Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Das Unsichtbare sichtbar machen

Zur Reproduktion und Reproduktionsarbeit

Der Begriff der Reproduktionsarbeit ist seit den 1970er Jahren zum Kampf- und Streitbegriff innerhalb feministischer Diskussionen und Kämpfe avanciert. Während die feministische Auseinandersetzung mit Arbeit und Arbeitsbegriffen zeitweilig etwas aus dem Blick geraten war, wurden die Debatten um Reproduktionsarbeit im Rahmen einer wieder verstärkten Auseinandersetzung mit feministischer Ökonomiekritik und materialistischem Feminismus wieder aufgegriffen. „Soziale Reproduktion betrifft uns alle“ lautete das Motto, unter dem im März 2014 in Berlin die „Care Revolution Aktionskonferenz“ stattfand.

Der Begriff der Reproduktion und der Reproduktionsarbeit bleibt jedoch weiterhin sperrig, theoretisch ungenau und umstritten. Nicht zuletzt deshalb haben sich im Laufe der feministischen Debatten eine Vielzahl anderer Begriffe herausgebildet, die entweder versuchen, spezifischer zu benennen, was mit Reproduktionsarbeit gemeint ist oder bestimmte darunter zu verstehende, aber oft vergessene Formen und Bereiche von Arbeit sichtbar zu machen. Beispiele sind etwa die Bezeichnungen Sorge- oder Pflegearbeit, Care-Work oder Hausarbeit. Gelegentlich wird auch zwischen bezahlter und unbezahlter Reproduktionsarbeit unterschieden. Spezifischer benannt werden sexuelle, emotionale und affektive Arbeit, die oft unsichtbar bleibt. Da die einzelnen Hintergründe der Diskussionen im Folgenden leider nicht dargestellt werden können, beschränkt sich der Text auf einige theoretische Analysen und Probleme zum Thema Reproduktion und Reproduktionsarbeit.

Marx’ Unterscheidung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit
Der Begriff der Reproduktion und der Reproduktionsarbeit geht zurück auf Karl Marx. Marx verstand unter Reproduktion den Vorgang, durch den Arbeitskraft im individuellen wie gesellschaftlichen Sinne „reproduziert“, das heißt wiederhergestellt wird. Mit Reproduktion bezeichnete Marx im Gegensatz zur Herstellung von Dingen, die (Wieder)Herstellung von Leben. Zwar nutzte er das Wort auch anderweitig, zum Beispiel, wenn es ihm um die Reproduktion des Kapitals ging, aber davon ist hier einmal abgesehen. Verwirrend und leider oft auch von Feminist*innen missverstanden, ist Marx’ Unterscheidung von produktiver und unproduktiver und gesellschaftlich notwendiger Arbeit.

Die Definition des Begriffs der produktiven Arbeit hängt von der Auffassung der Natur des Mehrwerts ab. Produktion ist zunächst, nach einer allgemeinen und idealen Bestimmung bei Marx, eine Gebrauchswert schaffende Tätigkeit. Eine Tätigkeit also, die etwas hervorbringt, was Menschen in einer Gesellschaft zu ihrer Bedürfnisbefriedigung benötigen. Die Gebrauchswerte werden jedoch nicht nur von produktiver Arbeit im kapitalistischen Sinne geschaffen – historisch gesehen ist es eher andersherum. Dieser Gebrauchswert ist jedoch eine Voraussetzung, dass etwas überhaupt erst – im Kapitalismus für den Markt – produziert wird.

Wenn aber ein Produkt trotz seines offenkundigen Gebrauchswertes keinen Tauschwert auf dem Markt erzielt, wird in der kapitalistischen Produktion von diesem Produkt abgesehen. Es wird also der Gebrauchswert auch nicht produziert. Deshalb ist produktive Arbeit der Definition nach im Kapitalismus nur solche, die sich dem Zweck der Mehrwertproduktion unterordnet. Die Versorgung mit wichtigen, von der Gesellschaft benötigten Gebrauchswerten (z.B. Bildung, Kunst, Pflege oder Kindererziehung), müssen manchmal mehr, manchmal weniger auf anderen Wegen gewährleistet werden (Staat, Zivilgesellschaft, private Haushalte, Familie etc.).

„Produktiv“ bezeichnet bei Marx also nur diese formale Eigenschaft einer Arbeit, die Mehrwert produziert, also „produktiv“ im Sinne des Kapitals ist. Alles andere ist aus Sicht des Kapitals und im Kapitalismus unproduktiv. Marx meinte die Unterscheidung, nach der etwa die zu Hause geleistete Arbeit der Kinderbetreuung oder des Kochens unproduktiv, die Arbeit z.B. in einer Papierfabrik aber produktiv ist, nicht wertend. Welche Arbeit in einer Gesellschaft marktförmig organisiert wird oder werden kann, ist von den jeweiligen historischen und sozial-ökonomischen Bedingungen einer Gesellschaft abhängig und hängt laut Marx nicht an einer bestimmten Art von Tätigkeit.

Reproduktionsarbeit
Feminist*innen haben hier zu Recht eingewandt, dass es einen Unterschied zwischen den verschiedenen Tätigkeiten gibt und darin, wie diese im Laufe der weiteren Entwicklung der Produktivität marktförmig organisiert werden können. Nicht alle Arbeiten lassen sich gleichermaßen, z.B. durch technischen Fortschritt und Entwicklung der Produktivkräfte steigern. Während eine Autofabrik heute bei größerer Produktivität mit viel weniger Arbeiter*innen betrieben werden kann, werden für die Pflege einer Person und die Betreuung von Kindern immer noch vor allem Arbeitskräfte und damit Menschen benötigt. Diese Besonderheit bestimmter reproduktiver Arbeit hat dazu geführt, dass die Menschen, die diese Arbeit leisten und ihre Arbeitskraft im Kapitalismus verkaufen, systematisch abgewertet wird. Entweder, damit sie, in der Regel von Frauen*, unbezahlt im Privaten geleistet wird oder damit sie in möglichst billiger Lohnarbeit noch als „produktiv“ verwertet werden kann.

Ein anderer Grund, warum bestimmte Tätigkeiten, wie Pflege und Betreuung, so wenig Anerkennung genießen und grundsätzlich schlechter bezahlt werden, als Tätigkeiten, die mit Maschinen zu tun haben, ist ihre traditionell weibliche Zuschreibung. Pflege-, Sorge- und emotionale Arbeit werden z.B. als weibliche Tätigkeiten naturalisiert. Sie gelten als reine Eigenschaften von Frauen, nicht als deren Qualifikation oder Kompetenz, die entsprechend zu entlohnen wäre.

Der Zusammenhang zwischen Produktions- und Reproduktionsarbeit bei Marx
Wie hängen nun aber Produktion und Reproduktion bei Marx miteinander zusammen? Die produktive Arbeit, die Tauschwerte und damit Mehrwert produziert, wird entlohnt. Entlohnung erfolgt aus dem durch die Produktion erzielten Einnahmen und gemäß den durchschnittlichen, historisch-gesellschaftlich verschiedenen Reproduktionskosten. Das heißt den Kosten, die für die jeweilige Arbeiterin anfallen, um sich jeden Tag am Leben zu erhalten und am nächsten Tag wieder satt, gesund und ausgeruht arbeiten gehen zu können. Dazu rechnete Marx aber auch die Kosten, die für eine langfristige generative Reproduktion von neuen Arbeitskräften erforderlich sind, also auch die Versorgung der Kinder, deren Ausbildung etc.

Die Höhe der Reproduktionskosten hängt dabei von einer ganzen Reihe von Faktoren ab. Unter anderem vom Grad der Rationalisierung der Produktion und der Entwicklung der Produktivkräfte, von den Lebensmittelpreisen, von gesellschaftlichen Vorstellungen eines Mindest- oder angemessenen Lebensstandards, den Anforderungen für die Bildung und Qualifikation der Arbeiter*innen und nicht zuletzt davon, was Arbeiter*innen in Kämpfen um Arbeitszeit, Löhne usw. erkämpft haben. Die (angenommenen) Kosten für die Reproduktion sind also im Arbeitslohn schon immer enthalten und sollen aus Sicht des Kapitals – logisch – möglichst minimal gehalten werden. Dem gegenüber steht das Interesse der Arbeitenden nach mehr Reproduktion, die sich in klassischen Forderungen der Arbeiter*innenbewegung nach kürzeren Arbeitszeiten, Lohnerhöhungen und besseren Arbeitsbedingungen etc. äußern.

Feministische Kritik
Die hier nicht in Frage gestellte Trennung von Produktionssphäre und Reproduktionssphäre, wie auch die fehlende Ausformulierung einer genauen Kritik an der Organisation von Reproduktion der Arbeitskraft (wie z.B. die Aufgabenverteilung innerhalb der Familie und im Haushalt) bei Marx oder bei denen, die sich auf Marx bezogen haben, haben die Kritik von Feminist*innen auf sich gezogen.
Vor allem ging es dabei um die Sichtbarmachung der Bedeutung dieser Arbeit für die kapitalistische Produktion und die Ausbeutung, die damit zusammenhängt.

Die feministischen Debatten der 1970er Jahre, die sich auf die Problematisierung der Hausarbeit konzentrierten (z.B. Werlhof und dalla Costa), zielten auf die Anerkennung der von Frauen* im Haushalt geleisteten, unbezahlten Arbeit. Diese wurde besonders in der Forderung nach einer direkten Entlohnung – „Lohn für Hausarbeit“ – manifest. Die Grundthese war hier, dass Mehrwertproduktion überhaupt erst durch Hausarbeit möglich wird, so dass Hausarbeit selbst als produktive Arbeit bezeichnet werden müsse – auch wenn die Mehrwertproduktion nicht unmittelbar stattfindet.

Das Problem der Reproduktionsarbeit oder eher das Problem der sozialen Reproduktion, der Reproduktion unseres Lebens, stellt sich heute für Feminist*innen unter veränderten historischen Bedingungen, im postfordistischen von Überakkumulationskrisen geschüttelten Kapitalismus allgemeiner.

Die Krise der Reproduktionsarbeit
Die Krise der Reproduktion bildet den Ausgangspunkt eines relativ neuen feministischen Blickwinkels auf diese Problematik und die Krise. Dieser basiert zunächst einmal auf der Feststellung, dass die Reproduktion von Leben im Kapitalismus im Prinzip immer in der Krise ist – also, dass eine Wirtschaftskrise, wie wir sie im Moment erleben, nicht die Ursache einer Krise der Reproduktion ist, sondern diese nur verschärft. Diese permanente Krise der Reproduktion ergibt sich aus dem Widerspruch, der der Reproduktion innewohnt: Den einzelnen Menschen geht es tatsächlich um Bedürfnisbefriedigung, oder allgemein ausgedrückt, um die Reproduktion ihrer selbst und der Menschen, um die sie sich kümmern. Dem Kapital hingegen geht es bei der Reproduktion aber im Prinzip nur um die Reproduktion von Arbeitskraft.

In den reichen Ländern, wie Deutschland, wurde diese permanente Reproduktionskrise eine Zeit lang durch den fordistischen Sozialstaat abgefedert. neoliberale Politiken nehmen aber seit den 1970ern auch hierzulande weiter zu. Durch den Rückbau des Sozialstaates und die allgemeine Prekarisierung von Lebens- und Arbeitsverhältnissen spitzt sich der Widerspruch zwischen der Reproduktion als Bedürfnisbefriedigung und Reproduktion zu Kapitalzwecken weiter zu. Das bedeutet im Klartext, dass immer weniger Zeit und Ressourcen, die wir zu unserer Reproduktion benötigen, zur Verfügung stehen.

Die Mittel zu unserer Reproduktion, wie die Häuser, in denen wir wohnen, Ackerland, auf dem Lebensmittel angebaut werden, Krankenhäuser, in die wir gehen, wenn wir medizinisch versorgt werden müssen, und Bildungsstätten, in denen wir lernen können, werden privatisiert und dem Zweck der Kapitalverwertung stärker als zuvor unterworfen. In der Konsequenz nimmt die Arbeitsbelastung von Pflegekräften zu, steigen Mieten, Studiengebühren und Lebensmittelpreise. Aber auch wir als Einzelpersonen haben, während wir immer prekäreren Lohnarbeitsbedingungen ausgesetzt sind, immer weniger Zeit und Mittel, uns selbst und andere Menschen zu pflegen und um für sie zu sorgen. Vor allem von Frauen wird erwartet, dass sie diese unbezahlte Pflege- und Sorgearbeit leisten und damit einhergehende Doppelbelastung hinnehmen. All das und vieles mehr zählt zur Krise der Reproduktion.

Aus feministischer Perspektive bleibt der Begriff „Reproduktion“ jedoch widersprüchlich: Wir benutzen ihn einerseits, um auf die gesellschaftlich wenig ge- und beachtete Reproduktionsarbeit hinzuweisen, die meist von Frauen* geleistet und deren ausbeuterischer Charakter übersehen wird. Andererseits wollen wir zeigen, wie wichtig die reproduktiven Tätigkeiten für alle Menschen sind. Andere oder sich gegenseitig zu reproduzieren, heißt, sich um Bedürfnisse zu kümmern, dafür zu sorgen, dass es uns oder einer anderen Person gut geht. Auch wenn es im Kapitalismus immer darum geht, die Arbeitskräfte fit zu machen, letzten Endes dient Reproduktion der Bedürfnisbefriedigung.

Sollte nicht alle Arbeit, auch die in Fabriken oder anderswo, auf Bedürfnisse, anstatt auf Kapitalvermehrung ausgerichtet sein? Das ginge nur, wenn der Kapitalismus abgeschafft wäre. Aber dann bräuchten wir die Unterscheidung zwischen reproduktiver und produktiver Arbeit ohnehin nicht mehr. In einer Gesellschaft, die den Kapitalismus überwunden hat, gehört jedenfalls auch der Begriff der Reproduktionsarbeit auf den Müllhaufen der Geschichte.

Dieser Artikel ist in der 17. Ausgabe (Juni 2014) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

Creative Commons Lizenzvertrag

Kommentare sind geschlossen.

Über uns
Das Schwarze Kleeblatt ist ein anarchosyndikalistisches Magazin, das Themen und Meinungen von einem sozialrevolutionären Standpunkt aus betrachtet. Es erscheint alle zwei Monate und ist kostenlos als Onlineausgabe und im berliner Raum als Printversion verfügbar. Wir möchten hier nicht nur unsere jeweils aktuelle Ausgabe bzw. deren Artikel online veröffentlichen, sondern auch zur Diskussion stellen. Wenn du Interesse hast, als AutorIn für's Schwarze Kleeblatt aktiv zu werden, Anregungen bzw. Kritik hast oder unsere Zeitung zum Auslegen zugeschickt bekommen willst, dann schreib uns.