Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
Ethischer Konsum

Warum wohltätiger Konsum zwar wohltut, aber nicht immer Wohl tut

Wegen der neuen Adidas-Sneaker kritisch beäugt oder wegen der Coca Cola auf dem Plenum in Rechtfertigungszwang gebracht – gerade in der Linken scheiden sich in Bezug auf das Thema Konsum und Konsumkritik die Geister. Im Folgenden werden Argumente gegen sogenannten ethischen Konsum und für Boykotts in Solidarität mit Arbeitskämpfen beleuchtet.

Konsumboykotts in historischer Perspektive

Bezüglich der verschiedenen Formen von Konsumaktionen, müssen zwei Konzepte voneinander getrennt werden. Das Konzept des „ethischen Konsums“ beruht auf dem Wohlwollen einer Konsumethik, während sich bei „Solidaritätsboykotts“ Konsument_innen ihre Macht zum Nutzen und zur Waffe machen, als eine Art wirtschaftlichen Knüppel gegen Staat oder Kapital.

Es gibt eine reiche Tradition von Verbraucherboykotts innerhalb sozialer Bewegungen. Gandhis Gebrauch von Boykotts etwa war darauf ausgerichtet, den Konsument_innenkreis des Britischen Empire im Globalen Süden austrocknen zu lassen. Die Montgomery Bus Boycotts gegen segregierte Busse wurden von Schwarzen Anwohner_innen geführt, die 75% der Montgomery Busnutzer_innen darstellten. Ihre Verweigerung, mit den segregierten Bussen zu fahren, legte so das Transportsystem lahm. In diesen Fällen waren es die unterdrückten und marginalisierten Gruppen selbst, die Konsumboykotts als Ausdruck ihres Protests nutzten.

Aber selbst wenn Arbeiter_innen nicht die Konsument_innenbasis der Produkte, die sie produzierten, darstellten, so hatten sie (jedenfalls bevor Produktionskapital in den Globalen Süden abwanderte) zumindest Zugang zu den Orten des Konsums. US-amerikanische Textilarbeiterinnen der International Lady Garments Workers Union, einst eine der größten Gewerkschaften der USA, demonstrierten im frühen 20. Jahrhundert an nicht-gewerkschaftlich organisierten Einzelhandelsstandorten, während sie zeitgleich Produktionsstätten bestreikten. Eine solche zweigleisige Strategie wurde auch von den United Farm Workers gebraucht, die es mit ihrem berühmten Delano Grape Streik und sekundären Boykotts in den 1960er Jahren erreichten, dass sich 14 Millionen Amerikaner_innen weigerten, Weintrauben der Produzierenden zu kaufen. Der Protest mündete in einem historischen Abkommen, welches die Züchter_innen mit den Arbeiter_innen unterschrieben.

In all diesen Beispielen hatten Unterdrückte und Ausgebeutete zumindest teilweise Zugang zu den Konsummärkten, die Arbeits- und anti-imperiale Kämpfe verdrängten. Stets waren sie selbst die Akteure ihrer eigenen Befreiungsbewegungen. Aber auch internationale Solidarboykotts, bei denen die Produzierenden oft keinen Zugang zu den Märkten der von ihnen produzierten Güter haben, können erfolgreich sein. Ein wichtiges Beispiel ist die Anti-Apartheid-Bewegung: Der militante African National Congress (ANC) bat internationale Verbündete, Produkte aus Südafrika zu boykottieren, wodurch Südafrika innerhalb kürzester Zeit zum Pariastaat wurde. Eine ähnliche Strategie wird auch vom palästinensischen Aufruf nach Boycott, Divestment and Sanctions (BDS) gebraucht. Der internationale Boykott von südafrikanischen oder israelischen Produkten fand in beiden Fällen aufgrund einer ausdrücklichen Forderung und in Solidarität mit der jeweils unterdrückten Gruppe statt.

„Es kann die Befreiung der Arbeiterklasse…“

Hierin liegt der entscheidende Unterschied zwischen „ethischem Konsum“ und „Solidaritätsboykotts“: Der ethische Konsum ist in seinem grundlegenden Ansatz paternalistisch, Solidaritätsboykotts sind es nicht. Ethischer Konsum moralisiert das Verhalten der Konsumierenden und spricht ihnen das Privileg zu, handelnde Akteure der Veränderung und Befreiung anderer Menschen zu sein. Arbeitsrechte können sich die betroffenen Arbeiter_innen nicht selbst erkämpfen (mit der Unterstützung von anderen), sondern wohltätige Konsumierende können sie ihnen verleihen. Das Denken in globalen Hierarchien ist davon kaum zu lösen: Es sind die reichen, aufgeklärten Menschen im Globalen Norden, die durch ihre Kaufentscheidung die Arbeiter_innen im Globalen Süden befreien. Der ethische Konsum passt damit perfekt in die Logik eines Kapitalismus, der auf Unterdrückung und globalen Machtstrukturen beruht. Der Solidaritätsboykott hingegen ist nicht bevormundend. Er bezieht sich direkt auf existierende Arbeitskämpfe und reagiert am Ort des Konsums auf die Forderungen der Ausgebeuteten am Ort der Produktion. Die Arbeiter_innen sind hier die Protagonist_innen ihrer eigenen Befreiung.

Aufgrund dieser prinzipiellen Unterschiede haben ethischer Konsum und Solidaritätsboykotts auch unterschiedliche Wirkung. Ein neben der Kaufverweigerung entscheidender Bestandteil von Solidaritätsboykotts ist die öffentliche Kritik bestimmter Bedingungen, der Protest gegen diese und damit einhergehend oft die Forderung nach spezifischen Veränderungen. Die politischen Gründe für eine Konsumverweigerung werden hier also artikuliert – anders als im „ethischen Konsum“-Modell, bei dem die individuelle Kaufhaltung eine lifestyle-Entscheidung darstellt, die politische Begründung für diese aber nicht an die Öffentlichkeit (geschweige denn an die Unternehmen und Arbeiter_innen) getragen wird. Ethischer Konsum kann zwar bei einigen Konzernen zu geringfügigen Absatzeinbußen führen, aber er wird keine signifikanten Veränderungen herbeiführen, solange sich ethische Konsument_innen nicht öffentlich positionieren, mit den Betroffenen solidarisieren und spezifische Forderungen aufstellen bzw. die der Betroffenen unterstützen. Ohne diese entscheidenden Bestandteile eines Boykotts, bleibt ethischer Konsum fundamental unpolitisch und möglicherweise folgenlos.

Ethischer Konsum als moralische Selbstbefriedigung

Sinn und Zweck von ethischem Konsum ist allerdings oftmals gar nicht die konkrete Veränderung von Arbeitsbedingungen und die Abschaffung von Ausbeutung. Stattdessen ist das moralisch überlegene Konsumverhalten vielerorts zu einem Ventil für Selbstgefälligkeit und Selbstzufriedenheit geworden. In vielen politischen Szenen fungiert ethischer Konsum als Identifizierungszeichen und Indikator für die Glaub- und Ehrenhaftigkeit einer Person. Zunehmend geht damit ein perverser Reinheitskult einher: Das Ziel ist es, das eigene Gewissen und den eigenen lifestyle rein – d.h. frei von „schlechtem Konsum“ – zu halten. Sich nicht die Hände schmutzig zu machen, in einer schlechten Welt unschuldig zu bleiben.

Eine solche Herangehensweise ist nicht nur fundamental egozentrisch, sie ist auch naiv. Sie geht davon aus, dass eine Unschuld (das richtige Leben im Falschen) möglich und darüber hinaus auch noch von Relevanz sei. In einer so von Unterdrückung und Ausbeutung durchdrungenen Welt ist es aber kaum möglich, von diesen Machtverhältnissen unberührt zu bleiben. Der Versuch sich von ihnen völlig los zu machen, birgt auch Gefahren. Die eigene moralische Position wird oft überhöht; viele begnügen sich mit ihr und sehen von weiterem Aktivismus ab. Außerdem werden Ziele, Strategien und Erfolge des ethischen Konsums kaum mehr diskutiert. Wenn ich nicht bei Nike oder H&M einkaufe, verbessern sich dadurch die Arbeitsbedingungen von Arbeiter_innen im Globalen Süden – oder verlieren sie dadurch kurzfristig ihren Arbeitsplatz? Was ist, wenn wir bekannte Persönlichkeiten, Politiker_innen oder öffentliche Institutionen dazu bringen können, nicht bei amazon zu bestellen – wird amazon dann gezwungen sein, auf unsere Forderungen zu reagieren?

Anders als ethischer Konsum, der die Handlungsmacht der Konsumierenden privilegiert, keinen Bezug zu Arbeiter*innen oder ihren Forderungen hat und lediglich der Selbstzufriedenheit von Pseudo-Aktivist_innen dient, können Solidaritätsboykotts politische Veränderungen herbeiführen. Es ist Zeit, dass auch hierzulande Konsumierende weniger Zeit damit verschwenden, im Supermarkt das ethischste Produkt zu finden – und stattdessen mehr Zeit darauf verwenden eine Welt zu bauen, in der Produkte, die auf der Unterdrückung von Menschen beruhen, gar nicht mehr in unseren Supermärkten landen.

Dieser Artikel ist in der 16. Ausgabe (Januar/Februar/März 2014) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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