Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Transhumanismus

Die schleichende Abschaffung des Menschen?

Der Transhumanismus ist eine relativ neue philosophische Denkrichtung, in der dafür argumentiert wird die Erkenntnisse der Nano- und Biotechnologie, der Gentechnik und regenerativen Medizin zu nutzen, um die Physis des Menschen radikal zu verändern. Er wird insbesondere innerhalb elitärer und akademischer Kreise vertreten und avanciert vor allem im angloamerikanischen Raum zu einer regelrechten Bewegung. Mit ihren Thesen greifen die Transhumanisten nicht nur aktuelle, sondern auch vergangene Denkmuster auf und ihre Postulate berühren nicht nur tiefgreifende moralisch-ethische Fragen, sondern haben auch eine politische Dimension. Obwohl das transhumanistische Vorhaben schon lange keine bloße Fiktion mehr ist und seiner Realisierung eine hohe gesellschaftliche Brisanz zukommt, ist ein Diskurs innerhalb der libertären Bewegung beinahe gänzlich ausgeblieben. Dieser Artikel soll in die transhumanistische Argumentation einführen und so auf eine weiterführende Auseinandersetzung vorbereiten.

Einmal Mensch, immer Mensch?
Einmal als Mensch geboren, steht uns eine Welt an Möglichkeiten offen. Dutzende Handlungen, Imaginationen und Fähigkeiten, die vollzogen, erworben und ausgelebt werden können. Der menschliche Organismus stellt eine Fülle an Wahrnehmungsfunktionen bereit und zusätzlich hat er Mannigfaltiges auf Lager, um in der Welt zu agieren und interagieren. Ein reichlich bestückter Avatar, der das Zeug zu Kreativität, Selbstverwirklichung und Individualismus in sich trägt. Doch die Transhumanist*innen sehen das etwas pessimistischer: Verglichen mit dem was möglich ist, habe der menschliche Organismus eine mickrige Ausstattung erhalten. Unbestritten würden Genie und Begabung immer wieder die Grenze des Menschenmöglichen einreißen, doch niemand wird je über das Potential seiner sechs Sinne, seiner zwei Beine oder seines einen Gehirns hinauskommen; zumindest nicht auf natürlichem Wege – argumentieren sie.

Die Grundannahme der Transhumanist*innen lautet nämlich, dass es erstrebenswert wäre (oder sogar geboten sei), die biologische Veranlagung des Menschen radikal zu überschreiten und zwar mit Hilfe aller zur Verfügung stehenden (oder zukünftig denkbaren) biomedizinisch-technischen Mitteln. Das Ziel ist die Erweiterung oder Optimierung des körperlichen und kognitiven Leistungsvermögens des Menschen zur Erreichung einer höheren Entwicklungsstufe, der des posthumanen Menschen. Der Transhumanismus unterscheidet sich also vom Perfektionismus darin, dass er nicht nur die menschlichen Fähigkeiten und Talente zur Vollendung bringen will, sondern ihnen weitere hinzufügen oder die vorhandenen auf ein ungeahntes Niveau heben will.

Von der Amöbe über den Affen zum Mensch – von da an übernehmen wir?
Über die letzten Jahrmillionen hat die Evolution zufällig zu dem geführt, was wir heute Mensch nennen: Einen Nachfahren der Trockennasenprimaten – biologisch ausgedrückt. Es herrscht eine ziemlich feste Definition davon, was Menschen idealerweise können und was sie schlechterdings nicht können. Religionen machen darüber noch einen Schritt hinaus und gehen häufig von so etwas wie einer unveränderbaren, menschlichen Natur aus, womit sie im fundamentalen Kontrast zur Auffassung der Transhumanist*innen stehen, in deren Bild der Mensch „a work-in-progress“1 ist, wie es der britische Philosoph und Transhumanist Nick Bostrom ausdrückt. Der Transhumanismus versteht den Menschen als etwas, das nicht ohne weiteres definiert werden kann, da er noch in Arbeit ist, und überträgt im selben Zug den Fortschrittsoptimismus der Technik auf den Menschen.

Die Möglichkeit zur Verwendung von biotechnischen oder medizinischen Mittel stellt für die Transhumanist*innen einen Selbstzweck dar. Im Gegensatz zur Evolution, in der das blinde Spiel der Kräfte walte, folge der künstliche Eingriff des Menschen vernünftigen Kriterien. Der Fortschritt, den uns die Biotechnologie und Humanmedizin bringe, liege deshalb nicht allein in der Optimierung der menschlichen Konstitution, sondern im historischen Moment, ab dem die biologische Entwicklung des Menschen nicht mehr ausschließlich ein Produkt der Evolution sei. Allein schon die biotechnische Möglichkeit, zu verändern, sei daher ein Gewinn für die menschliche Selbstbestimmung, sich seine eigene biologische Verfasstheit zu wählen.

Bin auch ich bereits transhuman?
Die Palette potentieller Verfahren zur „Verbesserung“ des Menschen, sogenannten Human Enhancements, ist groß. Sie reicht von Maßnahmen, die eine direkte Wirkung auf den lebenden Menschen erzielen, zu solchen, die auf die Planung der Nachkommen (genetic design) und die Veränderung des menschlichen Genoms abzielen (liberal eugenics). Allen ist jedoch zu eigen, dass sie über einen rein medizinischen oder therapeutischen Zweck hinausgehen. Vornehmlich zielen sie auf drei Bereiche:

  1. Die Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit (z.B. Doping)
  2. Die künstliche Erzeugung von emotionalem Wohlbefinden (bspw. der Einsatz von Antidepressiva zu nicht-terapeutischen Zwecken) oder intellektueller Höchstleistung (wie z.B. durch die Einnahme von Ritalin oder anderen Amphetaminen)
  3. Die drastische Verlängerung der Lebenszeit bei anhaltend hoher Lebensqualität (Anti-Aging)

Der Gedanke, die persönliche Performance mittels chemischer Wirkstoffe über das biologisch vorgesehene Maß hinaus zu steigern, genießt längst Popularität. Beispielsweise nimmt jede*r fünfte Studierende in Deutschland leistungssteigernde Mittel.2 Zwar sind die meisten Formen von Doping juristisch noch unzulässig, doch herrscht in manchen Kreisen bereits eine stillschweigende Billigung. Gesellschaftlich unstrittig sind derweil Human Enhancements, wie Impfungen, d.h. die präventive Immunisierung gegen Infektionskrankheiten, oder Prothesen, die den ersetzten Körperteilen überlegen sind. Ihnen würde man intuitiv einen rein medizinischen Zweck zuordnen, tatsächlich bedeuten sie aber auch eine Optimierung der menschlichen Physis.

Grafik: Das hier abgebildete Schaubild entstammt einem Essay vom Transhumanisten und Philosophen Nick Bostrom1. Obwohl es ein Menschen- und Tierbildzu Grunde legt, welches durchaus kritisch zu beäugen ist,veranschaulicht es gut, in welchen Entwicklungshierarchien undRelationen die angeführten undunterschiedenen Lebensformen von den Transhumanisten gesetztwerden. Das Schaubild ist folgendermaßen zu verstehen: Mit dem Raum möglicher Daseinsweisen ist die Summe aller kognitiver, emotionaler, physischer Zustände und sozialer Beziehungen gemeint, die ein Lebewesen erreichen bzw. erleben kann. Transhumane Menschen unterscheiden sich nach Bostrom von Posthumanen darin, dass sie sich noch in einer Übergangsphase befinden und lediglich moderate Enhancements, wie sie etwa heute schon vorkommen, implementiert haben. Mit Transhumanist*innen meinen wir im Artikel dagegen einfach Anhänger*innen oderVertreter*innen transhumanistischerAnschauungen. Neben dem in dieser Grafik zum Ausdruck kommenden naiven Fortschrittsoptimismus transhumanistischen Denkens, stößt auf, dass sich die Bereiche derDaseinsweisen von Mensch und Tier überlagern. Auch kommt nur am Rande zurGeltung, dass dem post- oder transhumanen Lebewesen in seiner biomed., tech. Ausgestaltung selbstverständlich auch Daseinsweisen verloren gehen müssen. In diesem Sinnewirdvernachlässigt, dass die sogenannte transhumanistischeOptimierung in mancherHinsicht auch mit einem Verlust an Qualitäten verbunden wäre

Grafik: Das hier abgebildete Schaubild entstammt einem Essay vom Transhumanisten und Philosophen Nick Bostrom1. Obwohl es ein Menschen- und Tierbild zu Grunde legt, welches durchaus kritisch zu beäugen ist, veranschaulicht es gut, in welchen Entwicklungshierarchien und Relationen die angeführten und unterschiedenen Lebensformen von den Transhumanisten gesetzt werden. Das Schaubild ist folgendermaßen zu verstehen: Mit dem Raum möglicher Daseinsweisen ist die Summe aller kognitiver, emotionaler, physischer Zustände und sozialer Beziehungen gemeint, die ein Lebewesen erreichen bzw. erleben kann. Transhumane Menschen unterscheiden sich nach Bostrom von Posthumanen darin, dass sie sich noch in einer Übergangsphase befinden und lediglich moderate Enhancements, wie sie etwa heute schon vorkommen, implementiert haben. Mit Transhumanist*innen meinen wir im Artikel dagegen einfach Anhänger*innen oder Vertreter*innen transhumanistischer Anschauungen. Neben dem in dieser Grafik zum Ausdruck kommenden naiven Fortschrittsoptimismus transhumanistischen Denkens, stößt auf, dass sich die Bereiche der Daseinsweisen von Mensch und Tier überlagern. Auch kommt nur am Rande zur Geltung, dass dem post- oder transhumanen Lebewesen in seiner biomed., tech. Ausgestaltung selbstverständlich auch Daseinsweisen verloren gehen müssen. In diesem Sinne wird vernachlässigt, dass die sogenannte transhumanistische Optimierung in mancher Hinsicht auch mit einem Verlust an Qualitäten verbunden wäre.

Eine Rehabilitierung des “Eugenik”-Begriffs
Der Begriff “Eugenik” entstammt einer Debatte, die Ende des 19. Jahrhunderts von Sozialdarwinist*innen um Themen wie Rassentheorie, Züchtungs- und Bevölkerungspolitik geführt wurde. Im Nationalsozialismus wurde er dann parallel zur sogenannten “Rassenhygiene” verwendet und zur Rechtfertigung der “Euthanasiemorde” und Zwangssterilisationen gebraucht. Dementsprechend wurde er im medizinischen Jargon lange Zeit gemieden – bis die Transhumanist*innen den Begriff wieder in die Debatte einführten. Unter dem Stichwort “liberale Eugenik” diskutieren sie aktuelle Möglichkeiten der Genmanipulation, bspw. die Präimplantationsdiagnostik (PID). Der sogenannten liberalen Eugenik – im Unterschied zur (negativen) Eugenik – soll es allerdings nicht darum gehen, die Fortpflanzung von Personen, deren Erbanlage als negativ bewertet werden, zu unterbinden, sondern die Erbanlagen der Menschen mittels Gentechnik zu beeinflussen. Das transhumanistische Vorhaben hat demnach nicht die Verhinderung einer Geburt zum Ziel, sondern sei ein Angebot zur biologischen „Verbesserung“.

So bietet die PID schon heute die Möglichkeit, Embryonen im Reagenzglas zu erzeugen und zu untersuchen, bevor sie in die Gebärmutter eingepflanzt werden. Dieses Verfahren erlaubt es nicht nur, Erbkrankheiten vor der Schwangerschaft zu erkennen und auszuschalten, sondern darüber hinaus auch erbliche Eigenschaften und das Geschlecht des Kindes auszuwählen. Weltweit wurde die PID bereits bei der Zeugung von über 10.000 Kindern angewendet.3 Kritiker*innen hegen die Befürchtung, sie könne trotz vieler Beteuerungen ein erster Schritt sein, den “Züchtungsgedanken” wieder salonfähig zu machen.

„The biggest threat to humanity”
Auf die Frage, was gegenwärtig die größte Bedrohung für die Menschheit darstelle, antwortete der liberale prokapitalistische Theoretiker Francis Fukuyama, der auch Mitglied des US-amerikanischen Bioethik Rates ist: „Transhumanismus“.4 Mit dieser Überzeugung steht er nicht allein da. Insbesondere Religionsanhänger*innen verurteilen die biomedizinische Planung der Nachkommenschaft als einen Eingriff in die „göttliche Schöpfung“. Doch Kritik am Transhumanismus kommt auch von anderer Seite. Sie betont oftmals die immensen Gefahren und Risiken, die bei der Durchführung sogenannter Human Enhancements auftreten können. Insbesondere ist ungewiss, ob gentechnische Veränderungen zum Zwecke der Wahrnehmungs- und Leistungssteigerung nicht zur Überforderung des menschlichen Organismus führen, oder ein störendes Ungleichgewicht erzeugen könnten. Außerdem scheint das transhumanistische Projekt die Teilung in politisch-ökonomische Klassen weiter zu zementieren. Denn das von Transhumanist* innen angepriesene Modell von biologischer „Optimierung“ scheint, aufgrund immenser Kosten, nur wohlhabenden Kreisen zugänglich zu sein. Hierbei drängt sich auch die Frage auf, wie bei einer weltweiten medizinischen Unterversorgung überhaupt aufwendige und kostspielige biotechnische Eingriffe zu rechtfertigen sind.

Eine erste Bilanz
Die enorme Diversität in Art und Anwendung von Human Enhancements weist darauf hin, dass eine Bewertung ihrer moralisch-ethischen Zulässigkeit, wie ihres Wertes fallabhängig ist. Dieser kleine Überblick hat gezeigt, dass nicht jedes Human Enhancement gleich von gesellschaftlicher Brisanz sein muss, es aber andererseits durchaus sein kann. Unbemerkt scheint sich derweil so etwas wie ein Transhumanismus-light, also eine gemäßigte Befürwortung des transhumanistischen Vorhabens, etabliert zu haben. Doch wir befinden uns gegenwärtig erst in den Anfängen einer Dynamik, die nicht nur das Potential hat, viel größere Ausmaße einzunehmen, sondern sich auch zu verselbstständigen. Die Befürchtung scheint nicht allzu fern, dass die freiwillige Bereitschaft oder der Wille, Human Enhancements an sich oder den eigenen Kindern vorzunehmen, in einer leistungsorientierten Marktwirtschaft bald zum subtilen Zwang wird. Eltern stehen dann zukünftig vor dem Dilemma, ob sie von den vorhandenen Möglichkeiten Gebrauch machen sollten, damit ihre Kinder später noch mit anderen posthumanen Kindern auf dem Arbeitsmarkt konkurrieren können.

Der Transhumanismus hat insbesondere im angloamerikanischen Raum große Förderer und einige Akademien widmen ihre Forschungsfelder sogar ganz der transhumanistischen Programmatik. 2008 hat sich im Silicon Valley, unter Mitarbeit des wohl populärsten Transhumanisten Raymond Kurzweil, die sogenannte Sigularity University gegründet, welche sich den Transhumanismus zum Leitgedanken gemacht hat. Sie wird u.A. von großen Konzernen wie Google, Nokia oder Genentech gefördert.

¹ Nick Bostrom (2003): Transhumanist Values. nickbostrom.com.
² Auf den Lernrausch folgt die Einsamkeit (2013). In: Zeit online, 06.03.2013. (Zeitungsartikel, welcher sich auf eine Studie der Universität Mainz vom Januar 2013 beruft)
³ Bundesärztekammer (2011): Memorandum zur Präimplantationsdiagnostik (PID). Berlin.
⁴ Francis Fukuyama (2004): Transhumanism. In: Foreign Policy, 01.09.2004. Siehe auch: Nick Bostrom (2004): Transhumanism: The World’s Most Dangerous Idea? nickbostrom.com.

Dieser Artikel ist in der 17. Ausgabe (Juni 2014) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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