Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Schwarzes Kleeblatt
Mit Klasse!

Über die Veränderung der Arbeit und fehlendes Klassenbewusstsein

Es gab eine Zeit, da schienen die Unterschiede zwischen den ökonomischen Klassen sehr offensichtlich zu sein. Den einigen Wenigen, die Produktionsmitteln besaßen, aber nichts produzierten, standen unzählige Menschen gegenüber, die gezwungen waren, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um so Lohn für ihren Unterhalt oder den ihrer Familie zu erhalten und somit zu überleben.
 Letztere produzierten in Fabriken und lebten unter menschenunwürdigen Lebensbedingen in den großen Städten Europas.

Heute scheint das anders zu sein. Das Bild des dicken Unternehmers mit Zigarre im Mundwinkel auf der einen und des starken Industriearbeiters auf der anderen Seite ist längst überkommen. Doch auch heute lassen sich Gesellschaften in unterschiedliche Klassen und/oder Schichten einteilen, die entgegengesetzte, unvereinbare Interessen haben. Der fundamentale Unterschied in kapitalistischen Gesellschaften ist zwischen Menschen, die Produktionsmitteln besitzen, und Menschen, die darauf angewiesen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen (oder von anderen abhängen, die dies tun).

Klassenunterschiede und Bewusstsein
Mit dem Beginn der Industrialisierung im Globalen Norden kam es zu einem Übergang von der agrarischen hin zur industriellen Produktionsweise. Gründe dafür waren gewaltvolle Landnahmen, die vielen Menschen ihrer Lebensgrundlage beraubten, und die vielfache Gründung von Fabriken in den Städten. Auf Grund der erschwerten Bedingungen auf dem Land und der vorhandenen Arbeit in den Städten wuchsen diese enorm und es bildete sich ein Stadtproletariat, welches fast ausschließlich in Fabriken produzierte und in extremer Armut lebte.
 Neben erwachsenen Männern waren teilweise auch Frauen und Kinder gezwungen, in den Fabriken zu arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Arbeitszeiten waren lang und die Bezahlung schlecht – und viele Arbeiter*innen erkannten im Kapitalismus ein menschenunwürdiges und ausbeuterisches System.

Es folgte die Entstehung von Interessenverbänden wie Gewerkschaften, Parteien und außerparlamentarischen Gruppen im späten 19. Jahrhundert. Es kam also zu einem Bewusstsein der Klassenzugehörigkeit und zu der Erkenntnis, dass diejenigen, die auf den Verkauf ihrer eigenen Arbeitskraft angewiesen waren, in krassem Gegensatz zu denen standen, die die Produktionsmittel besaßen. Das Leben Letzterer, die der Konkurrenzlogik des Kapitalismus folgten und nur auf Profit aus waren, unterschied sich massiv von dem der Lohnarbeiter*innen. Vereint als Produktivkräfte organisierten sich die Arbeiter*innen gegen schlechte Arbeits- und Lebensbedingungen und gegen die Herrschenden und Besitzenden.

Veränderung der Arbeit
Die oben genannten Interessenverbände erkämpften mit der Zeit gewisse Rechte der Arbeiter*innenklasse und verbesserten so den Alltag vieler Menschen. Im Nachkriegseuropa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es dank „Wirtschaftswunder“ zu einem gewissen Wohlstand der arbeitenden Bevölkerung. Anders als sozialpartnerschaftliche Konzepte suggerieren, blieben die Besitzverhältnisse jedoch bestehen. Noch immer war und ist bis heute ein großer Teil der Bevölkerung lohnabhängig und damit auch abhängig von den Vorgesetzten und Unternehmensleiter*innen.

Spätestens ab den 1970er Jahren kam es im Globalen Norden jedoch zu einer Veränderung der Arbeit. 
Weg von einer reinen Produktion von Konsumgütern, hin zu einer Arbeit, die nicht mehr ausschließlich produziert, sondern auch planerisch oder beratend auftritt. Der Dienstleistungssektor wuchs und der Produktionssektor wurde – auch dank neuer Technologie – immer kleiner. Die Art der Arbeit veränderte sich also teilweise, die Abhängigkeit vom Lohn blieb jedoch auch dort bestehen. Viele der produzierenden Gewerbe wurden damals in Länder des Globalen Südens verlagert, wo eine riesige und in hohem Maße prekär beschäftigte Arbeiter*innenklasse entstand. 


Neben der Erschließung neuer Arbeitsfelder im Dienstleistungssektor kam es zu einer zunehmenden Flexibilisierung und Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse im Vergleich zur kurzen Periode der so genannten Vollbeschäftigung im Westeuropa der Nachkriegszeit. In den neuen Beschäftigungsverhältnissen des Dienstleistungssektors arbeiteten und arbeiten die Menschen zunehmend isoliert, wodurch die gemeinsame prekäre Lebensrealität häufig weniger offensichtlich ist.

Während frühere Arbeitsplätze dafür ein Bewusstsein schufen und den Austausch über gleiche Probleme, Interessen und Forderungen ermöglichte, wird diese Form der Organisation heute heute immer schwieriger. Heute prekär beschäftigt zu sein, bedeutet auch oft, sich in dieser Prekarität alleine zu sehen, was verstärkt wird durch die Beschäftigung über Zeit- und Leiharbeitsfirmen und die Unterbindung radikaler gewerkschaftlicher Aktivität.

Nebenbei entstanden auch Jobs, die als systemerhaltend erachtet werden können. Gemeint damit sind Jobs, die keine gesellschaftlich notwendigen Arbeiten beinhalten, sondern eher dazu da sind, das Kapital und die Macht einer privilegierten Oberschicht auszubauen oder zu sichern.

Kapitalistische Propaganda
Der Wahlspruch des Neoliberalismus „Jeder ist seines Glückes Schmied“ ist seit den 1980er Jahren die gängige Propaganda im Kapitalismus des 20. und 21. Jahrhunderts. Dies scheinen sich viele Arbeiter*innen zu Herzen genommen zu haben. „Denkt jeder an sich selbst, ist an alle gedacht!“

Die politische Hetze der bürgerlichen Medien gegen sogenannte „Sozialschmarotzer, die sich auf unsere Kosten ausruhen“, gegen „Ausländer, die unsere Arbeitsplätze klauen“ und die Diskreditierung von Streikenden führen seit vielen Jahren zu einer Entsolidarisierung unter Lohnabhängigen. Diese Propaganda wird dabei ganz bewusst gestreut, um vermeintliche Unterschiede herauszustellen und die arbeitenden Klassen zu spalten. Ein ökonomisches System wie der Kapitalismus, welches Konkurrenz predigt, macht jeden Menschen austauschbar und somit persönlich unwichtig: „Wenn du nicht funktionierst, kannst du gehen und es kommt ein Anderer“.

Gerade die seit über einem Jahrzehnt wachsende Prekarisierung der Arbeit führt dazu, dass sich unter den Arbeiter*innen Zwietracht zeigt. So fühlen sich zum Beispiel Festangestellte denjenigen überlegen, die nur über einen Zeitarbeitsvertrag eines Subunternehmens beschäftigt sind. Auch innerhalb einzelner Betriebe werden die Arbeiter*innen mit Mitteln unterschiedlicher Arbeitsbedingungen wie Urlaubsanspruch, Arbeitszeiten, Lohnunterschiede und Sonderzahlungen gespalten.


Dabei sind es nicht die anderen Arbeiter*innen, die für schlechte Arbeitsbedingungen und den trostlosen Alltag, der das Leben auf das Wochenende beschränkt, verantwortlich sind. Verantwortlich ist das System des Kapitalismus, welches Konkurrenzdenken fördert und Unternehmer*innen zwingt, die Lohnkosten niedrig zu halten, um im Kapitalismus bestehen zu können. Letztere können zwar Handlungsspielräume unterschiedlich nutzen und haben so eine gewisse Mitverantwortung – letzten Endes sind jedoch alle den Zwängen kapitalistischer Strukturen unterworfen.

Alle Räder stehen still, wenn die Klasse es so will
Sowohl die Verbesserung der Arbeitsbedingungen als auch die Umgestaltung des ganzen ökonomischen Systems ist möglich, doch bedarf es dafür mehr als einer Hand voll Leute. 
Anstatt der Propaganda Glauben zu schenken und angebliche Unterschiede zu suchen, ist es längst an der Zeit, unsere Gemeinsamkeiten zu erkennen. 
Als Arbeiter*innen im Kapitalismus haben wir zwangsläufig ein Interesse daran, unsere Arbeitskraft möglichst kurz, für möglichst viel Kohle, zu möglichst erträglichen Arbeitsbedingunen zu verkaufen.

Inwieweit uns das gelingt, hängt allein davon ab, wie wir uns organisieren und kollektiv Macht entfalten können. 
Dazu muss die Frage gestellt werden, wer ist es denn, der täglich den gesellschaftlichen Reichtum produziert und diese Ökonomie am laufen hält? 
Es ist unsere Klasse, all diejenigen, die darauf angewiesen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, ob in der Produktion oder im Dienstleistungssektor, und all jene, die unentgeltlich und unsichtbar diese Arbeitskraft produzieren und reproduzieren.

Klassen? Klassenkampf? Ist das nicht alles ein Relikt aus alter Zeit und lange überholt?
Schön wär’s. Während kleine Teile eines elitären Bürgertums darüber philosophieren, inwiefern sich die arme Bevölkerung in Sammelbezeichnungen zusammenfassen lässt, ist es für Milliarden Menschen auf der Welt bittere Realität, dass ein Klassenkampf einer herrschenden Minderheit gegen die Mehrheit der Weltbevölkerung geführt wird. 
Auch wenn die Welt, gerade in Westeuropa, nicht mehr schwarz/weiß scheint, so sind es doch immer noch jene, die die Produktionsmittel besitzen, die die Macht ausüben. 
Und ihnen gegenüber stehen immer noch diejenigen, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen: sowohl die Arbeiter*innen im klassischen Sinne, als auch Angestellte und alle anderen, die lohnabhängig sind, also auch Rentner*innen, Erwerbslose, diejenigen, die den Haushalt schmeißen, Auszubildende aller Branchen und viele mehr.
 Wir sind viele, das sollten wir uns bewusst machen und gemeinsam für eine selbstbestimmte Zukunft kämpfen.

Dieser Artikel ist in der 17. Ausgabe (Juni 2014) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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