Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Power to the Bauer

Auf dem Lande wächst etwas heran

Der 17. April ist der Internationale Tag der ländlichen Kämpfe. Ins Leben gerufen wurde dieser Tag von der Gruppierung „La Via Campesina“. Die Aktivitäten der Campesin@s 1(Fußnote) erstrecken sich vom alltäglichen Widerstand bis hin zu internationalem Lobbying.

Land, Nahrung, Würde und Leben
Der Mensch, mit all seiner Schaffenskraft und seinem Zerstörungsvermögen, benötigt als Voraussetzungen seines Handelns Nahrung, Wasser und grundlegende Rohstoffe wie Holz. Die Beschaffung dieser Güter, die Urproduktion, geschieht im wirtschaftlichen Primärsektor. Dieser ist fast ausschließlich in ländlichen Regionen bzw. „auf dem Land“ angesiedelt, denn das Urproduktionsmittel der Menschen ist und bleibt der unversiegelte, lebendige und mit Humus angereicherte Boden.

In unseren urbanisierten Gefilden, mit einem stetig wachsendem und sich neu erfindendem Gestrüpp aus Verarbeitungs- und Dienstleistungssektoren, fällt der Blick runter auf den Boden, auf den Primärsektor, nur gelegentlich. Die meisten EuropäerInnen haben wohl kaum einen konkreten Bezug zur Urproduktion, sondern konsumieren lediglich deren Produkte. Und wird doch einmal der Blick in die Kette des Produktes zurückgeworfen, endet dieser meistens auch bei der Frage, ob Bio oder nicht.

Hinter diesen alltäglichen Produkten stehen hunderte Millionen Erwerbswirtschaftende – und mit den noch viel zahlreicheren Subsistenzwirtschaftenden, macht die Landbevölkerung rund die Hälfte der Weltbevölkerung aus. Die Anzahl und die Lebensbedingungen unterscheiden sich nach Regionen stark, mit einem klaren Gefälle vom globalen Norden in den Süden bezüglich des Wohlstandes und umgekehrt beim Betrachten der Anzahl. Doch geeint wird der größte Teil von ihnen bei den Grundthemen ihrer Kämpfe und dies nicht zuletzt aufgrund der neoliberalen Globalisierung und geopolitischen Kampagnen, deren negative Auswirkungen sich besonders stark im Primärsektor niederschlagen. Bei ihren Kämpfen geht es besonders um Besitzfragen von Land, Zugang zu Wasser oder gar die Patentierung von Leben bis hin zu Gender-Themen, regionale und internationale (Wirtschafts-)Politik, Ökologie, Arbeitsbedingungen oder die Bewahrung von Kulturen. Und so, wie ihre Probleme und deren Ursachen weltweit verstrickt sind, genau so global haben sich Menschen vom Land in „La Via Campesina“ zusammen getan, um gemeinsam für ihre Selbstbestimmung zu kämpfen.

La Via Campesina
“La Via Campesina” (mit „der bäuerliche Weg“ übersetzbar) wurde 1993 gegründet und ist eine pluralistische Gruppierung, zu welcher sich BäuerInnen, LandarbeiterInnen, FischerInnen und ländliche Organisationen zählen, einschließlich Gruppen von Frauen und Indigenen. Sie umfasst ca. 150 lokale und nationale Organisationen aus 70 Ländern, die meisten von ihnen sind auf der Südhalbkugel aktiv, aber auch „westliche“ Vereinigungen engagieren sich in der “Via Campesina”, wie die deutsche Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Nach eigenen Angaben vereint “La Via Campesina” rund 200 Millionen Menschen unter ihrem Banner und ist für diese eine Bewegung, Netzwerk, Gewerkschaft und politische Organisation mit basisdemokratischen Strukturen. Als gemeinsames Ziel wird das selbst entworfene Konzept der Ernährungssouveränität betrachtet.

Ernährungssouveränität
Beim Welternährungsgipfel der UN 1996 in Rom brachten die VertreterInnen von “La Via Campesina” den Begriff der Ernährungssouveränität ein. Dieser ist als Gegenstück zu dem bis dahin verwendeten Begriff der Ernährungssicherheit gedacht. Der von der (vor allem westlichen) Politik benutze Begriff der Ernährungssicherheit entspringt neoliberalen Theorien und dreht sich aus dieser Perspektive um die Nahrungsversorgung der Weltbevölkerung.

Der Begriff der Ernährungssouveränität umfasst viel mehr als das Stillen des Hungers. So geht es um eine umfassende Horizontalisierung von Macht und Kontrolle mit Blick auf ein gänzlich neues System und übersteigt somit die reine Nahrungsversorgung, welche nur als Ausgangspunkt weiterer Prozesse betrachtet wird. In der Abschlusserklärung des Forums für Ernährungssouveränität 2007 in Mali heißt es:

„Ernährungssouveränität ist das Recht der Menschen auf gesunde und kulturell passende Nahrung, welche durch ökologische und nachhaltige Methoden produziert wird, und ihr Recht, ihre eigenen Lebensmittel- sowie Agrarsysteme zu definieren. Dabei stehen diejenigen, die Lebensmittel produzieren, vertreiben und konsumieren, im Mittelpunkt des Lebensmittelsystems – anstelle der Nachfrage von Märkten und Unternehmen. Ernährungssouveränität bedeutet die Schaffung neuer sozialer Beziehungen frei von Unterdrückung und Ungleichheit zwischen den Geschlechtern, ethnischen Gruppen, sozialen Klassen und Generationen.“

Seit einigen Jahren schon hat sich der Begriff der Ernährungssouveränität etabliert, er ist Schlagwort vieler Organisationen weltweit und auch von diversen nationalen und internationalen Institutionen anerkannt. Im Jahr 2008 verankerte Ecuador das Konzept der Ernährungssouveränität in seiner Verfassung; Venezuela, Mali, Bolivien, Nepal und Senegal haben es zum Teil ihrer nationalen Politik gemacht.

Grassroots Lobby
“La Via Campesina” ist basisdemokratisch strukturiert. Ihre Mandatierten und RepräsentantInnen sind selbst landwirtschaftlich tätig bzw. von entsprechenden Gruppen gewählt und müssen sich immer mindestens zur Hälfte aus Frauen zusammensetzen. Für viele ist “der bäuerliche Weg” die Befreiung von bevormundenden Einrichtungen wie der Kirche, Parteien und NGOs. Doch aus dieser Unabhängigkeit resultiert hier nicht jegliches unterlassen von Dialogen und Verhandlungen mit solchen Organisationen. Viel eher ist dies eine der großen Schwierigkeiten der Bewegung: der Spagat zwischen Basisdemokratie und emanzipativen Ansprüchen auf der einen, und Lobbying auf höchsten nationalen und internationalen politischen Ebenen auf der anderen Seite. So unterzeichneten VertreterInnen der “Via Campesina” im Oktober 2012 mit dem Generaldirektor der FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN) ein Abkommen über eine zukünftige Zusammenarbeit. Generell übernehmen VertreterInnen von “La Via Campesina” bei Bündnissen nur eine unterstützende bzw. beratende Rolle. So soll die lokale Verwurzelung gewährleistet bleiben, ohne auf Einflussmöglichkeiten zu verzichten.

Globalizing hope – globalizing struggle
Die meisten Campesin@s gehören zu den am stärksten von Armut und Ausbeutung Betroffenen. Sie kämpfen für ihre Selbstbestimmung, sowie für unser aller Nahrung – und dies sichtbar mit Erfolg und auf der ganzen Welt. Marx prognostizierte das Verschwinden der Bauernklasse im Kapitalismus, neoliberale Stimmen propagiern die Verschmelzung von Höfen und Agrarbetrieben zu riesigen hochkommerzialisierten und industriellen Farmen. In Teilen der Welt mag dies zutreffen. Doch mittlerweile ist klar geworden, wie bedeutend kleinteilige Agrarstrukturen sind und auch bleiben werden, besonders in Hinblick auf ein nachhaltiges Morgen. Und so wünschen wir einen kämpferischen 17. April – und schauen zuversichtlich in eine herrschaftsfreie Zukunft.

„Ein Bauer kommt vom Land. Dort waren immer Bauern gewesen. Wer vorher dort nicht war, das waren Investoren, Industrielle, Parteien, usw. Bauern haben immer existiert und werden auch weiterhin existieren. Sie werden sich niemals beseitigen lassen.“ Marcelo Carreon Mundo (2000), Vertreter der Forstorganisation im Gebiet der Maya in Mexiko.

1 Im Spanischen wird das @-Zeichen zum Gendern von Worten verwendet. Es steht dabei für eine Kombination der Buchstaben “a” und “o”, die normalerweise eine geschlechtliche Zuordnung ausdrücken.

Dieser Artikel ist in der 17. Ausgabe (Juni 2014) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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