt hätte? Man hätte ihm einfach nur wieder einen Swimming-Pool und vielleicht einen illy-Kaffee-Automaten auf dem Fabrik-Gelände zeigen müssen, dann hätte er gesagt „ziemlich nett“ und die meisten Apple-Kund_innen wären wieder beruhigt gewesen.

Dieser Artikel ist in der 16. Ausgabe (Januar/Februar/März 2014) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

Creative Commons Lizenzvertrag

Fußnoten:

(0) http://www.apple.com/de/supplierresponsibility/
(1) Ebd.
(2) http://www.apple.com/de/supplierresponsibility/reports.html
(3) http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/selbstmordserie-apple-chef-nimmt-foxconn-in-schutz-a-698214.html
(4) http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/iphone-hersteller-250-indische-arbeiter-muessen-ins-krankenhaus-a-708727.html
(5) Der Begriff „neoklassischer Ökonom“ soll hier alle umfassen, die im mainstream-VWL-Becken schwimmen und anhand simplifizierter Modelle mehr als fragwürdige Aussagen über Wirtschaft und Politik treffen. Da diese Disziplin weiterhin von einer überwältigenden Mehrheit an Männern dominiert wird, habe ich hier die generisch maskuline Form gewählt.
(6) Breaking the shackles of exploitation by Global Supply Chains. Asian Labour Update. January – March 2011.
(7) https://netzpolitik.org/2013/arbeitsbedingungen-in-china-good-very-good-very-very-good/
(8) http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/apple-lieferant-foxconn-hier-herrschen-befehl-und-gehorsam-a-760931.html
(9) http://www.taz.de/!94392/
(10) http://www.taz.de/!125337/
(11) http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/apple-zulieferer-foxconn-hat-14-jaehrige-arbeiter-beschaeftigt-11928663.html
(12) http://en.wikipedia.org/wiki/Foxconn_suicides
(13) http://www.chinalaborwatch.org/news/new-453.html
(14) Jenny chan – A suicide survivor: the life of a Chinese worker http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/ntwe.12007/abstracthttp://www.gongchao.org/de/aufbruch-buch/streikwelle
(15) http://www.gongchao.org/de/aufbruch-buch/streikwelle
(16) Breaking the shackles of exploitation by Global Supply Chains. Asian Labour Update. January – March 2011.
(17) Jenny chan – A suicide survivor: the life of a Chinese worker http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/ntwe.12007/abstracthttp://www.globalpost.com/dispatch/news/regions/asia-pacific/china/120119/business-insider-china-foxconn-ceo-managing-animals
(18) http://www.globalpost.com/dispatch/news/regions/asia-pacific/china/120119/business-insider-china-foxconn-ceo-managing-animals
(19) http://jungle-world.com/artikel/2010/22/41057.html
(20) http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/apple-lieferant-foxconn-hier-herrschen-befehl-und-gehorsam-a-760931.html
(21) http://www.wiwo.de/unternehmen/apple-lieferant-foxconn-mitarbeiter-duerfen-keinen-selbstmord-mehr-begehen/4637842.html
(22) http://www.zdnet.de/88155404/arbeitsbedingungen-fair-labor-association-meldet-verbesserungen-bei-foxconn/
(23) Finding the Devil in the Detail: Crisis Management and Organizational Development of Foxconn in China. Jou-juo, CHU. 2013. und Breaking the shackles of exploitation by Global Supply Chains. Asian Labour Update. January – March 2011.
(24) Breaking the shackles of exploitation by Global Supply Chains. Asian Labour Update. January – March 2011.
(25) http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/foxconn-gruender-terry-gou-visionaer-mit-schlechtem-ruf-1.1478790-2
(26) http://www.focus.de/finanzen/news/unternehmen/schlimmer-als-foxconn-bericht-schwere-missstaende-bei-apple-zulieferer-pegatron_aid_1056413.html

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