Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
Über das agentenbasierte Konsumverhalten humanoider Roboter

Ein unvollständiges Gedankenexperiment

Einkäufe sind lästig, das weiß jedes Kind. Aber stellen wir uns mal vor, wir würden einen Androiden darauf programmieren, nicht nur für uns den Einkauf zu erledigen, sondern sich dabei auch noch als Schnäppchenjäger anzustellen. Vermutlich müssten wir einige der folgenden Handlungsschritte als Algorithmen in seine Schaltkreise implementieren: 1. Kaufauftrag bestätigen. 2. Produkttests und Preisvergleiche einlesen. 3. Anzeigen und Annoncen sondieren. 4. Anfragen senden, Angebote einholen. 5. Preise relativ zur Qualität kalkulieren 6. Produkt auswählen 7. Verhandlungsgeschick zeigen. 8. Kaufen/Bestellen 9. Ggf. Quittung, Kontoauszug und Wechselgeld kontrollieren. 10. Produktqualität prüfen. 11. Makel reklamieren. 12. Sich beschweren und Preisreduzierung verlangen. Und so weiter und sofort! Wir selbst müssten dann nur noch unsere Einkaufsliste eingeben, Start drücken und uns zurücklehnen.

Unser Androide, hingegen, hätte womöglich schon allein mit diesen Aktionen den ganzen Tag zu tun. Doch die Arbeit und das geschäftige Misstrauen des Androiden würden sich für uns vielleicht auch bezahlt machen. Was wäre aber, wenn uns das nicht reichen würde und wir unseren Androiden zu einem umsichtigen, ernährungs- und gesundheitsbewussten Käufer erziehen wollten, der bei Konsumartikeln beispielsweise auf Schadstoffe, Kindersicherheit und ästhetische Schönheit achtet. Zweifelsohne würde unserem Androiden ganz schön der Rechner brummen, um all unsere Kriterien auf einen Nenner zu bringen. Dafür bräuchten wir schon einen dieser Hochleistungsandroiden. Schließlich dürfte er sich nicht von Verkaufsstrategien, Verpackungstäuschungen und Mangelware täuschen lassen, um uns auch die gewünschte Qualität zu liefern. Nun gut, für unseren eifrigen Androiden soll auch das kein Problem sein. Wir sparen keine Kosten und rüsten ihn entsprechend auf.

Doch es hilft nichts, unser Androide enttäuscht uns noch immer. Skrupellos hat er zum widerholten Male Turnschuhe aus Kinderarbeit geliefert und zwar einfach mit der Begründung, dass diese ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis hätten. Wir sind empört! Daher entschließen wir uns, unserem Androiden mal ein Gewissen einzubläuen und ihm eine empathiefähige Platine reinzuschrauben. Ab sofort soll dieser Androide unseren Konsum auch anhand ethischer Gesichtspunkte regulieren. Unser Einkauf soll ökologischen und sozialen Kriterien genügen. Fair sollen die Produkte gehandelt sein und gute Lebens- und Arbeitsstandards der produzierenden Arbeiter*Innen gewährleisten. Tiere sollen weder zu Schaden gekommen sein, noch kommen sie uns in die Tüte. Fortan wollen wir ausschließlich Produkte aus einem nachhaltigen, klimafreundlichen, ressourcensparenden Wirtschaftskreislauf und bitte nicht von dubiosen Großkonzernen.

Puh! Gut, dass wir unseren Androiden haben. Das klingt wirklich nach einer Menge Arbeit. Eine Herkulesaufgabe: all unsere Vorsätze zu beachten und dabei das Portemonnaie nicht überzustrapazieren. Ein guter, ein ethischer Konsum scheint wirklich viele Parameter beachten zu müssen. Welcher Androide soll das denn leisten können? Gute Frage, doch unser kleines Gedankenexperiment ist nicht in jeder Hinsicht Science Fiction. Viele Menschen investieren schon heute eine Unmenge Zeit und Kraft in ein bewusstes Kaufverhalten. Dabei können ethische Aspekte selbstverständlich nicht immer Priorität haben – zu einem gewissen Grad sind sie von der Geldbörse diktiert. Verbunden ist diese Form von Konsumverhalten allerdings mit einem neuen Selbstbewusstsein der Konsumenten, die sich nicht mehr nur als Verbraucher*Innen, sondern als politische Akteure verstehen und auf einem globalen Weltmarkt für Gerechtigkeit sorgen oder zumindest keine Schuld an der Misere tragen wollen. Doch spinnen wir unser Szenario mal zu Ende: Wie sähe eigentlich eine Welt aus, in der alle Menschen ihren Konsum mittels humanistischer Androiden bewerkstelligen oder einfach selbst wie diese agieren würden? Wäre damit schon unsere Utopie einer herrschaftsfreien, gerechten Gesellschaft erreicht oder zumindest die ökonomische Kluft zwischen Globalen Süden und Globalen Norden eingeebnet?

In dieser Ausgabe des Schwarzen Kleeblatts geht es eigentlich um Arbeit und Arbeiter*innen im Globalen Süden. Ethischer Konsum spielt dabei jedoch eine wichtige Rolle. Ebenso wie ein Androide nicht unser Gewissen und unsere Urteilskraft zu ersetzen vermag, kann das an bestimmten Richtlinien orientierte Kaufverhalten allein nicht die Arbeitsbedingungen der Produzierenden verbessern. Das argumentiert zumindest der Standpunkt auf Seite X, der dem ethischen Konsum den Solidaritätsboykott gegenüber stellt. Eine allgemeine Einführung zum Thema Arbeit im Globalen Süden erhaltet ihr Auf Seite Y. Außerdem erfahrt ihr in dieser Ausgabe von den Machenschaften der Unternehmen Adidas (S. A), Foxconn (S. B) und Monsanto (S. C) und über die Widerstände dagegen.

Den Vergleich zwischen Ethischen Konsum auf der Einen und der Aktionsform Arbeitskampf auf der anderen Seite haben wir nicht zufällig gewählt. Er provoziert einen Paternalismus-Vorwurf: Die Vormundschaft der Ethischen Konsumenten des Globalen Nordens wird die Selbstbestimmung der Arbeiter*Innen des Globalen Südens gegenübergestellt. Abgesehen von dieser Problematik hat uns die Frage interessiert, warum das politische Verantwortungsgefühl ausgerechnet beim Konsum immer größere Ausmaße annimmt. Ließe sich doch einwenden, dass die größte Ausbeutung nicht durch den Markt, sondern durch das Produktionsverhältnis generiert wird. Wäre in diesem Sinne ein Androide, der uns auf der Arbeit vertritt und mit aller Konsequenz unsere Arbeitskämpfe für uns führt nicht viel wünschenswerter?

Zu guter Letzt sei noch auf einen Artikel verwiesen, der – vielleicht ganz im Sinne seines Protagonisten – aus dem Konzept sticht und etwas mysteriös daherkommt. Auf Seite V wird euch das spannende Leben des B.Traven vorgestellt. Viel Vergnügen, wünscht euch…

Eure Redaktion-Schwarzes-Kleeblatt

Dieser Artikel ist als Editorial in der 16. Ausgabe (Januar/Februar/März 2014) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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