Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

Von Säcken und Bienchen

Eine Gesellschaft zwischen Lethargie und Stress

Faulheit – jede/r kennt sie. Manche mehr, manche weniger. Faulheit oder besser: sogenannte Faulheit kann etliche Gründe haben; schließlich ist sie in der Regel nicht Ursache, sondern Wirkung. Häufig eilen ihr Langeweile, Motivationslosigkeit, Unter- oder Überforderung voraus. Auch kann sie sich in unterschiedlicher Form äußern: Die einen lernen oder arbeiten nicht (mehr) im erforderlichen Ausmaß, andere vernachlässigen soziale Kontakte, wiederum andere driften in Unordnung oder mangelnde Körperhygiene ab. Klar ist, 24/7 kann keine/r von uns funktionieren, geschniegelt und gestriegelt sein, dazu hellwach und arbeitswütig. Wir alle brauchen ab und zu eine Jogginghose, ein Buch, einen Fernseher oder einen Ausflug in die Natur. Denn Faulheit ist wichtig für unser seelisches und körperliches Wohlbefinden. Aber wo liegt das richtige Maß in einem viel abverlangenden Alltag? Ist Fleiß vielleicht – überspitzt gefragt – nur eine böse Erfindung von Politik und Wirtschaft?

Wer von Faulheit redet, muss meistens auch von persönlicher Zeit reden. Immerhin ist sie ausnahmslos begrenzt. Wir brauchen im Normalfall täglich unseren Schlaf und unsere Lebenszeit währt nicht ewig. Innerhalb dieser müssen wir immer wieder Teilzeiten investieren. Zuerst investieren wir sie per Schule, Ausbildung oder Studium in Zeit, die wir später verbringen werden. Diese verbringen wir dann zu gut zwei Dritteln, Monat um Monat, für einen hoffentlich passablen Lebensstandard. Die natürliche zeitliche Begrenzung, die in Konkurrenz steht zu materiellen, körperlichen und seelischen Bedürfnissen, führt dazu, dass die Mehrzahl der Menschen Abstriche machen und Prioritäten setzen muss. Eine große Wohnung, Hobbys, Partys und viel Freizeit, geschweige denn Urlaub, gehen in der Regel nicht zusammen – so ist die ökonomische Realität. Sehnsüchte werden eingetauscht gegen eine Stechuhr oder Hartz IV.

Viele verlieren durch so erlebte Enttäuschungen ihre Motivation: Die einen arbeiten überlastet und haben zu wenig Zeit und Kraft, sich FreundInnen und Familie zu widmen oder Innovatives zu unternehmen, da sie ihre wenige Freizeit zur Erholung benötigen. Die anderen haben zwar Zeit, aber armutsbedingt kaum Perspektiven zur Selbstentfaltung und gleiten so nicht selten in Lethargie und Depression ab. Etwaige Zustände – individuell durch psychische Sensibilität oder Drogenmissbrauch verstärkt – werden dann salopp als Faulheit betitelt, dabei geht man in der Psychologie längst nicht mehr davon aus, dass es so etwas wie bloße Faulheit überhaupt gibt.

Die Hauptursache der sogenannten Faulheit ist auch laut Psychologie von heute meist Demotivation, ausgelöst zum Beispiel durch Enttäuschungen im eigenen Umfeld. Das heißt, man wird faul, weil ursprünglich vorhandene Motivation missbraucht wurde – durch Schule, ArbeitgeberInnen, Jobcenter, aber auch von FreundInnen, Familie oder anderen Mitmenschen. Die ursprüngliche Motivation – eigentlich produktiver Natur – wird dann salopp mit Fleiß gleichgesetzt, der wiederum immer mehr als destruktiver Zwang wahrgenommen wird, bis man dann Stress oder Prokrastination ohnmächtig erliegt – manchmal gar mit erheblichen psychischen Folgen. Die Aufteilung, Faulheit wäre per se schlecht, Fleiß hingegen grundsätzlich gut, ist also nicht so einfach vorzunehmen.

Nun soll der Artikel aber auch kein Plädoyer für Faulheit beziehungsweise Motivationslosigkeit sein. Schließlich ist Motivation, wie das Wort schon selbst andeutet, der Motor unseres Lebens, ein Schlüssel zu Selbstentfaltung, kurzum unser Glücksgarant. Anders als manche linke Randmeinung verlauten lässt, ist in dem Zusammenhang berufliche Beschäftigung nicht ausschließlich als Lohnquelle und Zeitfresserin, sondern zumindest theoretisch auch teilweise als Feld der Selbstentfaltung zu bewerten. Dass das mit der Realität häufig nicht übereinstimmt, ist natürlich klar. Die ursprüngliche Motivation wird leider in vielen Fällen benutzt, um monotone, anstrengende oder schlicht zu viele (oder gar keine) Arbeiten ausführen zu müssen und wandelt sich so in leidenschaftslose Folgsamkeit aufgrund von Existenzsorgen – mit erheblichen Folgen für unser Wohlbefinden.

Sogar Gott, das heißt die Kirche, will hier ein Wörtchen mitreden und versucht, mit Angst und metaphysischer Motivation das Hamsterrad der Gefolgsamkeit am Laufen zu halten. Zwar ist ihr gesellschaftlicher Einfluss dieser Tage geringer denn je, doch fördert auch sie im Großen und Ganzen eine Weltanschauung, die Selbstentfaltung kaum zulässt. Der Protestantismus erklärt irdische Freuden für sündhaft: man hätte ein Leben lang zu arbeiten – die Belohnung warte im Paradies. Geschehe dies nicht, so müsse man das Höllenfeuer befürchten. Auch die katholische Kirche verfolgt Ähnliches durch die Festschreibung ihrer sieben Todsünden, worunter auch die Faulheit fällt. Der Mensch soll arbeiten, sein Geld der Kirche opfern, nicht nachfragen oder sich beschweren – die perfekte Verzahnung religiöser und ökonomischer Beherrschung.

Ist also doch der Fleiß das Übel? Jein. Auch diese Frage muss differenziert beantwortet werden. Wie die Faulheit ist auch der Fleiß – oben angedeutet – nur ein Symptom, also eine Sache, die uns wahrnehmbar erscheint, aber an sich nichts über ihren Ursprung aussagt. Grundsätzlich muss man von zwei Idealtypen von Fleiß ausgehen. Einmal jener „krankhafte“, der aus Angst und Druck von außen entsteht, auf der anderen Seite der „gesunde“ Fleiß, der sich aus Eigenmotivation ergibt. Da es sich um Idealtypen handelt, bedeutet das auch, dass nicht selten beide in Kombination auftreten. So kann eine Prüfung unangenehm sein, obwohl man das Schulfach eigentlich sehr mag, gleichzeitig aber ein enormer Druck von außen entsteht, eine gute Note zu schreiben. Handelt man aber überwiegend aus gesundem Fleiß, so lässt sich dieser nur bejahen und unterstützen.

Nicht zuletzt ist dieser Fleiß – also eine motivierte Grundhaltung – der entscheidende für das Erreichen von Erfolgen, nicht zwangsläufig beruflich, sondern auch etwa innerhalb seines Hobbys, im privaten Umfeld oder auf politischer Ebene. Er kann also auch genauso ausschlaggebend für unser persönliches Wohlbefinden sein, wie das zeitweilig gezielte Nichtstun oder Sich-berieseln-lassen, um uns nicht zu überstrapazieren.

Dieses gesunde Gleichgewicht muss gewahrt bleiben, nicht nur individuell, sondern auch kollektiv. Der Kampf um weniger beziehungsweise besser entlohnte oder stressfreiere Arbeit ist also nicht einfach nur materiell zu werten, er erfüllt darüber hinaus auch eine geistige Belebung, spendet neue Lebenskraft. Doch wie fängt man an, für eine Besserung einzutreten?
 Wichtig ist zu allererst, dass die Leute ehrlich mit sich selbst und ihrer Lebenslage sind und sich – möglicherweise auch anderen Leuten Fragen stellen – wie zum Beispiel: Bin ich mit dem zufrieden, was ich tue? Könnte ich mehr oder anderes leisten? Wenn ja, wo liegen die Blockaden? Wie kann ich diese beheben?

Wichtig ist es aber auch, sich in seine Mitmenschen hineinzuversetzen, die man entweder selbst für faul oder als VerursacherInnen für die eigene Antriebslosigkeit erachtet. Haltet ihr den Zustand für problematisch, sprecht betreffende Personen auf das Thema an und holt euch ggf. Hilfe von FreundInnen oder einem/r Therapeutin. Schließlich sind diese dafür ausgebildet, tiefliegende persönliche Probleme und Hemmnisse aufzuklären und möglichst zu beheben. Manchmal reicht es Personen in weniger schwerwiegenden Fällen aber auch schon aus, einen Ausgleich zu ihrem Alltag zu finden durch Sport, Kunst, Literatur, Musik oder einfach regen sozialen Kontakt, um neue Energien zu schöpfen. Schlussendlich ist es aber wichtig, anzuerkennen, dass jeder Mensch dafür auch Auszeiten und Zeit ohne jede Aktivität braucht.

Ja, Alltag ist Krieg. Das Leben ist nicht wirklich einfach. Doch deswegen in Weltschmerz und Selbstmitleid zu verfallen, kann nicht die Lösung sein, vor allem wenn man eine Besserung seiner Lage erwünscht. Deswegen lohnt es sich immer, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und einen neuen Versuch zu starten, Dinge in seinem Leben zu verändern – was gibt es großartig zu verlieren?

Dieser Artikel ist in der 17. Ausgabe (Juni 2014) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

Creative Commons Lizenzvertrag

Kommentare sind geschlossen.

Über uns
Das Schwarze Kleeblatt ist ein anarchosyndikalistisches Magazin, das Themen und Meinungen von einem sozialrevolutionären Standpunkt aus betrachtet. Es erscheint alle zwei Monate und ist kostenlos als Onlineausgabe und im berliner Raum als Printversion verfügbar. Wir möchten hier nicht nur unsere jeweils aktuelle Ausgabe bzw. deren Artikel online veröffentlichen, sondern auch zur Diskussion stellen. Wenn du Interesse hast, als AutorIn für's Schwarze Kleeblatt aktiv zu werden, Anregungen bzw. Kritik hast oder unsere Zeitung zum Auslegen zugeschickt bekommen willst, dann schreib uns.