Schwarzes Kleeblatt Das kostenlose Magazin der Anarchosyndikalistischen Jugend Berlin

You better work bitch!

Kritisches zur Arbeit

You want a hot body/You want a Bugatti/You want a Maserati/You better work bitch/ You want a Lamborghini/Sip martinis/Look hot in a bikini/You better work bitch ¹

Während ältere Popsongs die Enge des Alltags kritisieren, als Ausweg nur das Tanzen oder das Reisen sehen und eine eher arbeitskritische Haltung einnehmen, äußert Britney Spears in ihrer Single „Work b**ch* hier, was große Teile unserer Gesellschaft verinnerlicht haben und sich auch in der heutigen Popmusik widerspiegelt: ohne Arbeit kein Erfolg.
Als Kind reicher Eltern, von Kinderbeinen an Popstar, hat Britney Spears da natürlich leicht reden. Dass es nicht einfach ausreicht, „zu arbeiten“, um Maserati zu fahren, dürfte den meisten klar sein, die täglich acht Stunden und mehr arbeiten oder weniger als 5 € in der Stunde verdienen.
Arbeit. Kaum ein Begriff könnte alltäglicher sein, und doch: was ist das eigentlich – Arbeit?

Ein Blick in die Geschichte
Im täglichen Gebrauch versteht man unter dem Begriff Arbeit gemeinhin die bezahlte Arbeit, die Maloche, das Brötchenverdienen. What you do for a livin’. Ob und wie Arbeit bezahlt wird, unterliegt dabei nicht dem eigenen Ermessen, sondern ist fremdbestimmt. Da hinter dem Wunsch zu arbeiten also immer auch der Wunsch finanzieller Absicherung steht, steht hinter Arbeit auch immer ein Zwang. Begrifflich ihr gegenüber steht die Freizeit, manchmal die Muße, das süße Nichtstun. 
Die klare Trennung zwischen Erwerbsarbeit einerseits und Freizeit andererseits ist dabei ein historisch recht junges Phänomen und ging einher mit der Trennung von Arbeitsplatz und Haushalt. Vor der Industrialisierung gehörten Arbeits- und Wohnraum für die Menschen im landwirtschaftlich geprägten Europa zusammen und meist waren alle Mitglieder der Großfamilie in irgendeiner Form an den anfallenden Arbeitsprozessen beteiligt, deren fester Bestandteil auch die häusliche Arbeit war. Die meisten von ihnen produzierten lediglich für den eigenen Bedarf; bezahlt wurden sie, wenn dann, nicht für ihre Arbeitsstunden, sondern für die aus ihrer Arbeit entstandenen Produkte.

Circa ab Beginn des 19. Jahrhunderts setzte dann ein gewaltvoller Prozess der Industrialisierung ein. Einhergehend mit Landnahmen und technologischem Fortschritt zogen immer mehr Menschen in die Städte. Ihrer Mittel zur Subsistenzwirtschaft beraubt, sahen sich viele gezwungen, in Lohnarbeitsverhältnissen zu arbeiten. Die Landwirtschaft bestand dabei natürlich weiter, wurde jedoch zunehmend industrialisiert und von einigen wenigen kontrolliert. Der Produktionssektor wuchs, das Modell der streng geplanten Arbeitsabläufe und -zeiten gewann an Beliebtheit und fand seinen Höhepunkt im sogenannten Fordismus des 20. Jahrhunderts. Obwohl – gerade in traditionellen Arbeiter_innenmilieus – z.T. auch Frauen arbeiteten, kam ihnen vor allem die Reproduktionsarbeit zu. Während das zuvor auch der Fall gewesen sein mag, bedeutete diese Aufgabenverteilung nun – mit der Trennung von Haushalt und Arbeitsplatz und der Entlohnung der (meist von Männern verrichteten) Arbeit außerhalb des Haushalts – eine neue Hierarchisierung von Geschlechterrollen. Das Bild des alleinigen männlichen Familienernährers wurde zum Ideal stilisiert und die Reproduktionsarbeit von Frauen durch fehlende Entlohnung unsichtbar gemacht.

Die Wahl des „Berufes“ war damals und ist bis heute in hohem Maße abhängig von den Berufen beziehungsweise der ökonomischen und sozialen Situation der Eltern. Damit ist ein großer Teil der Zukunft eines jeden Kindes bereits vorbestimmt und soziale Durchlässigkeit bleibt die Ausnahme. Neben dem übergeordneten Zwang, durch Arbeit Geld zu verdienen, ist also auch die Wahl der Arbeitsform für die meisten Menschen beschränkt.

Seit Beginn der 1970er wurde in Folge der Wirtschaftskrisen ein Großteil der Produktion in den Globalen Süden ausgelagert und der Dienstleistungssektor in Westeuropa wuchs. Auch die kurzen Zeiten der „Vollbeschäftigung“ und der geregelten Arbeit waren vorbei und die Arbeitsverhältnisse veränderten sich zunehmend. Die Schuld dafür wurde einerseits bei den Maschinen, andererseits bei migrantischen Arbeiter_innen gesucht – beide nahmen angeblich Arbeitsplätze weg. Umstrukturierungen in Unternehmen hatten u.A. eine Abnahme von unbefristeten Arbeitsverträgen und die Zunahme von Leih- und Zeitarbeit zur Folge. Die zunehmende Flexibilisierung und damit einhergehende Prekarisierung lässt sich in fast allen Arbeitsbereichen finden.

Arbeit ist das halbe Leben
In einigen Bereichen der Arbeit lässt sich außerdem die Tendenz beobachten, dass Arbeit als etwas dargestellt wird, das Spaß machen sollte. Nur wenn du den richtigen Job wählst, kannst du ein glückliches Leben führen. „Selbstverwirklichung“ wird groß geschrieben.

Besonders betroffen sind davon Beschäftigungsverhältnisse der künstlerischen, akademischen, sowie der Medienbranche. Durch flache Hierarchien und selbst gewählte Arbeitszeiten wird hier suggeriert, selbstbestimmt zu arbeiten. Doch auch in anderen Branchen wird zunehmend gefordert, die Mails auch von unterwegs zu checken oder die Präsentation am Sonntag fertig zu stellen – ständige Vernetzung mit Laptops und Smartphones macht’s möglich. Ausgeblendet wird dabei völlig, wer davon profitiert: für Arbeitgeber_innen gibt es vermutlich nichts Besseres, als Mitarbeiter_innen, die ihre Arbeit lieben. Dadurch sind sie wohl viel eher dazu zu bewegen, auch Arbeit mit nach Hause oder ins Wochenende zu nehmen. Die Ziele eines Unternehmens müssen nicht mehr, wie zuvor, den Arbeiter_innen gewaltvoll auferlegt werden, sondern sind heutzutage von ihnen internalisiert und zu eigenen Zielen erkoren worden.

Zu Beginn der Industrialisierung hingegen, versuchten viele Arbeiter_innen so wenig wie möglich zu arbeiten – gerade mal so viel, wie nötig war, um die traditionellen Bedürfnisse zu befriedigen. Damals war es durchaus üblich, am Montag, manchmal auch am Dienstag blau zu machen. Schließlich sahen Unternehmer_innen keine andere Möglichkeit mehr, als die Löhne so niedrig zu halten, dass die Arbeiter_innen gezwungen waren, jeden Tag für eine bestimmte Anzahl an Stunden in den Betrieb zu kommen. Während es in europäischen Gesellschaften vorher rund 150 Feiertage gegeben hatte, wurden diese bereits in der frühen Phase des Kapitalismus auf zwei (Ostern und Weihnachten) herunter gekürzt.

So galt Arbeit an sich erst nach und nach als erstrebenswert und wurde zu einem moralischen Wert. Dieser Arbeitsethos hat sich bis heute verschärft. Wer heute erwerbslos und/oder nicht gewillt ist, jeden Job für einen Hungerlohn zu machen, ist neben den ökonomischen Schwierigkeiten auch von massiver sozialer Ausgrenzung betroffen. Ein “Recht auf Faulheit”, wie es Paul Lafargue in seinem gleichnamigen Buch fordert, gibt es nicht.

Und auch unsere sogenannte Freizeit steht immer in engstem Verhältnis zur Arbeit. Was wir mit unserer freien Zeit anfangen, fungiert dabei vor allem als Ausgleich oder aber als (selbstbestimmtere) Ergänzung zur Arbeit. So finden viele Menschen, die tagsüber am Schreibtisch sitzen, eine besondere Freude an der Gartenarbeit oder an sportlicher Betätigung, während andere am Liebsten ihre alltägliche Tätigkeit weiterführen, nur ohne Chef, der ihnen sagt, wie sie es zu tun haben. Außerdem wird die Freizeit mittlerweile immer auch zur Selbstoptimierung genutzt, sei es durch einen Sprachkurs, der bessere Karrierechancen bietet oder den täglichen Aufenthalt im Fitness-Studio, der den Körper noch schöner und geeigneter für den Markt werden lässt.

Freizeitbeschäftigung ist also immer auch als Reaktion auf die Erwerbsarbeit zu sehen. Sogenannten Arbeitslosen steht dabei nicht mal der Begriff Freizeit zu – wer keine Arbeit hat, darf auch keine Freizeit haben.

Arbeit nervt!
Arbeitszeitverkürzung, also der Ausbau der Freizeit, war auch immer Forderung von Sozialist_innen und mag so alt sein, wie Kapitalismuskritik selbst. Arbeiter_innen zu mehr Freizeit zu verhelfen war dabei ausgerufenes Ziel der Bewegung für den 10- und später den 8-Stunden-Tag oder die 35-Stunden-Woche. Sozialist_innen malten sich aus, wozu die freie Zeit genutzt werde könnte. Die Arbeiter_innen sollten durch mehr Freizeit die Möglichkeit haben, zu lesen, sich zu bilden und sich politisch zu betätigen. 
Dazu versuchten sozialistische Organisationen eine alternative Kultur zu entwickeln, die die Arbeiter_innen zu einem solidarischen Miteinander erzog. Um das zu erreichen, organisierten Parteien und Gewerkschaften gerade in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Sportveranstaltungen, Wanderungen, Gesangs- und Lesegruppen.

Die kürzeren Arbeitstage sollten durch den Einsatz von Maschinen erreicht werden. Für viele Sozialist_innen waren Maschinen keine Feinde, im Gegenteil: sie sollten schrittweise die lästige Produktionsarbeit übernehmen, damit die Menschen immer mehr Zeit zur freien Verfügung haben. Eigentlich naheliegend – leider sind das Überlegungen, die so nie Realität geworden sind. Und hier zeigt sich der Kapitalismus in seiner ganzen Absurdität. Die technischen Möglichkeiten, die die Menschen heute haben, würden ihnen ein angenehmes Leben durchaus ermöglichen, trotzdem schuften sie im Globalen Süden zu menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen, während im Globalen Norden immer neue, systemerhaltende Jobs geschaffen werden und der Traum des 4-Stunden-Tages ferner zu liegen scheint, als je zuvor. Heute fordern die großen Gewerkschaften in erster Linie: Arbeit! Die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung ist unter dem neoliberalen Druck „Hauptsache Arbeit“ völlig untergegangen.


Und auch von einer solidarischen (Arbeiter_innen-) Kultur ist heute kaum mehr etwas zu spüren. Grund dafür ist sicherlich die fehlende Identifikation als Arbeiter_innenklasse, gerade in Deutschland, die in engem Verhältnis steht zu einer zunehmenden Individualisierung. Sozialpartnerschaft und der Mythos der “nivellierten Mittelstandsgesellschaft” ² lassen Menschen bis heute glauben, im selben Boot zu sitzen, wie ihre Chefs, und keine eigene Interessenvertretung mehr zu brauchen. So treffen sich bis heute immer weniger Menschen in Vereinen oder engagieren sich gar politisch.

In der Freizeitgestaltung ließ sich dadurch zunächst eine zunehmende Konzentration auf die eigenen vier Wände und den eigenen Konsum feststellen. Heute wird zusätzlich ein Ideal von Freizeit propagiert, das vorsieht, mit möglichst vielen Menschen in Kontakt zu stehen, viel zu erleben und dabei losgelöst zu sein von jeglichen Zwängen. Beide Vorstellungen schreiben dem Individuum und seinem Konsum eine enorme Wichtigkeit zu.

Das bisschen Haushalt macht sich von allein
Wofür in dem dualistischen Verständnis von (bezahlter) Arbeit und Freizeit kein Platz ist, ist die häusliche Reproduktionsarbeit. Spätestens seit den 1970er Jahre bemühten sich Feminist_innen mit der Losung “Wages for housework” ³ um die Entlohnung und Anerkennung von Reproduktionsarbeit als Arbeit. Doch noch immer werden die täglichen Aufgaben, die in jedem Haushalt anfallen, wie z.B. die Betreuung von Kindern, das Putzen, Kochen und Waschen, nicht als “richtige Arbeit” anerkannt. Diese Arbeit wird unsichtbar gemacht, dabei ist sie notwendig für das Funktionieren einer jeden produzierenden Gesellschaft und nimmt gerade in großen Familien mit Kindern oder anderen pflegebedürftigen Familienmitgliedern täglich mehrere Stunden in Anspruch.

Auch im 21. Jahrhundert sind es in erster Linie Frauen, die für Reproduktionsarbeit verantwortlich gemacht werden. Bei erwerbstätigen Frauen führt das zu einer enormen Doppelbelastung. Auch wenn die Vereinbarkeit von Job und Familie mittlerweile zum Politikum geworden ist – an der Praxis hat sich wenig geändert.
Doch auch außerhalb der Familie werden Frauen für bestimmte Aufgaben verantwortlich gemacht, die sogenannte soft skills erfordern, wie z.B. wenn es darum geht, im Betrieb für die richtige Stimmung zu sorgen oder im Team zu arbeiten. Bestimmte Fähigkeiten und Kompetenzen von Frauen und Männern werden dabei als “natürlich” verklärt; die soziale Konstruktion von Genderollen wird geleugnet.

Was bleibt
Wenn wir heute von Arbeit sprechen, meinen wir immer noch in erster Linie die Erwerbsarbeit und vergessen dabei, dass auch in anderen Lebensbereichen durchaus Arbeit stattfindet, die gesellschaftlich unabdingbar ist. Nur durch die Anerkennung als Arbeit, kann es zu einer Umverteilung und Neubewertung von Reproduktionsarbeit und der Verknüpfung mit anderen Arbeitskämpfen kommen.

Darüber hinaus ist es wichtig, Kritik an Arbeit immer auch mit Kapitalismuskritik zu verknüpfen. Arbeit, so wie wir sie heute kennen, entstand erst im Kapitalismus – und erst mit seinem Ende können menschliche Tätigkeiten weitgehend selbstbestimmt ausgeübt werden. Heutige äußere Zwänge, wie die Abhängigkeit von Lohn oder Gehalt und dem Wohlwollen der Vorgesetzten beziehungsweise vom Arbeitsmarkt im Allgemeinen, können nur mit dem Ende des Kapitalismus abgeschafft werden. Bis dahin werden die Formen der Arbeit selten so frei gewählt, wie es Formeln à la „Do what you love“ oder „Jeder ist seines Glückes Schmied“ vermuten lassen. Wer welche Arbeit ausführt und welcher gesellschaftliche Wert ihr zu kommt, ist immer noch abhängig von der sozio-ökonomischen Stellung in dieser Gesellschaft, kurz, der Klassenzugehörigkeit.

Da ist es schön und gut, wenn Britney Spears von ihren teuren Autos singt – für die große Mehrheit der Menschen auf diesem Planeten bleiben diese Phantasien Träume auf flackernden Bildschirmen. Das einzige, was real ist, das einzige, was den meisten bleibt, ist der tägliche Befehl: „You better work bitch“.

¹ Willst du einen heißen Körper/willst du einen Bugatti/willst du einen Maserati/solltest du besser arbeiten, Schlampe/willst du einen Lamborghini/Martinis schlürfen/heiß aussehen im Bikini/solltest du besser arbeiten, Schlampe.

² Der Soziologe Helmut Schelsky prägte diesen Begriff in den 1950ern. Seine These war, dass die Mittelschicht der BRD immer größer und wichtiger wird. Sein Konzept von sozialen Schichten, die große soziale Mobilität ermöglichen, richtet sich gegen die Vorstellung von Klassen, und prägt in Deutschland bis heute viele politische Diskurse.

³ „Lohn für Hausarbeit“

Dieser Artikel ist in der 17. Ausgabe (Juni 2014) des Schwarzen Kleeblatts erschienen. Eine Übersicht über alle Ausgaben, Artikel und den Downloadbereich findest du hier.

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